Jähzorn. Und noch etwas ganz Peinliches

So kam der August, und glücklich war unter seinen ersten Tagen der Jahrestag von unseres Helden Ankunft bei uns hier oben vorübergeschlüpft. Nur gut, daß er vorüber war, – er hatte dem jungen Hans Castorp etwas unangenehm vorgestanden. So war es die Regel. Der Tag der Ankunft war nicht beliebt, es wurde seiner unter den Voll- und Mehrjährigen nicht gedacht, und während doch sonst kein Vorwand zu Festivität und Becherklang unbenutzt blieb, die allgemeinen und großen Betonungen im Jahresrhythmus und -pulslauf durch möglichst viele private und irreguläre vermehrt und Geburtstage, Generaluntersuchungen, bevorstehende wilde oder echte Abreisen und dergleichen Anlässe mehr mit Schmaus und Pfropfenknall im Restaurant begangen wurden, – widmete man diesem Gedenktage nichts als Stillschweigen, ließ sich darüber hinweggleiten, vergaß auch wohl wirklich, auf ihn zu achten und durfte vertrauen, daß die andern ihn überhaupt nicht so genau im Sinne hatten. Auf Gliederung hielt man wohl; man beobachtete den Kalender, den Turnus, die äußere Wiederkehr. Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem Raum hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also zu messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und Anfänger; die Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Ungemessene und Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe war, und einer setzte mit Zartgefühl beim anderen einen Wunsch voraus, den er selber hegte. Es hätte für ganz und gar ungeschickt und brutal gegolten, jemandem zu sagen, heut sei er drei Jahre hier, – das kam nicht vor. Frau Stöhr selbst, so weit es ihr sonst immer fehlen mochte, in diesem Punkt war sie taktfest und abgeschliffen, nie wäre ein solcher Verstoß ihr untergelaufen. Ihr Kranksein, der Fieberstand ihres Körpers war mit großer Unbildung verbunden, gewiß. Noch kürzlich hatte sie bei Tische von der „Affektation“ ihrer Lungenspitzen gesprochen und, als das Gespräch auf historische Dinge gekommen war, erklärt, Geschichtszahlen seien nun einmal ihr „Ring des Polykrates“, was ebenfalls eine gewisse Erstarrung der Umsitzenden hervorgerufen hatte. Aber daß sie etwa im Februar den jungen Ziemßen an sein Jubiläum hätte erinnern sollen, wäre undenkbar gewesen, obgleich sie wahrscheinlich daran gedacht hatte. Denn ihr unseliger Kopf war natürlich voll unnützer Daten und Dinge, und sie liebte es, anderen nachzurechnen; aber die Sitte hielt sie im Zaum.

So denn auch an Hans Castorps Tage. Sie hatte ihm wohl beim Essen einmal bedeutlich zuzuzwinkern versucht, aber da er dem Zeichen mit leerer Miene begegnet war, hatte sie sich schleunig zurückgezogen. Auch Joachim hatte gegen den Vetter geschwiegen, und doch war er des Datums wohl eingedenk gewesen, an dem er den Zu-Besuch-Kommenden von Station „Dorf“ abgeholt hatte. Aber Joachim, zum Reden von Natur schon nicht sehr geneigt, bei weitem nicht so, wie Hans Castorp es wenigstens hier oben geworden, von Humanisten und Rabulisten ihrer Bekanntschaft ganz zu schweigen, – Joachim hatte sich in letzter Zeit eine besondere und auffallende Schweigsamkeit angeeignet, nur Einsilbigkeiten kamen noch über seine Lippen, aber in seiner Miene arbeitete es. Es war klar, daß sich für ihn mit Station „Dorf“ andere Vorstellungen verbanden als die des Abholens und der Ankunft ... Er stand in regem Briefwechsel mit dem Flachlande. Entschlüsse reiften in ihm. Vorbereitungen, die er traf, näherten sich ihrem Abschluß.

Der Juli war warm und heiter gewesen. Aber mit Anbruch des neuen Monats fiel schlechtes Wetter ein, trübe Nässe, Schneeregen, dann unzweideutiger Schneefall, und mit Einschaltung einzelner prangender Sommertage dauerte das an, über das Monatsende hin, in den September hinein. Anfangs hielten die Zimmer sich noch warm von der vorhergegangenen Sommerperiode; man hatte zehn Grad darin, das galt für behaglich. Aber rasch wurde es kälter und kälter, und man war froh über den Schnee, der das Tal bedeckte, denn sein Anblick – nur dieser, der Tiefstand der Temperatur allein wäre ohne Folge geblieben – bewog die Verwaltung, zu heizen, zuerst nur den Speisesaal, dann auch die Zimmer, und man konnte, wenn man, nach geleistetem Liegedienst aus seinen zwei Decken gewickelt, von der Loggia hereinkam, mit den feuchtstarren Händen die belebten Röhren betasten, deren trockener Hauch freilich das Brennen der Wangen verstärkte.

War das der Winter? Die Sinne konnten sich diesem Eindruck nicht entziehen, und man klagte, man sei „um den Sommer betrogen“, obgleich man, unterstützt von natürlichen und künstlichen Umständen, durch einen innerlich wie äußerlich verschwenderischen Zeitverbrauch sich selber um ihn betrogen hatte. Die Vernunft wollte wissen, daß noch schöne Herbsttage folgen würden; vielleicht sogar serienweise würden sie erscheinen und in so warmer Pracht, daß ihnen mit dem Namen des Sommers nicht zuviel Ehre würde angetan werden, vorausgesetzt, daß man sich den schon flacheren Tageslauf der Sonne, ihren schon zeitigen Abschied aus dem Sinne schlug. Aber die Wirkung auf das Gemüt, die der Anblick der Winterlandschaft draußen hervorbrachte, war stärker als solche Tröstungen. Man stand an seiner geschlossenen Balkontür und starrte mit Ekel hinaus in das Gestöber, – Joachim war es, der so stand, und mit gepreßter Stimme sagte er:

„Soll nun das wieder losgehen?“

Hans Castorp, hinter ihm im Zimmer, erwiderte:

„Das wäre etwas früh, es kann nicht endgültig sein, aber es gibt sich allerdings eine schauderhaft endgültige Miene. Wenn Winter in Dunkelheit, Schnee und Kälte und warmen Röhren besteht, dann ist wieder Winter, da gibt es nichts zu leugnen. Und wenn man bedenkt, daß ja eben erst Winter war und kaum die Schneeschmelze vorüber ist – jedenfalls scheint es uns so, nicht wahr, als ob doch gerade erst Frühling gewesen wäre, – dann kann einem momentweise schlecht werden, das gebe ich zu. Es ist gefährlich für die menschliche Lebenslust, – laß dir erläutern, wie ich das meine. Ich meine es so, daß die Welt normaler Weise so eingerichtet ist, wie es den Bedürfnissen des Menschen entspricht und der Lebenslust zukömmlich ist, das muß man anerkennen. Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, daß die Naturordnung, zum Beispiel also gleich mal die Größe der Erde, die Zeit, die sie zur Umdrehung um sich selbst und um die Sonne braucht, der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, der kosmische Rhythmus, wenn du willst, – nach unserem Bedürfnis bemessen ist, – das wäre wohl frech und einfältig, es wäre Teleologie, wie der Denker sagt. Aber die Sache ist einfach so, daß unser Bedürfnis und die allgemeinen, grundlegenden Naturtatsachen gottlob miteinander in Einklang stehen – gottlob, sage ich, denn es ist wirklich ein Anlaß, Gott zu loben –, und wenn im Flachland der Sommer kommt oder der Winter, dann ist der vorige Sommer oder Winter genau so lange her, daß Sommer und Winter uns wieder neu und willkommen sind, und darauf beruht die Lebenslust. Bei uns hier oben nun aber ist diese Ordnung und dieser Einklang gestört, erstens weil es hier eigentlich gar keine richtigen Jahreszeiten gibt, wie du selbst mal bemerktest, sondern bloß Sommertage und Wintertage pêle-mêle durcheinander, und außerdem, weil es überhaupt keine Zeit ist, was einem hier vergeht, so daß der neue Winter, wenn er kommt, gar nicht neu ist, sondern wieder der alte; und daraus erklärt sich das Mißvergnügen, mit dem du da durch die Scheibe guckst.“

„Danke sehr“, sagte Joachim. „Und nun, wo du es erklärt hast, da bist du, glaub’ ich, so zufrieden, daß du unter anderm auch mit der Sache selbst zufrieden bist, obgleich sie doch ... Nein!“ sagte Joachim. „Schluß!“ sagte er. „Es ist eine Schweinerei. Das Ganze ist eine ungeheuere, ekelhafte Schweinerei, und wenn du für dein Teil ... Ich ...“ Und er verließ raschen Schrittes das Zimmer, zog zornig die Tür hinter sich zu, und wenn nicht alles täuschte, so hatten Tränen in seinen schönen, sanften Augen gestanden.

Der andere blieb betreten zurück. Er hatte gewisse Entschlüsse des Vetters nicht sehr ernst genommen, solange dieser sich in lauten Ankündigungen ergangen hatte. Nun aber, da es nur noch schweigend in Joachims Miene arbeitete und er sich benahm wie eben, erschrak Hans Castorp, weil er begriff, daß dieser Militär der Mann war, zu Taten überzugehen, – erschrak bis zum Erblassen und zwar für sie beide, für sich und ihn. Fort possible qu’il va mourir, dachte er, und da das sicherlich eine Wissenschaft aus dritter Hand war, so mischte sich auch noch die Pein alten, nie gestillten Verdachtes hinein, während er gleichzeitig dachte: Ist es möglich, daß er mich allein hier oben läßt, – mich, der ich doch nur gekommen bin, ihn zu besuchen?! um hinzuzufügen: das wäre doch toll und schrecklich, – es wäre dermaßen toll und schrecklich, daß ich fühle, wie ich ganz kalt im Gesicht werde und mein Herz sich regellos aufführt, denn wenn ich allein hier oben zurückbleibe – und das tue ich, wenn er abreist; daß ich mit ihm fahre, ist platterdings ausgeschlossen –, dann ist es ja – aber nun steht mein Herz überhaupt still – dann ist es ja für immer und ewig, denn allein finde ich nie und nimmermehr den Weg ins Flachland zurück ...