Nach den ersten Fragen und Antworten über Herrn Spoelmanns Befinden und Immas überstandene Unpäßlichkeit – Klaus Heinrich machte ihr lebhafte Vorwürfe über ihr seltsames Ungestüm, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen erwiderte, daß sie, soviel ihr bekannt, ihr eigener Herr sei und mit ihrer Gesundheit nach Belieben schalten könne – kam das Gespräch auf den Herbst, auf die nasse Witterung, die das Reiten verbiete, auf die vorgerückte Jahreszeit, den nahen Winter, und Klaus Heinrich erwähnte von ungefähr des Hofballes, wobei es ihm einfiel, zu fragen, ob denn die Damen – wenn leider Herr Spoelmann schon durch seinen Gesundheitszustand verhindert sein würde – nicht Lust hätten, sich diesmal daran zu beteiligen. Als aber Imma erwiderte: Nein, wirklich, die Absicht einer Kränkung liege ihr fern, aber dazu habe sie schlechterdings nicht die geringste Lust, drang er nicht in sie, sondern stellte die Frage vorläufig gelassen zurück.

Was er getrieben habe die letzten Tage? – Oh, er sei beschäftigt gewesen, er könne sagen, daß es Arbeit die Hülle und Fülle gegeben habe. – Arbeit? Ohne Zweifel meine er die Hofjagd bei »Jägerpreis«. – Nun, die Hofjagd … Nein, er sei wirklichen Studien nachgegangen, die er übrigens keineswegs schon abgeschlossen habe; vielmehr stecke er noch tief in der betreffenden Materie … Und Klaus Heinrich begann von seinen unschönen Büchern, seinen finanzwissenschaftlichen Einsichten zu erzählen, und mit solcher Freude und Hochachtung sprach er von dieser Disziplin, daß Imma Spoelmann ihn mit großen Augen betrachtete. Als sie ihn aber – was auf fast schüchterne Weise geschah – über den Anlaß und Beweggrund zu seiner Beschäftigung befragte, antwortete er, daß es lebendige, nur allzu brennende Tagesfragen seien, die ihn darauf hingeleitet hätten: Verhältnisse und Umstände, die sich leider für ein heiteres Teegespräch recht wenig eigneten. Diese Redewendung kränkte Imma Spoelmann ganz offenkundig. Auf welche Beobachtungen – fragte sie scharf und wandte ihr Köpfchen hin und her – sich eigentlich seine Überzeugung gründe, daß sie ausschließlich oder auch nur vorzugsweise heiteren Gesprächen zugänglich sei? Und sie befahl ihm mehr, als sie bat, sich gefälligst über die brennenden Tagesfragen zu äußern.

Da zeigte Klaus Heinrich, was er bei Herrn von Knobelsdorff gelernt hatte, und sprach über das Land und die Lage. Er wußte Bescheid in jedem Punkte, worauf der faltige Zeigefinger geruht hatte, er sprach von den natürlichen und den verschuldeten, den allgemeinen und den engeren, den hingeschleppten und den verschärfend hinzugetretenen Übelständen, er betonte namentlich die Ziffer der Staatsschulden und den Druck, den sie auf unsre Volkswirtschaft ausübten – es waren sechshundert Millionen –, und er vergaß nicht einmal der unterernährten Gestalten auf dem Lande.

