Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die den Rahmen des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin. Auch Herr Settembrini winkte mit der Rechten, während er mit der Ringfingerspitze der Linken zart einen Augenwinkel berührte.
Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum? Dämmerung, Regen und Schmutz, Brandröte des trüben Himmels, der unaufhörlich von schwerem Donner brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem Singen, wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine Bahn mit Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet, von Stöhnen und Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten will, und Trommeltakt, der schleuniger, schleuniger treibt ... Dort ist ein Wald, aus dem sich farblose Schwärme ergießen, die laufen, fallen und springen. Dort zieht eine Hügelzeile sich vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich manchmal zu wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland, zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht und grundlos, schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel hin, Baumstöcke ragen im kalten Regen, nackt und entzweigt ... Hier ist ein Wegweiser, – unnütz ihn zu befragen; Halbdunkel würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn das Schild nicht von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder West? Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und keineswegs gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen, aber dahergeführt vom Geist der Erzählung, um von den grauen, laufenden, stürzenden, vorwärts getrommelten Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den wir kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen Sünder, dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal ins einfache Angesicht zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen verlieren.
Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte letzten Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag gedauert hat, und das dem Wiedergewinn jener Hügelstellung und der dahinterliegenden brennenden Dörfer gilt, die vor zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein Regiment Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der Bahn bis zum Morgen und marschierten im Regen bis zum Nachmittag auf schlimmen Wegen, – auf gar keinen Wegen, die Straßen waren verstopft, es ging durch Äcker und Moor, sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel, mit Sturmgepäck, und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht die Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt mit dem Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran aus dem quatschenden Grunde ziehen. So haben sie eine Stunde gebraucht, um über eine kleine Wiese zu kommen. Nun sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft, ihre erregten und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in Spannung gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf, der Nahrung nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten, vom Sturmband umrahmten Gesichter unter den grau bespannten, verschobenen Helmen glühen. Sie glühen von Anstrengung und von dem Anblick der Verluste, die sie beim Zuge durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind, ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch den Wald splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend, spritzend und flammend das weite Sturzackerland peitscht.
Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie müssen als Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf die Gräben vor und hinter der Hügelzeile, auf die brennenden Dörfer entscheiden und helfen, ihn vorzutragen bis zu einem bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem Befehl, den ihr Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend, damit sie noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den Dörfern anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein Körper, darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln und siegen, den Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra begrüßen zu können, – ungeachtet derer, die sich vereinzelten, indem sie ausfielen. Manch einer schon hat sich vereinzelt, fiel aus beim Gewaltmarsch, für den er sich als zu jung und zart erwies. Er wurde blasser und wankte, forderte verbissen Mannheit von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte sich noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut war. Und dann war der splitternde Wald gekommen. Aber der Hervorschwärmenden sind immer noch viele; dreitausend können einen Aderlaß aushalten und sind auch dann noch ein wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser gepeitschtes Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter ihnen. Am Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt, mit gedrillten Griffen, das Zink ruft dringend, die Trommel klopft und rollt im tieferen Donner, und vorwärts stürzen sie, wie es gehen will, mit sprödem Schreien und qualtraumschwer die Füße, da die Ackerklüten sich bleiern an ihre plumpen Stiefel hängen.
Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um wieder aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem Mutgeschrei, weil es sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, sie fallen, mit den Armen fechtend, in die Stirn, in das Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen, die Gesichter im Kot, und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken vom Tornister gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und greifen krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald sendet neue, die sich hinwerfen und springen und schreiend oder stumm zwischen den Ausgefallenen vorwärts stolpern.
Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren, seinen verschmutzten Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich humanistisch-schönseliger Weise auch andere Bilder erträumen in seiner Betrachtung. Man könnte es sich denken: Rosse regend und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der Geliebten am Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut, auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß es das freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende Sache für sich, sollte jedoch kein Grund sein, es in die Lage zu bringen.
Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz von weitem haben wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er sich am Schlechten Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt, wie alle. Er läuft mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr in hängender Faust. Seht, er tritt einem ausgefallenen Kameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit seinem Nagelstiefel tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen bedeckten Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu wissen, so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für sich zu singen:
„Ich schnitt in seine Rinde
So manches liebe Wort –“.
Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut des Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die Beine gespreizt, die Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das Produkt einer verwilderten Wissenschaft, geladen mit dem Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg vor ihm wie der Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten mit gräßlicher Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen von Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum in die Lüfte empor. Denn dort lagen zwei, – es waren Freunde, sie hatten sich zusammengelegt in der Not: nun sind sie vermengt und verschwunden.