„Das heißt ... wieso. Bin ich denn gesund?“
„Ja, Sie sind gesund. Die Stelle links oben ist nicht mehr der Rede wert. Ihre Temperatur paßt nicht zu der Stelle. Woher sie kommt, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, daß sie weiter nichts zu bedeuten hat. Meinetwegen können Sie reisen.“
„Aber ... Herr Hofrat ... Das ist vielleicht im Augenblick nicht Ihr voller Ernst?“
„Nicht mein Ernst? Wieso denn? Was denken Sie denn? Was denken Sie überhaupt so beiläufig von mir, möchte ich wissen? Wofür halten Sie mich? Für einen Hüttchenbesitzer?!“
Es war Jähzorn. Die Bläue in des Hofrats Gesicht hatte sich ins Veilchenfarbene vertieft durch lodernden Zudrang, die einseitige Schürzung seiner Lippe mit dem Schnurrbärtchen sich heftig verstärkt, so daß die seitlichen Oberzähne sichtbar wurden, er schob den Kopf vor, wie ein Stier, seine Augen quollen tränend und blutig.
„Das verbitte ich mir!“ schrie er. „Ich bin erstens überhaupt kein Besitzer! Ich bin ein Angestellter hier! Ich bin Arzt! Ich bin nur Arzt, verstehen Sie mich?! Ich bin kein Kuppelonkel! Ich bin kein Signor Amoroso auf dem Toledo im schönen Neapel, verstehen Sie mich wohl?! Ich bin ein Diener der leidenden Menschheit! Und sollten Sie sich eine andere Auffassung gebildet haben von meiner Person, dann können Sie beide zum Kuckuck gehen, in die Binsen oder vor die Hunde, ganz nach beliebiger Auswahl! Glückliche Reise!“
Mit langen und breiten Schritten ging er zur Tür hinaus, durch die Tür, die ins Vorzimmer des Durchleuchtungsraumes führte, und ließ sie hinter sich zukrachen.
Rat suchend blickten die Vettern auf Dr. Krokowski, der sich jedoch in seine Papiere vertieft und vergraben zeigte. Sie sputeten sich, in ihre Kleider zu kommen. Auf der Treppe sagte Hans Castorp:
„Das war ja schrecklich. Hast du ihn schon mal so gesehen?“
„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle. Das einzig Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung über sich ergehen läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die Geschichte mit Polypraxios und der Nölting. Aber hast du gesehen,“ fuhr Joachim fort, und man merkte, wie die Freude darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in ihm aufstieg und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein beigab und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war? Man muß nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen. Nun habe ich sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß ich mich wahrscheinlich herausbeißen werde, – und über acht Tage reisen ... in drei Wochen bin ich beim Regiment“, verbesserte er sich, indem er Hans Castorp aus dem Spiele ließ und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person beschränkte.