„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! Es ist trotz allem meine Pflicht ...“

„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche das Zeichen.“

Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. Es sollte wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß es Sache des Unparteiischen sein werde, die furchtbare Aufforderung ergehen zu lassen, war nicht bedacht und jedenfalls nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm und niemand sprang für ihn ein.

„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein Herr, und schießen Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und begann selbst vorzugehen, die Pistole mit gestrecktem Arm auf Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, – ein unglaubwürdiger Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten Schritt – der andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt – hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß weckte vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und Widerhall zu, das Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, die Leute müßten zusammenlaufen.

„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit Selbstbeherrschung, indem er die Waffe sinken ließ.

Settembrini antwortete:

„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“

„Sie werden noch einmal schießen!“

„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr Settembrini, erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte sich etwas seitlich zum anderen gestellt, nicht ganz in Front, was rührend zu sehen war. Man merkte deutlich, daß er gehört hatte, man solle dem Gegner nicht gerade die volle Breitseite bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte.

„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu gehöre, zu schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine Pistole auf eine Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, und schoß sich in den Kopf.