„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat man, lachend, wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht gleich zu finden waren. Dr. Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst sitzend, legte seine Rechte auf ihre Schulter und reichte die Linke Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben dem Doktor saßen Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß, welcher, wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der elfenbeinfarbenen Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“ befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors und seiner Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ kommandierte Krokowski wieder, während die ersten Takte einer Ouvertüre von Millöcker erschollen; und gehorsam rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in Gang zu setzen, die von nichts und wieder nichts, hier von den Schneeverhältnissen dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge, dort von einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte und, halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, sich künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten.

Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte. Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper sank nach vorn, so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps berührte, und gleichzeitig begannen ihre Arme mit denen der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und rückwärts stoßende Bewegungen auszuführen.

„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. Das Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein hörte man des Doktors weich schleppenden Bariton die Frage tun:

„Ist Holger zur Stelle?“

Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. Dann spürte Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und kurz die seinen drückte.

„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit.

„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. Er ist also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er mit Salbung fort. „Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! Und laß dich erinnern! Als du das letztemal unter uns weiltest, versprachst du, jeden beliebigen Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder oder eine Schwester, herbeizurufen und unseren sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir aus unserem Kreise genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du dich vermögend, heut dieses Versprechen einzulösen?“

Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. Langsam führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer an ihre Stirn, wo sie sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte sie dicht an Hans Castorps Ohr ein heißes „Ja!“

Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem Freund jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich als „Gänsehaut“ bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm eines Tages erläutert hatte. Wir sprechen von einem Gruselreiz, um das rein Körperliche vom Seelischen zu unterscheiden; denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede sein. Was er dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“ Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine verwirrte Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren aus Verwirrung, aus dem täuschenden Umstande nämlich, daß ein junges Blut, dessen Hände er hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ gehaucht hatte.

„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich.