Soweit Hans Castorps schreckhafter Gedankengang. Noch am selben Nachmittag sollte er über den Lauf der Dinge Gewißheit erlangen: Joachim erklärte sich, die Würfel fielen, es kam zu Schlag und Entscheidung.
Nach dem Tee stiegen sie ins helle Souterrain hinab zur Monatsuntersuchung. Es war Anfang September. Beim Eintritt ins trocken durchhauchte Ordinationszimmer fanden sie Dr. Krokowski an seinem Schreibtischplatz, während der Hofrat, sehr blau im Gesicht, mit untergeschlagenen Armen an der Wand lehnte, in der einen Hand das Hörrohr, mit dem er sich gegen die Schulter klopfte. Er gähnte zur Decke empor. „Mahlzeit, Kinder!“ sagte er matt und ließ auch fernerhin eine recht schlaffe Laune merken, Melancholie, allgemeinen Verzicht. Wahrscheinlich hatte er geraucht. Es lagen aber auch sachliche Ärgernisse vor, von denen die Vettern schon gehört hatten, Anstaltsinterna von sattsam bekannter Art: ein junges Mädchen, Ammy Nölting mit Namen, welches, eingetreten zuerst im Herbst vorvorigen Jahres und nach neun Monaten, im August, als gesund entlassen, sich vor Ablauf des September schon wieder eingefunden hatte, weil sie sich zu Hause „nicht wohlgefühlt“ habe, zum Februar abermals völlig geräuschlos befunden und dem Flachlande zurückgegeben worden war, aber seit Mitte Juli schon wieder ihren Platz am Tische der Iltis einnahm, – diese Ammy war 1 Uhr nachts mit einem Leidenden namens Polypraxios, demselben Griechen, der beim Faschingsfest durch die Wohlgestalt seiner Beine berechtigtes Aufsehen erregt hatte, einem jungen Chemiker, dessen Vater am Piräus Farbwerke besaß, in ihrem Zimmer ertappt worden und zwar durch eine von Eifersucht verstörte Freundin, die auf demselben Wege in Ammys Zimmer gelangt war wie Polypraxios, nämlich über die Balkons, und, zerrissen von Schmerz und Wut über das Wahrgenommene, ein furchtbares Geschrei erhoben, alles in Bewegung gesetzt und die Sache an die große Glocke gehängt hatte. Behrens hatte allen dreien, dem Athener, der Nölting und ihrer Freundin, die vor Leidenschaft der eigenen Ehre wenig geachtet hatte, den Laufpaß geben müssen und eben jetzt mit seinem Assistenten, bei dem übrigens Ammy sowohl wie die Verräterin in Privatbehandlung gestanden hatten, die widrige Sache durchgesprochen. Auch während der Untersuchung der Vettern fuhr er noch fort, im Tone der Schwermut und der Resignation sich darüber auszulassen; denn er war ein so fertiger Künstler der Auskultation, daß er zugleich eines Menschen Inneres belauschen, von etwas anderem reden und dem Assistenten das Erhorchte diktieren konnte.
„Ja, ja, gentlemen, die verfluchte libido!“ sagte er. „Sie haben natürlich noch Ihr Vergnügen an der Chose, Ihnen kann’s recht sein. – Vesikulär. – Aber so ein Anstaltschef, der hat davon die Neese plein, das können Sie mir – Dämpfung – das können Sie mir glauben. Kann ich dafür, daß die Phthise nun mal mit besonderer Konkupiszenz verbunden ist – leichte Rauhigkeit? Ich habe es nicht so eingerichtet, aber eh’ man sich’s versieht, steht man da wie ein Hüttchenbesitzer, – verkürzt hier unter der linken Achsel. Wir haben die Analyse, wir haben die Aussprache, – ja Mahlzeit! Je mehr die Rasselbande sich ausspricht, desto lüsterner wird sie. Ich predige die Mathematik. – Besser hier, das Geräusch ist weg. – Die Beschäftigung mit der Mathematik, sage ich, ist das beste Mittel gegen die Kupidität. Staatsanwalt Paravant, der stark angefochten war, hat sich drauf geworfen, er hat es jetzt mit der Quadratur des Kreises und spürt große Erleichterung. Aber die meisten sind ja zu dumm und zu faul dazu, daß Gott erbarm’. – Vesikulär. – Sehen Sie, ich weiß ganz gut, daß junges Volk hier gar nicht ganz unschwer verlumpt und verkommt, und früher habe ich manchmal einzuschreiten versucht gegen die Debauchen. Aber dann ist es mir passiert, daß irgendein Bruder oder Bräutigam mich ins Gesicht hinein gefragt hat, was es mich eigentlich angehe. Seitdem bin ich nur noch Arzt – schwaches Rasseln rechts oben.“
Er war fertig mit Joachim, steckte sein Hörrohr in die Kitteltasche und rieb sich mit der riesigen Linken die beiden Augen, wie er zu tun pflegte, wenn er „abfiel“ und melancholisch war. Halb mechanisch und zwischendurch gähnend vor Mißlaune sagte er sein Sprüchlein her:
„Na, Ziemßen, nur immer munter. Ist ja noch immer nicht alles genau so, wie es im Physiologiebuche steht, hapert noch da und da, und mit Gaffky haben Sie Ihre Angelegenheiten auch noch nicht restlos bereinigt, sind sogar in der Skala gegen neulich um eine Nummer aufgerückt, – sechs ist es diesmal, aber darum nur keinen Weltschmerz geblasen. Als Sie herkamen, waren Sie kränker, das kann ich Ihnen schriftlich geben, und wenn Sie noch fünf, sechs Manote – wissen Sie, daß man früher ‚mânôt‘ sagte und nicht ‚Monat‘? War eigentlich viel volltöniger. Ich habe mir vorgenommen, nur noch ‚Manot‘ zu sagen –“
„Herr Hofrat“, setzte Joachim an ... Er stand, mit bloßem Oberkörper, in geschlossener Haltung, Brust heraus, die Absätze zusammengenommen, und war so fleckig im Gesicht wie damals, als Hans Castorp bei bestimmter Gelegenheit erstmals bemerkt hatte, daß dies die Art des tief Gebräunten sei, blaß zu werden.
„Wenn Sie,“ redete Behrens über seinen Anlauf hin, „noch rund ein halbes Jährchen hier stramm Gamaschendienst tun, dann sind Sie ein gemachter Mann, dann können Sie Konstantinopel erobern, dann können Sie vor lauter Markigkeit Oberbefehlshaber in den Marken werden –“
Wer weiß, was er in seiner Verdüsterung noch alles gekohlt haben würde, wenn Joachims unbeirrte Haltung, seine unverkennbare Gewilltheit, zu sprechen, und zwar mutig zu sprechen, ihn nicht aus dem Konzept gebracht hätte.
„Herr Hofrat,“ sagte der junge Mann, „ich wollte gehorsamst melden, daß ich mich entschlossen habe, zu reisen.“
„Nanu? Wollen Sie Reisender werden? Ich dachte, Sie wollten später mal, als gesunder Mensch, zum Militär?“