„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn Kasimir Japoll geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für die dem Fräulein Krylow und ihm zugefügten schweren Beleidigungen sei.

„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn Janusz Teofil Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski zugefügte unqualifizierbare Unrecht, worauf noch,

„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus von Zutawski Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische Besudelung seiner Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows wiederholt und mehrfach ohrfeigte.

„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten sich während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. (Datiert u. gezeichnet:) Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“

Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über dies Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst wohl getan haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und der untadelige Komment der einen –, die bübische und schlaffe Ehrlosigkeit der anderen Seite, wie beides aus den Dokumenten dem Leser in die Augen sprang, erregten ihn in ihrer etwas unlebendigen, aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit aufs tiefste. So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische Ehrenhandel leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen Zähnen besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt des Herrn Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski sei ganz genau bekannt gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit in Lemberg von irgendwelchen aufgeblasenen Laffen für satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und alle seine sofortigen und ungesäumten Schritte seien das reine Affentheater gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig und allein aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu verklagen, weil, wie jedermann und er selbst ebenfalls recht gut wisse, seine Gemahlin Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung versehen habe, wofür er, Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis hätte erbringen können, wie denn auch mit der allgemeinen Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre einzulegen gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls, Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter die erstere verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der Rolle, die Herr Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, wolle er nicht reden. Was aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar betreffe, so sei er, Japoll, ein wenn auch mundscharfer und zum Witz geneigter, so doch äußerst schwächlicher Mensch; von Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der ungewöhnlich kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden, zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und Lenarts Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber schreckhaft wie die Hühner gewesen seien; und so habe er, um eine wüste Schlägerei und öffentlichen Skandal zu vermeiden, Lenart, der sich habe zur Wehr setzen wollen, veranlaßt, sich ruhig zu verhalten und die flüchtigen gesellschaftlichen Berührungen der Herren von Zutawski und Lodygowski in Gottes Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den Umsitzenden als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien.

So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine Korrekturen vermochten den schönen Kontrast von Ehre und Misere, wie er aus den Feststellungen der Gegenseite hervorging, nur oberflächlich zu stören, zumal er nicht über die Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen Partei verfügte, sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner Replik unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, wie gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten sie. Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls zugestellt bekommen, – Hans Castorp sah sie in ihren Händen, und zu seiner Überraschung bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen und sonderbar hingerissenen Mienen darauf niederblickten. Den heiteren Spott, den er selbst vermöge der herrschenden inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn Settembrini wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den klaren Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die Hans Castorp beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das Lachen verschlug, ihn für die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels ernstlich empfänglich machte; und außerdem verdüsterte ihn, den Mann des Lebens, sein langsam und unter foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und dessen er sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, der ihn aber um diese Zeit schon alle paar Tage zwang, das Bett zu hüten.

Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es nicht besser. Auch in seinem organischen Innern schritt die Krankheit fort, die der physische Grund – oder muß man sagen: Vorwand gewesen, weshalb seine Ordenslaufbahn ein so verfrühtes Ende genommen, und die hohen und dünnen Bedingungen, unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung nicht Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung seiner Stimme klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach bei erhöhtem Fieber mehr noch, schärfer und beißender als ehedem. Jene ideellen Widerstände gegen Krankheit und Tod, deren Niederlage vor der Übergewalt einer niederträchtigen Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem kleinen Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer und Gram, sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust sondergleichen, eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, Verneinung und Verwirrung, die die Melancholie des anderen aufs schwerste reizte und ihre intellektuellen Streitigkeiten täglich verschärfte. Hans Castorp, natürlich, konnte nur von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war so ziemlich gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien zu entzünden. Und wenn er Herrn Settembrini nicht den Kummer ersparte, Naphtas Bosheiten hörenswert zu finden, so mußte er doch zugeben, daß sie nachgerade alles Maß und häufig genug die Grenze des geistig Gesunden überschritten.

Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, sich über die Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in ihrem Bilde und Zeichen. Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, der den lauschenden Zögling am liebsten aus dem Zimmer gewiesen oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er die Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den Geist darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine Narrheit. Was komme dabei heraus? Eine Fratze! Das Wirklichkeitsergebnis der gepriesenen französischen Revolution sei der kapitalistische Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! die man in der Weise zu verbessern hoffe, daß man den Greuel universal mache. Die Weltrepublik, das werde das Glück sein, sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um den berühmten Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich Erleichterung davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich ganz allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein Ausdruck. Er werde kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich er anderes zeitigen werde, als seine Veranstalter sich davon versprächen. Naphta verachtete den bürgerlichen Sicherheitsstaat. Er nahm Veranlassung, sich darüber zu äußern, als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle Welt Regenschirme über die Köpfe hielt. Das war ihm ein Symbol für die Feigheit und ordinäre Verweichlichung, die das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein Zwischenfall und Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“ wirke atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die größte Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. Das sei jämmerlich und reime sich in seiner humanitären Schlaffheit recht artig auf die wölfische Krudität und Niedertracht des wirtschaftlichen Schlachtfeldes, das der Bürgerstaat darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und die allgemeine Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert.

Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ ins Gespräch einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes Mittel gegen innen- und außenpolitische Katastrophen empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta, der kürzlich noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies Geistige selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt war. Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher? Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, schmückten den einen mit gefährlicher Auszeichnung und bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und der wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine lähmende Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen Seite eine Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da also der Mensch, um im Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ in diesem Sinne durch „Gerechtigkeit“ in jenem Sinne korrigieren mußte, – wo blieben Unbedingtheit und Radikalismus des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“ gegen den einen Standpunkt oder gegen den anderen. Der Rest war Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine, oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle.

Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft zu stören. Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf die Wissenschaft zu sprechen kam, – an die er nicht glaubte. Er glaube nicht an sie, sagte er, denn es stehe dem Menschen völlig frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei ein Glaube, wie jeder andere, nur schlechter und dümmer als jeder andere, und das Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des stupidesten Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare Münze zu nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste Dogmatik daraus zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet worden sei. Ob etwa nicht der Begriff einer an und für sich existierenden Sinnenwelt der lächerlichste aller Selbstwidersprüche sei? Aber die moderne Naturwissenschaft als Dogma lebe einzig und allein von der metaphysischen Voraussetzung, daß die Erkenntnisformen unserer Organisation, Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt sich abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die nackteste Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. Raum, Zeit und Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, – und da habe man das Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen Afterreligion, womit man das erste Buch Mosis außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel aufklärendes Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der Entstehung der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther sei wohl exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz des „kleinsten, unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf Erfahrung? In der Tat, man werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, zu lustigen Erfahrungen und Ergebnissen gelangen mit dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität des Raumes und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? Aus dem einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen Größe zum Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe im Unendlichen und weder Dauer noch Veränderung in der Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen könne es, da jede Distanz dort mathematisch gleich null sei, nicht einmal zwei Punkte nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige denn gar Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der Dreistigkeit zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ für absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte Menschheit, die sich durch ein prahlerisches Aufgebot nichtiger Zahlen ins Gefühl eigener Nichtigkeit habe drängen, um das Pathos der eigenen Wichtigkeit habe bringen lassen! Denn es möge noch leidlich heißen, wenn menschliche Vernunft und Erkenntnis sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre ihre Erlebnisse mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife sie aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte Kosmologie, Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und die Anmaßung komme auf den Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. Welch ein lästerlicher Unsinn, im Grunde, die „Entfernung“ irgendeines Sternes von der Erde nach Trillionen Kilometern oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich einzubilden, mit solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem Menschengeist Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, – während doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und Zeitdistanzen überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten, sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu sein, vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was wir Natur nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das glaube, die Sterne seien Löcher im Himmelszelt, durch welche die ewige Klarheit scheine, sei ihm vieltausendmal lieber, als das ganze hohle, widersinnige und anmaßende Geschwätz, das die monistische Wissenschaft vom „Weltall“ verübe!