»Was für ein Mißverständnis, Imma! Aber ich weiß wohl, daß Sie mich mit Absicht mißverstehen und nur im Scherz, und das zeigt mir, daß Sie mir nicht glauben und nicht ernst nehmen, was ich sage …«
»Nein, Prinz, das ist in der Tat zuviel verlangt! Haben Sie mir nicht von Ihrem Leben erzählt? Sie sind zum Schein zur Schule gegangen, Sie sind zum Schein auf der Universität gewesen, Sie haben zum Schein als Soldat gedient und tragen noch immer zum Scheine die Uniform; Sie erteilen zum Schein Audienzen und spielen zum Schein den Schützen, und der Himmel weiß, was noch alles; Sie sind zum Schein auf die Welt gekommen, und nun soll ich Ihnen plötzlich glauben, daß es Ihnen mit irgend etwas ernst ist?«
Während sie dies sagte, traten ihm Tränen in die Augen; so sehr taten ihm ihre Worte weh. Er antwortete leise: »Sie haben recht, Imma, es ist viel Unwahrheit in meinem Leben. Aber ich habe es ja nicht gemacht oder gewählt, müssen Sie bedenken, sondern habe meine Pflicht getan, wie sie mir streng und genau zur Erbauung der Leute vorgeschrieben war. Und nicht genug, daß es schwer war und voller Verbote und Entbehrungen, so soll es sich nun auch rächen, dadurch, daß Sie mir nicht glauben.«
»Sie sind stolz«, sagte sie, »auf Ihren Beruf und Ihr Leben, Prinz, ich weiß das wohl, und ich kann nicht einmal wünschen, daß Sie sich selber die Treue brechen.«
»Oh,« rief er aus, »lassen Sie das meine Sorge sein, das mit der Treue zu mir, und machen Sie sich keineswegs Gedanken darüber! Ich habe Erfahrungen, ich bin mir untreu gewesen und habe das Verbot zu umgehen gesucht, und es hat mit Schande geendet. Aber seit ich Sie kenne, weiß ich, weiß ich zum erstenmal, daß ich zum erstenmal ohne Reue und Schaden daran, was man meinen hohen Beruf nennt, mich gehen lassen darf wie irgendeiner, obwohl Doktor Überbein sagt, und sogar auf lateinisch, daß das nicht gegeben werde …«
»Sehen Sie wohl, was Ihr Freund da gesagt hat!«
»Haben Sie ihn nicht selbst einen unseligen Menschen genannt, der ein schlechtes Ende nehmen werde? Er ist ein edler Charakter, ich schätze ihn hoch und verdanke ihm viele Aufklärungen über mich und die Dinge. Aber in letzter Zeit habe ich oftmals über ihn nachgedacht, und als Sie damals so über ihn geurteilt hatten, da habe ich mich mehrere Stunden lang mit Ihrem Urteil beschäftigt und mußte Ihnen recht geben. Denn ich will Ihnen sagen, Imma, welche Bewandtnis es mit Doktor Überbein hat. Er lebt in Feindschaft mit dem Glücke – das ist es.«
»Das dünkt mich eine anständige Feindschaft«, sagte Imma Spoelmann.
»Anständig,« antwortete er, »aber unselig, wie Sie selber gesagt haben, und obendrein sündhaft – denn es ist Sünde gegen etwas, was herrlicher ist als seine strenge Anständigkeit, das weiß ich nun, und zu dieser Sünde hat er auch mich erziehen wollen, in aller Väterlichkeit. Aber nun bin ich seiner Erziehung entwachsen, in diesem Punkte bin ich es. Ich bin nun selbständig und weiß es besser, und wenn ich Überbein auch nicht überzeugt habe – Sie werde ich überzeugen, Imma, sei es heut oder später …«
»Ja, Prinz, das muß ich gestehen! Sie wissen zu überzeugen, Ihr Eifer reißt unwiderstehlich mit sich fort! Neunzehn Tage, sagten Sie nicht so? Ich halte achtzehn und einen halben für richtig, aber das läuft auf dasselbe hinaus. In dieser Zeit haben Sie einmal geruht, auf Delphinenort zu erscheinen … vor vier Tagen …«