Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A. K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis, dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans Castorps Freundschaft suchte.

Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung, die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –, duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe, einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine Liebe zu erklären – die aussichtslose Liebeserklärung, was die Herren davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung, daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß, als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug.

Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang: von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch, Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, – mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel.

Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, – was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen war er zu erwarten.

„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie „Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“ sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet, zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach dem Rechten sehen wollte.

Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft, erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse, fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben.

„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“, antwortete Hans Castorp ruhig und kurz.

Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde.

„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er. Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen, bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere.

Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein exodus, sondern ein exitus. Und da der Onkel sich nach dem Sinn erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er. „Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz. Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit. Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten Schläfen ab.