Da erdröhnte –

Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, daß also der Donnerschlag erdröhnte, von dem wir alle wissen, diese betäubende Detonation lang angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und Gereiztheit, – ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im Grase und reibt sich die Augen, wie ein Mann, der es trotz mancher Ermahnung versäumt hat, die Presse zu lesen.

Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer ein wenig abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, das Sorgenkind seiner Erziehung über die unteren Vorgänge in großen Zügen zu unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei einem Schüler gefunden, der sich zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn nicht einmal allzu hart schelten darf, da dies Verhältnis nicht letztgültig geklärt ist.

Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem er plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des horizontalen Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und des Lebens berichtigend auf ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt saß nun dieser, die Hände zwischen den Knien, an dem Bette des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem Tagesruhelager im separierten und traulichen Mansardenstudio mit den Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft und lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage, denn nicht oft mehr war Herr Lodovico auf den Beinen. Naphtas krasses Ende, die terroristische Tat des scharf verzweifelten Disputanten, hatte seiner empfindsamen Natur einen harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht davon erholen, unterlag seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine Mitarbeit an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon aller Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden zum Gegenstande hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga wartete vergebens auf den betreffenden Band ihrer Enzyklopädie, Herr Settembrini war gezwungen, seine Mitwirkung an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu beschränken, und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche Besuche ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls hätte entbehren müssen.

Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von Herzen über die Selbstvervollkommnung der Menschheit auf gesellschaftlichem Wege. Seine Rede ging wie auf Taubenfüßen, aber bald, wenn er etwa von der Vereinigung der befreiten Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so mischte sich – er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie Rauschen von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen Erbe des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur vereinigt hatte, – genau wie Humanität und Politik sich vereinigten in dem Hoch- und Toastgedanken der Zivilisation, diesem Gedanken voll Taubenmilde und Adlerskühnheit, der seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das Prinzip der Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige Allianz der bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ... Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war humanitär, aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen, war er auch kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen Naphta wie ein Mensch benommen, im großen aber, wo die Menschlichkeit sich begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges- und Herrschaftsidee der Zivilisation verband und man die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft, ob er, unpersönlich, gemeint blieb, seine Hand zurückzuhalten vom Blute; – ja die inneren Umstände bewirkten, daß in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde durchschlug.

Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen der Welt zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen. Neulich, zwei oder anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische Zusammenwirken seines Landes mit Österreich in Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies Zusammenwirken, das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien, gegen Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte eben als Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung und der Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die große Leihgabe Frankreichs an Rußland zum Zwecke des Baues eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich widerstreitende Gefühle geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der frankophilen Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution denjenigen der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das Einverständnis der erleuchteten Republik mit dem byzantinischen Skythentum schuf ihm moralische Verlegenheit, – eine Beklemmung seiner Brust, die doch auch wieder, beim Gedanken an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in rasch atmende Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer, ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu denen wir Herrn Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans Castorp sah ihn wohl privatmenschlich schaudern vor solcher Schreckenstat, sah aber auch seine Brust sich heben beim Gedanken daran, daß es eine Volks- und Befreiungstat war, die da geschehen, gerichtet gegen die Burg seines Hasses, wenn auch hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen Betreibens, was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die äußerste Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen später, als Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen zu kennzeichnen, in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen er eingeweiht war, und die er rasch atmend begrüßte ...

Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach zusammengesetzt, wie das Verhängnis, das er mit großer Schnelle sich ballen sah, und für das er seinem Zögling mit halben Worten Augen zu machen suchte, während doch eine Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt, vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der ersten Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er eine Gewohnheit angenommen, dem Besucher beide Hände entgegenzustrecken und ihm die seinen zu drücken, daß es dem Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht recht zu Kopfe. „Mein Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver, die Druckerpresse – unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden ... Caro ...“

Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre Streckfolter die Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp Herrn Settembrini nicht. Die wüsten Zeitungen drangen nun unmittelbar aus der Tiefe zu seiner Balkonloge empor, durchzuckten das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust beklemmenden Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der Siebenschläfer im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich langsam aufrichtete, bevor er saß und sich die Augen rieb ... Wir wollen aber das Bild zu Ende führen, um seiner Gemütsbewegung gerecht zu werden. Er zog die Beine unter sich, stand auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert, erlöst, befreit, – nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung gestehen mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren Außenmächten, denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief. Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen verschwand, – drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter und also von göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich darin aus? Nahm das Leben sein sündiges Sorgenkind noch einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern eben nur so, auf diese ernste und strenge Art, im Sinn einer Heimsuchung, die vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle drei Ehrensalven für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen. Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu einem Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger die Grottendecke des Sündenberges war.

In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das wissen wir, schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches Theater aus. In spröder Wirklichkeit traf ihn der Mentor beim Kofferpacken, – denn seit dem Augenblick seines Erwachens sah Hans Castorp sich in den Trubel und Strudel von wilder Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im Tale angerichtet. Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik. Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich kopfüber ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des gestürmten Zügleins belastend, ohne Gepäck, wenn es sein mußte, das in Stapelreihen die Steige des Bahnhofs bedeckte, – des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe brenzlige Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans stürzte mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich, er schloß ihn in seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer (oder auch wie ein Russe) auf beide Wangen, was unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig genierte. Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr Settembrini ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich „Giovanni“ nannte und dabei die im gesitteten Abendland übliche Form der Anrede dahin fahren und das Du walten ließ!

„E così in giù,“ sagte er, – „in giù finalmente! Addio, Giovanni mio! Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht, aber sei es darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht anders. Zur Arbeit hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du kämpfen inmitten der Deinen. Mein Gott, dir war es zugedacht und nicht unserm Leutnant. Wie spielt das Leben ... Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner Kräfte daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen, auf jener Seite, wohin der Geist und heiliger Eigennutz es weisen. Addio!“