„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. Ich werde mich seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir die Ehre gebieten kann. Aber ich werde nicht töten, verlassen Sie sich darauf!“
Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, sagte jedoch nach einigen Schritten:
„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, nur, andererseits ... Wenn er für sein Teil ...“
Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans Castorp überlegte, daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere sich dessen unmöglich würde unterwinden können, so fand er, daß alles sich glücklich anlasse und daß seine Annahmen sich zu bestätigen begönnen. Es wurde ihm leichter ums Herz.
Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, worin im Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall niederging, und der so sehr zu dem malerischen Charakter des Ortes beitrug. Naphta und Wehsal gingen im Schnee vor der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf und ab, auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten müssen. Naphta rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp prüfte sich, ob er ebenfalls Lust hätte, das zu tun, fand aber nicht die geringste Neigung dazu in sich vor und schloß, daß es also bei jenem erst recht auf Affektation beruhen müsse. Mit dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er sich in der kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen Blüte. Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden Fichte waren mit Schnee beschwert.
„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem Wunsch, einen natürlichen Ton sofort in die Versammlung einzuführen, der Böses zerstreuen helfen sollte, – hatte aber kein Glück damit, denn niemand antwortete ihm. Die gewechselten Grüße bestanden in stummen Verbeugungen, die bis zur Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er entschlossen, seine Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines Atems, die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und fing an:
„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ schnitt Naphta ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich bitten darf,“ fügte er mit demselben Hochmut hinzu. Und Hans Castorp, auf den Mund geschlagen, mußte zusehen, wie Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel hervorholte, und wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen von ihm empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm aus Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, Ferge ersuchte murmelnd darum und fing an, die Distanzen auszugehen und sichtbar zu machen: die äußere Begrenzung, indem er mit dem Absatz kurze Linien in den Schnee grub, die inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem eigenen und dem Settembrinis.
Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans Castorp traute seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und griff gehörig aus, so daß wenigstens die fünfzehn Schritte eine stattliche Entfernung ergaben, wenn da auch noch die verdammten Barrieren waren, die wirklich nicht weit voneinander lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im Zwange welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so ungeheuerlichen Sinnes traf?
Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen hatte, so daß man das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der Hand, auf einen der äußeren Absatzstriche, sobald er nur gezogen war und während Ferge an weiteren Markierungen noch arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini, die schadhafte Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor.