„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen dich beim Wort. Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine tust. Der Name des Teuren, nach dessen Manifestation wir verlangen, wird dir sogleich genannt werden. Kameraden“, wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der Sprache! Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll uns Freund Holger zeigen?“
Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung des anderen. Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen geprüft, wohin, zu wem seine Gedanken gingen; doch bleibt die Rückkunft Verstorbener, das heißt: die Wünschbarkeit solcher Wiederkehr immer ein verwickeltes und heikles Ding. Im Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht, diese Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen, genau so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, höbe die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und was wir Trauer nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz über die Unmöglichkeit, unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, als darüber, dies gar nicht wünschen zu können.
So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine ernste und praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein sentimentale und theatralische Veranstaltung handelte, bei der man den Ausgeschiedenen eben nur sehen sollte, der Fall also lebensunbedenklich war, so fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte dessen, an den sie dachten, und jeder hätte das Recht, einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten zugeschoben. Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte – bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im letzten Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt zu lassen. Da es ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, den Kopf gegen den Sitzungsleiter gewandt, mit belegter Stimme:
„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen sehen.“
Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden hatten nur Dr. Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium selbst den Angeforderten nicht gekannt. Die übrigen, Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt, Herr und Frau Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut und froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden, obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, da dieser im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen hatte.
„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im Leben war der Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits der Dinge und bist du bereit, ihn uns herbeizuführen?“
Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und schauderte. Sie schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, hin und her sinkend, bald an Hans Castorps Ohr, bald an dem der Kleefeld Unverständliches flüsterte. Endlich empfing Hans Castorp von ihren beiden Händen den Druck, der „Ja“ bedeutete. Er erstattete Meldung, und –
„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! Musik!“ rief er. „Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, daß keinerlei Gedankenkrampf und gewaltsame Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig eine zwanglos schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge.
Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden junges Leben bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns sein späteres Schicksal nicht vollkommen deutlich ist, obgleich wir ihn an einem bestimmten Punkt unserer Geschichte aus den Augen verlieren werden, möchten wir annehmen, daß es die überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte.
Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine kurze Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers oder eigentlich des Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser Arbeit, die sich entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich an einem Ergebnis zu verzagen allgemein im Begriffe war und außerdem aus purem Mitleid oft genug sich versucht fühlte, sie verzichtend abzukürzen, denn sie schien wirklich erbarmungswürdig schwer und über die zarten Kräfte zu gehen, denen sie auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem angenommen wird und wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, dies empörte „Genug!“, das sich unserer Brust entringen will, obgleich „es“ nicht genug sein will und darf und so oder so zu Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß wir von unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt, dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar glich, daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der ihn noch gar nicht kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher also, da auch er dem Leben nicht ausgewichen war, diesen Akt voll organischer Mystik in solcher Gestalt kennen lernte, – in was für einer Gestalt! Und zu welchem Behufe! Und unter welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche Person der Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit ihren bloßen Ärmchen, wie auch was die weiteren Verhältnisse, die unaufhörliche leichtlebige Grammophon-Musik, das künstliche Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf Befehl zu unterhalten suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die aus ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! Mut! Es wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer heraus damit, so wirst du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen wir hier die Person und Lage des „Gatten“ aus – wenn wir Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den zugehörigen Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der „Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, so daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, damit sie ihm nicht entglitten.