Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an der abendlich bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine halbe Stunde nach dem Diner zu denen, die, unbeklommen plaudernd, als Habitués des Nichtgeheueren, den Weg ins Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter wurzelständig Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr. Ting-Fu und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann in Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und Wehsal also, der Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, zu schweigen von denen, die ihm die Erscheinung von Holgers Haupt gemeldet hatten, und von der Mittlerin, Elly Brand.

Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, als Hans Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür durchschritt. An Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem schwarzen Arbeitskittel, in väterlichem Sinne den Arm um ihre Schulter geschlungen hielt, erwartete sie am Fuße der Stufen, die noch von der Ebene des Souterrains in die Wohnung des Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit ihm. Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung von jeder feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft sprach man durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße und bekundete auf alle Weise seine Unbefangenheit. In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich beständig mit jenem kernigen und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck seine gelben Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, der schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, mein Freund!“ schien die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung des Wirtes zu sagen, während er dem jungen Mann fast derb die Hand drückte. „Wer wird die Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei, sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ Dem pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler davon. Wir ließen ihn sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums erinnern, doch diese Ideenverbindung reicht keineswegs hin, um den Zustand seines Gemüts zu kennzeichnen. Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft an die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität, Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, worin er sich vor Jahren befunden, als er sich, etwas bekneipt, mit Kameraden zum erstenmal angeschickt hatte, ein Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen.

Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich mit zwei Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und die elfenbeinfarbene Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle des Mediums ins Nebengelaß zurück, während Hans Castorp mit den neun verbleibenden Teilnehmern das Ende dieses regelmäßig und stets ergebnislos wiederholten Aktes wissenschaftlicher Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen Plauderstunden her, die er eine Zeitlang, hinter Joachims Rücken, hier mit dem Analytiker abgehalten. Es war, mit seinem Schreibbureau nebst Armsessel und Besucherfauteuil links hinten am Fenster, seiner Handbibliothek zu beiden Seiten der Nebentür, seiner von der Schreibtischgruppe durch einen mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg stehenden Wachstuch-Chaiselongue im rechten Hintergrunde, seinem Instrumentenglasschrank im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste in einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie über dem Gaskamin an der rechten Seitenwand, alltäglich ein ärztliches Empfangszimmer wie andere mehr; doch waren einige für den besonderen Zweck getroffene Abänderungen in seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch, der gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem elektrischen Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden roten Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel des Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, und exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene Hitze ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und über dem, von der Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit rotem und außerdem noch mit schwarzem Schleierstoff umkleidete Birne hing. Auf und neben dem Tischchen standen ein paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke, oder eigentlich zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle und eine Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl, der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, dessen eines Ende nahe dem Fußende der Chaiselongue und dessen anderes ziemlich genau in der Mitte des Zimmers, unter dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe des letzten Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der Musikschrein seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten lag auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. Noch waren die roten Lampen nicht entzündet. Der Deckenkörper spendete tagweißes Licht. Das Fenster, dem der davor stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit einem dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener, spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing.

Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen aus dem Kabinett zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich verändert. Sie zeigte sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern in einer Art Sitzungskostüm, einem schlafrockartigen Gewande aus weißem Crepe, das um die Taille von einer Gürtelschnur, einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre schmalen Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter diesem Gewande wenig trage.

Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie wieder aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie lächelte über die Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl wußte, daß er sie kleidete. „Vorkontrolle negativ“, stellte Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk denn, Kameraden!“ fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem Zungen-r hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war im Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz und Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen begannen, irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor sich persönlich an ihn wandte.

„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen als Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, möchte ich für diesen Abend besondere Ehrenrechte zuerkennen. Ich betraue Sie mit der Kontrolle unseres Mediums. Wir üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an das eine Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür mit den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, einen gewöhnlichen Rohrstuhl eingenommen hatte, setzte sich auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber und ergriff ihre Hände, indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen klemmte. „Ahmen Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich eintreten. „Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. Zum Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein Kleefeld, darf ich ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte gesellte sich zu der Gruppe, indem sie mit ihren beiden Händen Ellys gebrechliche Handgelenke umfaßte.

Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das dem seinen so nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen Wunderkindes blickte. Ihre Augen begegneten sich, aber Ellys glitten ab und nieder, zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, die nach Lage der Dinge wohl begreiflich war, und sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem Kopfe und leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance. Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung ihren Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel ihm ein, hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim und ihr an der noch unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs von „Dorf“ gestanden hatte ...

Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn Personen, nicht eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine Person zur Versorgung Polyhymnias freizuhalten gewohnt war und neben dem Apparat, nachdem er ihn in Bereitschaft gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin Sitzenden einen Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich. Unter dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte, ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem Handgriff die beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und mit einem zweiten das Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht glühende Finsternis lag nun über dem Zimmer, dessen entferntere Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt unzugänglich geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des Tischchens und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur langsam bequemten die Augen sich dem Dunkel und lernten, das zugestandene Licht sich zunutzezumachen, das durch das Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse Verstärkung erfuhr.

Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte ihre wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich hüten, sie im Sinne der Stimmungsmache und Mystifikation zu deuten. Kein Mehr an Licht sei leider beim besten Willen vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der hier in Frage stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal mit sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit der man sich vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war es zufrieden. Das Dunkel tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten der Gesamtlage. Überdies erinnerte er sich zur Rechtfertigung des Dunkels an dasjenige, worin man sich im Durchleuchtungsraum fromm gesammelt und mit dem man sich die Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“.

Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, das er offenbar an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe der Einschläferung durch ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, wie der Kontrolleur schon merken werde, von selbst in Trance, und, dies geschehen, spreche ihr Schutzgeist, der bekannte Holger, aus ihr, an den man sich auch – und nicht an sie – mit seinen Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es irrtümlich und könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen und Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. Im Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige Aufmerksamkeit das Gebotene. Hans Castorp möge vor allem darauf bedacht sein, die Extremitäten des Mediums in untadeliger Obhut zu halten.