Er sprach nicht zusammenhängend; Imma Spoelmann unterbrach ihn mit Fragen und half ihm mit Fragen vorwärts, sie nahm es genau und ließ sich erläutern, was sie nicht gleich verstand. In ihrem offenärmeligen Hauskleid aus ziegelfarbener Rohseide mit breiter Bruststickerei, eine altspanische Ehrenkette um den kindlichen Hals, saß sie, über den Teetisch gebückt, der von Kristall und Silber und köstlichem Porzellane schimmerte, einen Ellenbogen aufgestützt, das Kinn in die schmucklose und zartgliedrige Hand vergraben, und lauschte mit ganzer Seele, indes ihre Augen, so übergroß, so dunkel glänzend, in seiner Miene forschten. Aber während er sprach, von Imma mit Mund und Augen befragt, sich mühte, sich ereiferte und sich ganz seinem Gegenstand hingab, fühlte Gräfin Löwenjoul sich nicht länger zu nüchterner Klarheit angehalten durch seine Gegenwart, sondern ließ sich gehen und erlaubte sich die Wohltat des Irreschwatzens. An allem Elend, erklärte sie mit vornehmen Bewegungen und seltsam gekniffenem Blicke, auch an der Mißernte, der Schuldenlast und der Geldteuerung, seien die schamlosen Weiber schuld, von welchen es überall wimmele, und die leider auch den Weg durch den Fußboden zu finden wüßten, wie denn vergangene Nacht die Frau eines Feldwebels aus der Leibfüsilierkaserne ihr die Brust zerkratzt und sie mit abscheulichen Gebärden gemartert habe. Hierauf erwähnte sie ihre Schlösser in Burgund, in die es von oben hineinregnete, und ging so weit, zu erzählen, daß sie einen Feldzug gegen die Türken als Leutnant mitgemacht habe, wobei sie die einzige gewesen sei, die »nicht den Kopf verloren habe«. Imma Spoelmann und Klaus Heinrich gaben hie und da ein gutes Wort, versprachen gern, sie vorderhand Frau Meier zu nennen und ließen sich übrigens von ihren Zwischenreden nicht stören.

Sie hatten beide heiße Gesichter, als Klaus Heinrich alles gesagt hatte, was er wußte – ja, auch auf dem Imma Spoelmanns, sonst von der Blässe der Perlen, war ein Hauch von Röte zu bemerken. Sie schwiegen dann, und auch die Gräfin verstummte, den kleinen Kopf auf die Schulter geneigt, gekniffenen Blickes ins Leere äugend. Klaus Heinrich spielte auf dem blitzend weißen und scharf gefalteten Tischtuch mit dem Stengel einer Orchidee, die in einem Spitzgläschen neben seinem Gedeck gestanden hatte; aber sobald er den Kopf erhob, begegnete er Imma Spoelmanns Augen, die übergroß, flammend und unverwandt, über den Tisch hinweg eine dunkelfließende Sprache führten.

»Es war hübsch heute«, sagte sie mit ihrer gebrochenen Stimme, als er für diesmal Abschied nahm – und er fühlte, wie ihre schmale, zartknochige Hand die seine mit kräftigem Druck umspannte. »Wenn Euere Hoheit wieder einmal unser unwürdiges Haus beehren, sollten Sie mir das eine oder andere von den guten Büchern bringen, die Sie sich angeschafft haben.« – Sie konnte es nicht ganz lassen, zu spotten, aber sie bat ihn um seine Finanzbücher, und er brachte sie ihr.

Er brachte ihr zwei davon, die er für die lehrreichsten und übersichtlichsten hielt, brachte sie einige Tage später in seinem Coupé durch den feuchten Stadtgarten, und sie wußte ihm Dank dafür. Sobald sie den Tee genommen, zogen sie sich in einen Winkel des Salons zurück, woselbst sie, während die Gräfin in Abwesenheit am Teetisch verharrte, in thronartigen Armstühlen an einem vergoldeten Tischchen sitzend, über das erste Blatt eines Lehrbuches namens »Finanzwissenschaft« gebeugt, ihr gemeinsames Studium begannen. Selbst die Vorworte zur ersten und zur sechsten Auflage lasen sie mit, abwechselnd mit leiser Stimme jeder einen Satz; denn Imma Spoelmann hielt dafür, daß man methodisch zu Werke gehen und mit dem Anfang beginnen müsse.

Klaus Heinrich, wohlvorbereitet wie er war, machte den Führer durch die Paragraphen, und niemand hätte behender und hellsinniger zu folgen vermocht als Imma.

»Es ist leicht!« sagte sie und sah lachend auf. »Mich nimmt wunder, daß es im Grunde so einfach ist. Algebra ist viel schwerer, Prinz …«

Aber da sie die Sache so gründlich betrieben, kamen sie demnach nicht weit in einer Nachmittagsstunde und machten ein Zeichen ins Buch, wo sie das nächste Mal fortfahren würden.