„Hast du so etwas schon gehört?!“
Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas schon gehört haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, und so brach er ab und antwortete auf des Neffen wenig gespannte Gegenerkundigung nur: „Nichts, nichts“, zeigte aber von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit zusammengezogenen Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf herumzuwerfen und den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte Richtung zu lenken ... War auch die Unterredung mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul gedacht hatte? War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern auch von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß dem Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren gegangen war? Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der Konsul zeigte sich stark aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos und stieß den Neffen mit der Faust in die Weiche, indem er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“ Zwischendurch hatte er jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin. Aber seine Augen gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den Dienstwegen und bei der Abendgeselligkeit.
Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle, hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid, das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß, mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert, so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere, angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne überkleidet waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen geradezu für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann. Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit gefallen, mit einer Miene, als müsse es so sein. Aber die Autorität des älteren Verwandten konnte es wenig stärken, und mit des Konsuls Sendung stimmte es schlecht überein.
Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase grüßte, und zwar zweimal: beim Fischragout und später beim Sorbett, war dieselbe, die Hofrat Behrens am Tische Hans Castorps und seines Gastes einnahm, – er hospitierte ja immer reihum an jedem der sieben, und überall war das Gedeck an der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände vor seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen zwischen Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, mit dem er spanisch sprach – denn er beherrschte alle Sprachen, auch Türkisch und Ungarisch, – und sah mit blau quellenden, rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul Tienappel Frau Redisch drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte. Später im Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag, angefeuert dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des Tisches hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, wenn der Mensch verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche studiert, der Körper sei ganz ausgesprochen seine Branche, er sei sozusagen eine Art Körperfürst, wenn man sich so ausdrücken dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es so zugehe, wenn der Körper sich auflöse!
„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der Hofrat, bei aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände gebeugt. „Sie liegen da auf Ihren Hobelspänen und Ihrem Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie, treiben Sie auf, sie blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit Fröschen machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung nicht mehr aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, Sie machen es wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, Sie schütten sich aus. Tja, und danach sind Sie eigentlich wieder gesellschaftsfähig. Wenn Sie Urlaub bekämen, so könnten Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne weiter Anstoß zu erregen. Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner Kerl, wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen der Kapuziner vor Porta Nuova hängen. Trocken und elegant hängen sie da und genießen die allgemeine Achtung. Es kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“
„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ Und am nächsten Morgen war er verschwunden.
Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die Ebene hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten geordnet zu haben: wer käme auf andere Gedanken! Er hatte seine Rechnung bereinigt, für eine stattgehabte Untersuchung das Honorar erlegt, hatte in aller Stille, ohne seinem Verwandten ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine beiden Handkoffer in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das abends oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – und als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks das Zimmer des Onkels betrat, fand er es geräumt.
Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. Hier war es, daß ein melancholisches Lächeln sich in seinen Zügen hervorbildete. „Ach so“, sagte er und nickte. Da hatte einer Fersengeld gegeben. Hals über Kopf, in stummer Eile, als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks wahrnehmen und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte er seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, nicht zu zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, aber heilfroh, auch nur allein davonzukommen, der Biedermann und Flüchtling zur Flachlandsfahne, Onkel James. Na, glückliche Reise!
Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt hatte, besonders den Hinkenden nicht, der den Konsul zum Bahnhof begleitet. Er bekam eine Karte vom Bodensee, des Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das ihn per sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen Aufenthalt auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war es ein recht erkünstelter Spott, fand Hans Castorp, denn dem Onkel war bestimmt nicht nach Spott und Spaß zu Sinn gewesen, als er sich in die Abreise gestürzt hatte, sondern er hatte wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, wagerecht ins Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese erschreckende Wahrnehmung war der unmittelbare Grund seiner Flucht gewesen.
So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen Hans Castorp wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die vollendete Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr erbebte.