„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“
„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“
Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder welchen Ehren stünden.
Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei, daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe. Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre, teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum, Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben ausmachten, die sogenannte Gesundheit, das heiße: die Erzphilisterei und Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er, Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus, die inkarnierte Irreligiosität bedeute.
Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit, konfus ausgedrückt.
Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel Zugeständnisse zu machen.
Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert, Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „O Satana, o ribellione!“ Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja lebensgefährlich, – ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s Teufels Namen da durchkommen solle!
Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten.
„Was für ein ekelhafter Mischmasch – che guazzabuglio proprio stomachevole!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat, alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse, was er leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine! Er leugne den Wert, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön, es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ...
Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.