„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen haben, Herr Naphta, und einverstanden sein mit seiner Ungeduld, ihn zu ergreifen ... Ich bin ja Zivilist durch und durch, mein Vetter macht es mir öfters zum Vorwurf. Ich habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich sehr gut auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie meinen Vetter, ich habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber wenn ich von meinen persönlichen Neigungen mal absehe – und vielleicht brauch’ ich, genau genommen, gar nicht so ganz davon abzusehen –, so habe ich eine Menge Verständnis und Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine verteufelt ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie zu gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit dem Tode zu tun zu bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch der geistliche Stand es zu tun hat, – womit denn sonst. Daher hat der Soldatenstand die bienséance und die Rangordnung und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen Uniformkragen trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Ihnen meinen Gedankengang ...“

„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini hinüber, der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete.

„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die Neigungen meines Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein müßten, nach allem, was Sie sagen. Ich denke da nicht an ‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen, womit manche Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß wohlgesinnte Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen. Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes, das heißt der Dienst – in diesem Falle spricht man von Dienst – absolut nicht um geschäftlicher Vorteile willen geschieht und zur ‚ökonomischen Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten, gar keine Beziehungen hat, weshalb denn auch die Engländer nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien und ein paar zu Hause für die Parade ...“

„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach ihn Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne unserm Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel, denn sie ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt, der Grundtypus des Soldaten ist der Landsknecht, der sich für diese oder auch jene Sache anwerben ließ, – kurzum, es gab den Soldaten der spanischen Gegenreformation, den Soldaten der Revolutionsheere, den napoleonischen, den Garibaldis, es gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den Soldaten reden, wenn ich weiß, wofür er sich schlägt!“

Daß er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin eine greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das gut sein. Es ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand in Ihrem Sinne ‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt ihn in eine Sphäre, worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder Einblick verwehrt ist.“

„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“ entgegnete Herr Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen, während seine Mundwinkel unter dem geschwungenen Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und sein Hals sich auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem Kragen herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für die Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen Form einzutreten.“

Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen vor sich hin. Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der Kopf und Hals wieder in natürliche Stellung gebracht hatte:

„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken uns oft, aber es geschieht in aller Freundschaft und auf Grund manchen Einverständnisses.“

Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini. Aber Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das Gespräch harmlos fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als stünde er unter irgendeinem Druck und Zwang, und gleichsam gegen seinen Willen:

„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich, vorhin, als wir hinter Ihnen gingen.“