„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch ihn einen Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob sich vollkommen gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres Vergnügens, allein mit solchen Zwischenfällen muß jeder Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige theoretisch das Duell, ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist es eine andere Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum, ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in meiner Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden Übung werden mir das Handgelenk wieder geläufig machen. Gehen wir! Das Nähere wird zu verabreden sein. Ich vermute, daß jener Herr bereits anzuspannen befohlen hat.“

Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt und nachher, wo ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden schwindelte, namentlich, als sich herausstellte, daß Naphta von Hieb und Stich nichts wissen wollte, sondern auf einem Pistolenduell bestand, – und daß tatsächlich er die Waffe zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen Begriffen der Beleidigte war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen Mann, wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen Grade befreien konnte und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn sei, und daß man es verhindern müsse.

„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch mit Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon auf der Rückfahrt als Kartellträger gewonnen hatte, und der den Verkehr zwischen den Parteien vermittelte. „Eine Beschimpfung bürgerlicher, gesellschaftlicher Art! Wenn einer des anderen ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte, wenn es sich um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs sieht! Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter Ausweg da, und wenn dann der Ehre Genüge geschehen und die Sache glimpflich abgegangen ist, und es heißt: Die Gegner schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es eine gute Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen Verwicklungsfällen. Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa in Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung getan hat. Er hat die Kategorien über den Haufen geworfen. Er hat, wie er sich ausdrückt, den Begriffen ihre akademische Würde geraubt. Dadurch haben Sie sich beleidigt gefühlt, – mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“

„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah ihn an ...

„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er hat Sie nicht beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben Sie mal! Es handelt sich um abstrakte Dinge, um geistige. Mit geistigen Dingen kann man beleidigen, aber man kann nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime, die jedes Ehrengericht annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott versichern. Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und ‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung, denn auch das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen Bezirke und hat mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun, worin es einzig so etwas wie Beschimpfung gibt. Das Geistige kann niemals persönlich sein, das ist die Vervollständigung und die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“

„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß Geistiges nicht persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie sollten das nicht meinen“, sagte er und lächelte eigentümlich fein und schmerzlich. „Sie gehen jedoch vor allem fehl in Ihrer Einschätzung des Geistigen überhaupt, das Sie offenbar für zu schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu zeitigen von der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt, und die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges. All’ incontro! Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist zugleich auch das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge, und es birgt viel tiefere und radikalere Möglichkeiten des Hasses, der unbedingten und unversöhnlichen Gegnerschaft, als das soziale Leben. Wundern Sie sich, daß es sogar direkter und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des Du oder Ich, zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des körperlichen Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine ‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr zum Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse Regelung ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das Wesentliche der Lage bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der körperliche Kampf, und es ist Sache jedes Mannes, sich in aller Entfernung vom Natürlichen dieser Lage gewachsen zu halten. Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag, der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller Vergeistigung ein Mann zu bleiben.“

Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es darauf zu erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn Settembrinis Worte taten gefaßt und logisch, und dennoch klangen sie fremd und unnatürlich aus ihm hervor. Seine Gedanken waren nicht seine Gedanken, – wie er ja auch auf den des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen hatte –; sie waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen inneren Umstände, deren Knecht und Werkzeug Herrn Settembrinis schöner Verstand geworden war. Wie, das Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum Tierischen, zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu tun, – um zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht konnte. Sie waren stark auch in ihm, die inneren Umstände, er war nicht der Mann, er auch nicht, sich ihnen zu entwinden. Furchtbar und letztgültig wehte es ihn an aus jener Erinnerungsgegend, wo Wiedemann und Sonnenschein sich in ratlos tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am Ende aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die Zähne. Ja, ja, man mußte sich wohl schlagen, denn so war wenigstens jene Milderung des Urstandes durch ritterliche Regelung zu retten ... Hans Castorp bot sich Herrn Settembrini als Sekundanten an.

Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich nicht schicken, wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn Settembrini mit einem Lächeln, das fein und schmerzlich war, dann auch, nach kurzer Überlegung, von Ferge und Wehsal, die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es gehe nicht an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit eines solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen Milderungen des Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz zugegen sein. Selbst Naphta ließ sich durch den Mund seines Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne vernehmen, und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer, auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig erwies.

Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen Vorschlägen. Er verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen Kugelwechsel, falls es nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn ließ er noch am Abend des Zerwürfnisses durch Wehsal überbringen, der sich völlig zum Mundstück und Vertreter seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im Auftrage, teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini nichts daran auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und der unparteiische Hans Castorp waren außer sich, und dieser wurde sogar grob mit dem elenden Wehsal. Ob er sich nicht schäme, fragte er, solche wüsten Unannehmlichkeiten auszukramen, wo es sich um ein rein abstraktes Duell handle, dem gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da höre die Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers Schnupftuch schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich feuern lassen auf solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst wohl so leicht von den Lippen – und so fort. Wehsal zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß eben die radikale Situation vorliege, wodurch er denn die Gegenseite, die dies zu vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages, vor allem den dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen, dann aber die Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten sich auf fünfzehn Schritte gegenüberstehen und das Recht haben sollten, fünf Schritte vorzugehen, bevor sie schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen die Zusicherung, daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten. Übrigens hatte man keine Pistolen.

Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, mit dem er die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch ein Zwillingspaar in den Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter Offizierspistolen, die aus Belgien stammten: automatische Brownings mit Griffen aus braunem Holz, in denen sich die Magazine befanden, bläulich stählerner Geschützmaschinerie und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen knapp und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. So tat er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl machte, ihn aber in persönliches Ehrengeheimnis hüllte und mit leichtem Erfolge sich an den Kavalierssinn des Windbeutels wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im Laden und gab mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren ab.