Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte Hitze.
Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt zu im Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit gewöhnt hatten, daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. Die Musik, das Rufen erinnerten an Aufpulverungsmethoden der Heilsarmee, erinnerten auch denjenigen daran, der, wie Hans Castorp, einem Gottesfest dieser aufgeräumten Zeloten noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch, geheimnisvoll, den Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene in keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen, organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, das sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen wehenartig, nach Ruhezuständen, während welcher sie seitlich schlaff vom Stuhle hing, in einer Verfassung von Unzugänglichkeit, die Dr. Krokowski als „Tief-Trance“ bezeichnete. Dann wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich hin und her, drängte, rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und Sinnloses an ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen und biß einmal sogar in Hans Castorps Ärmel.
Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der Sitzungsleiter es im allseitigen Interesse geraten, eine Pause eintreten zu lassen. Der Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung halber den Musikapparat zuletzt geschont und sehr gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen lassen, stellte sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die Hände. Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten. Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die Nachtaugen blöde verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, das Gesicht fast in ihrem Schoß. Man sah sie eigentümlich beschäftigt, begriffen in einem Tun, das den anderen vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und aufmerksam zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen Hand in der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand von sich fort und mit schöpfender oder rechender Bewegung wieder an sich heran, so, als zöge und sammle sie etwas ein. – Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken zu sich, blinzelte, auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und lächelte.
Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen mit ihrer Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah nicht aus, als sei sie besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel an der rückwärtigen Breitseite des Schreibtisches am Fenster, zwischen ihm und der spanischen Wand, die die Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine Wendung gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten Blicken gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da bedacht, schweigend während der ganzen Pause, die fünfzehn Minuten dauerte.
Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung im Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die Zigarettenbüchsen der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen und besprach da und dort nahe beieinander stehend den Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man an diesem Charakter verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte ins Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten Ende des Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten darin überein, mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch verspürt zu haben, der regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, von der Person des Mediums in eine bestimmte Richtung ausgehe. Andere wollten Lichterscheinungen bemerkt haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von Kraft, die sich vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten. Kurzum, kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein Wort gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er es einlösen werde.
Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der Sitzung. Er selbst geleitete Elly, während auch die übrigen ihre Plätze wieder aufsuchten, zu ihrem Marterstuhl zurück, wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging wie vorhin; Hans Castorp beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des ersten Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig beschieden. Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der den Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, daß jede irreführende Manipulation des Mediums praktisch ausgeschlossen sei. So nahm Hans Castorp seine sonderbare Stellung mit Elly wieder ein. Das Licht erlosch zum Rotdunkel. Die Musik begann wieder. Wieder folgten nach einigen Minuten das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys, und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die skandalöse Niederkunft nahm ihren Fortgang.
Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht vonstatten gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher Wahnsinn! Woher hier Mutterschaft? Entbindung – wie und wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das Kind, während seine Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen Dauerkrampf überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als Eklampsie bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er ihr die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die Magnetisierung, wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu weiterem Ringen.
Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die Gitarre schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten Albums in den Raum warf, dessen Lichtverhältnissen die tagentwöhnten Augen sich wieder leidlich angepaßt hatten. Da ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans Castorp war es, der ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen Wunsch und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn, gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten sollen. Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen Händen, in „Tieftrance“, und Herr Wenzel war im Begriffe die Platte zu wechseln oder sie umzudrehen, als unser Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe einen Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne seine Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das heiße: der Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus „Margarete“ von Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit Orchester, sehr ansprechend. Er, Redner, meine, daß man es einmal mit dieser Platte versuchen sollte.
„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel ...
„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der junge Mann. Der Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich und speziell. Es komme auf einen Versuch damit an. Nicht ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach, daß dieser Geist und Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde abkürzen können.