Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn Herr Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, und wie der Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer einer fehlerhaften Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwerverbrecher, einem vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren Plädoyers als „vertiert“, als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen bedeckt. Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, – viel besser als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich angefertigt wurden.

Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert.

Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung werde erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, war wohl ebenso revolutionär wie Herr Settembrini, aber er sei es im erhaltenden Sinn, ein Revolutionär der Erhaltung.

Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung übergehen. Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga, deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“ bekämpft hatte.

Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes, behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der „Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches, Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand – allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und Schaudern gewönne.

Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus Überzeugung gehe?

Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch. Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe.

Die tiefste Lust?

Die tiefste.

Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte fein: