Operationes spirituales
Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade weit genug entwachsen zu sein, um wohlwollend darüber urteilen zu können, war dort schochet, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen, eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner Sternenaugen.
Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift, der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und wehklagend, landflüchtig geworden war.
Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt, Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen. Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher, die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten, den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht, seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines Studierzimmers verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, – saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick, seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete. Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden könne, da doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort „Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels Katholizität im Rechte sei. Denn (diese Konjunktion liebte Naphta ganz besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal, wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident; Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden, als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im Pädagogium zu besuchen.
So hatte Naphta den Boden der Stella matutina betreten dürfen, deren wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität, – wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die eines Protestanten.
Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft, verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein „Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des Paters in der „Stella“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen Begabung gebührte.
Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.