Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen knirschen. Das war für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung, wie die mit Wiedemanns gesträubtem Haar: Er hatte gedacht, es sei nur eine Redensart und komme in Wirklichkeit nicht vor. Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der Stille, ein furchtbar unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch, das sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen Beherrschung erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und nur mit einer Art von keuchendem Halblachen:

„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig? Haben wir die pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation so weit, daß sie blank zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für den Anfang, – leicht erzielt, wie ich mit Geringschätzung hinzufüge, denn eine wie gelinde Neckerei hat hingereicht, den wachhabenden Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das Weitere wird sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese. Ich hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen, was Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese Grundsätze durch Mittel auf die Probe zu stellen, die –“

Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren:

„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im Wege, Sie sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag dieser kleinen Differenz an den gehörigen Ort verlegen. Für den Augenblick nur eines. Ihre frömmelnde Angst um den scholastischen Begriffsstaat der Jakobiner-Revolution sieht in meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen, die Kategorien über den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer akademischen Tugendwürde zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen. Diese Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan. Sie ist schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit, ein geistiges Ennui, das Gähnkrampf erzeugt, und mit dem aufzuräumen die neue, unsere Revolution, mein Herr, sich anschickt. Wenn wir als Erzieher den Zweifel stiften, tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit sich je hat träumen lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der radikalen Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor, der heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem anderen Blatt. Sie werden von mir hören.“

„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini ihm nach, der den Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte, um sich seines Pelzwerks zu bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer sich hart auf seinen Stuhl zurücksinken und preßte sein Herz mit den Händen.

„Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!“ stieß er kurzen Atems hervor.

Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart fuhr fort auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Hans Castorp ahmte die Kinnstütze seines Großvaters nach, denn ihm zitterte das Genick. Alle bedachten, wie wenig man sich bei der Ausfahrt solcher Dinge versehen habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen, bedachten gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war. Dies erleichterte vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was dann?

„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen.

„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem neben ihm Stehenden einen Blick empor, um sich gleich danach von ihm abzuwenden und den Kopf in die Hand zu stützen.

„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ...