Das geschah; und fortan waren des Prinzen Besuche auf »Delphinenort« von dem sachlichsten Inhalt erfüllt. Immer, wenn Herr Spoelmann nicht am Teetisch erschienen war oder, sobald er seinen Krankenzwieback eingetaucht, sich mit Doktor Watercloose zurückgezogen hatte, richteten Imma und Klaus Heinrich sich mit ihren Büchern an dem goldenen Tischchen ein, um sich, Kopf an Kopf, in die Geldwirtschaftskunde zu vertiefen. Aber im Vorwärtsschreiten verglichen sie die abgezogene Lehre mit der Wirklichkeit, wandten, was sie lasen, auf die Verhältnisse des Landes an, wie Klaus Heinrich sie dargelegt hatte, und studierten mit Nutzen, obgleich es nicht selten geschah, daß ihr Forschen von Betrachtungen persönlicher Art unterbrochen wurde.
»Dann kann also die Emission«, sagte Imma, »auf direktem oder indirektem Wege erfolgen – ja, das leuchtet ein. Entweder der Staat wendet sich geradeswegs an die Kapitalisten und eröffnet die Subskription … Ihre Hand ist doppelt so breit wie meine«, sagte sie – »sehen Sie, Prinz!« Und nun schauten sie lächelnd und glücklich betroffen von dem einfachen Anblick ihre Hände an, seine rechte und ihre linke, die nebeneinander auf der goldenen Tischplatte lagen. »Oder«, fuhr Imma fort, »die Anleihe wird durch Negotiation begeben, und es ist irgendein großes Bankhaus oder Konsortium von solchen, an das der Staat seine Schuldscheine …« »Warten Sie!« sagte er leise. »Warten Sie, Imma, und beantworten Sie mir eine Frage! Lassen Sie auch die Hauptsache nicht außer acht? Geben Sie sich auch Mühe, und machen Sie Fortschritte? Wie ist es mit der Ernüchterung und Befangenheit, liebe kleine Imma? Haben Sie nun ein bißchen Vertrauen zu mir?« Seine Lippen fragten es nahe ihrem Haar, dem ein kostbarer Duft entströmte, und sie hielt ihr schwarzbleiches Kindergesichtchen still dabei über das Buch gebeugt, wenn sie auch seine Frage nicht unumwunden beantwortete. »Aber muß es ein Bankhaus oder Konsortium sein?« überlegte sie. »Es steht nichts davon da, aber mir scheint, daß es das praktischen Falles nicht notwendig zu sein braucht …«
Sie sprach ernsthaft und ohne Anführungszeichen in dieser Zeit, denn auch sie hatte ja, für ihr Teil, die Gedankenarbeit zu bewältigen, welche Klaus Heinrich nach der Unterredung mit Herrn von Knobelsdorff verrichtet hatte. Und als er einige Wochen später auf seine Frage zurückkam, ob sie nicht Lust habe, den Hofball zu besuchen, und ihr die zeremoniellen Bedingungen mitteilte, die für diesen Fall bewilligt waren, da geschah es, daß sie ihm antwortete, ja, sie habe Lust und wolle morgen mit der Gräfin Löwenjoul bei der verwitweten Gräfin Trümmerhauff vorfahren, um ihre Karten abzugeben.
Dieses Jahr fand der Hofball früher statt als sonst: schon Ende November – eine Maßnahme, die, wie man hörte, auf Wünsche innerhalb des Großherzoglichen Hauses zurückzuführen war. Herr von Bühl zu Bühl beklagte bitter diese Überstürzung, welche ihn und seine Unterbeamten zwänge, die Vorbereitungen zu der wichtigsten höfischen Festlichkeit über das Knie zu brechen, namentlich die Ausbesserungen, deren die Festräume des Alten Schlosses so dringend bedürftig waren. Aber der Wunsch des betreffenden Mitgliedes der Allerhöchsten Familie hatte die Unterstützung des Herrn von Knobelsdorff gehabt, und der Hofmarschall mußte sich fügen. So aber kam es, daß die Gemüter kaum Zeit hatten, sich auf das, was eigentlich an dem Abend Ereignis war, und wogegen der ungewöhnliche Zeitpunkt gleich nichts erschien, genügend vorzubereiten: ja, als der »Eilbote« die Kunde von der Kartenabgabe und Einladung in fetten Lettern verbreitete – nicht ohne in etwas kleinerem Druck, doch in warmen Worten seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben und Spoelmanns Tochter bei Hofe willkommen zu heißen –, da stand der bedeutende Abend schon vor der Tür, und ehe die Zungen sich recht in Bewegung gesetzt, war alles vollendete Wirklichkeit.
Nie hatte mehr Neid auf den fünfhundert begnadeten Personen geruht, deren Namen auf der Hofball-Liste standen, nie hatte der Bürger am Morgen mit größeren Augen den Bericht des »Eilboten« verschlungen, diese glitzernden Spalten, die alljährlich von einem durch den Trunk entarteten Adeligen abgefaßt wurden und so üppig zu lesen waren, daß man glaubte, Einblick in das Feenreich zu tun, während in Wahrheit das Ballfest im Alten Schloß ohne Überschwang und selbst nüchtern verlief. Aber der Bericht reichte nur bis zum Souper, mit Einschluß der französischen Speisenfolge, und alles, was später kam, sowie überhaupt alle Zartheiten und Unwägbarkeiten des großen Vorgangs blieben notwendig mündlicher Überlieferung vorbehalten.
Die Damen hatten sich, in einem kolossalen olivenfarbenen Automobil vor dem Albrechtstor anbremsend, ziemlich pünktlich im Alten Schloß eingefunden, wenn auch so pünktlich nicht, daß Herr von Bühl zu Bühl nicht Zeit gehabt hätte, sich zu ängstigen. Von siebeneinviertel Uhr an war er, in großer Uniform, mit Orden bedeckt bis zum Unterleib, mit spiegelndem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf der Nase, in der Mitte des mit Rüstungen umstellten Rittersaales, woselbst sich das Großherzogliche Haus und der große Dienst versammelten, von einem Fuß auf den andern getreten und hatte mehrmals einen Kammerjunker in den Ballsaal hinübergesandt, um zu erfahren, ob Fräulein Spoelmann noch nicht erschienen sei. Er erwog unerhörte Möglichkeiten. Wenn diese Königin von Saba zu spät kam – und was konnte man nicht von ihr gewärtigen, die mitten durch die Wachtmannschaft geschritten war! –, so mußte sich der Eintritt des großherzoglichen Korteges verzögern, so mußte der Hof auf sie warten, denn sie sollte ja nun einmal unbedingt zuerst vorgestellt werden, und es war ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie nach dem Großherzog im Ballsaale eintraf … Aber gottlob! eine knappe Minute vor siebeneinhalb Uhr war sie mit ihrer Gräfin gekommen (und die Bewegung war groß gewesen, als die empfangenden Kammerherren sie zunächst den Diplomaten und also vor dem Adel, den Palastdamen, den Ministern, den Generalen, den Kammerpräsidenten und aller Welt in die Hofgesellschaft eingereiht hatten) – Flügeladjutant von Platow hatte den Großherzog aus seinen Zimmern geholt, im Rittersaal hatte Albrecht, als Husar gekleidet, mit niedergeschlagenen Augen die Mitglieder seines Hauses begrüßt, hatte seiner Tante Katharina den Arm geboten, und dann, nachdem Herr von Bühl in der geöffneten Flügeltür dreimal seinen Stab gegen das Parkett gestoßen, hatte sich der Einzug des Hofes in den Ballsaal vollzogen.
Augenzeugen versicherten später, daß die allgemeine Unaufmerksamkeit während des Rundgangs der höchsten Herrschaften die Grenze des Anstößigen erreicht habe. Wohin Albrecht mit seiner würdevoll schreitenden Tante gerade gekommen war, da war ohne die rechte Sammlung ein hastiges Neigen und Wogen entstanden, aber sonst waren alle Gesichter nur einem Punkte des Saales zugewandt, alle Augen mit brennender Neugier auf eben diesen Punkt gerichtet gewesen … Die dort stand, hatte Feinde im Saal gehabt, zumindest unter den Frauen, den weiblichen Trümmerhauffs, Prenzlaus, Wehrzahns und Platows, die hier ihre Fächer regten, und scharfe und kalte Damenblicke hatten sie gemustert. Aber war nun ihre Stellung schon zu befestigt, als daß die Kritik sich hervorgewagt hätte, oder hatte ihre Persönlichkeit an und für sich den heimlichen Widerstand überwunden – nur eine Stimme hatte geherrscht, und es war die gewesen, daß Imma Spoelmann schön sei wie Bergkönigs Töchterlein. Die Residenz wußte am nächsten Morgen ihre Toilette auswendig, der Schreiber im Ministerium, der Dienstmann an der Straßenecke. Es war ein Gewand aus blaßgrünem Chinakrepp gewesen, mit silberner Stickerei und einem Bruststück aus alter Silberspitze von Fabelwert. Ein krönleinartiger Kopfschmuck aus Diamanten hatte farbig in ihrem blauschwarzen Haar gefunkelt, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen, und eine lang herabhängende Kette aus demselben Edelgestein war doppelt und dreifach um ihren bräunlichen Hals geschlungen gewesen. Klein und kindlich, doch von einer wundersam ernsten und klugen Kindlichkeit der Erscheinung, mit ihrem bleichen Gesichtchen und ihren übergroßen und seltsam eindringlich redenden Augen, so hatte sie an ihrem Ehrenplatz zur Seite der Gräfin Löwenjoul gestanden, die braun wie immer, doch diesmal in Atlas, gekleidet gewesen war. Mit einer gewissen spröden Pagenanmut hatte sie, als das Kortege zu ihr gelangt war, die höfische Verbeugung angedeutet, ohne sie auszuführen; aber als Prinz Klaus Heinrich, das zitronengelbe Band und die flache Kette des Hausordens zur Beständigkeit über dem Waffenrock, den Silberstern vom Grimmburger Greifen auf der Brust und jene blutleere Cousine am Arme führend, die nichts als »jä« zu sagen vermochte, gleich hinter dem Großherzoge an ihr vorübergeschritten war, da hatte sie mit geschlossenen Lippen gelächelt und hatte ihm zugenickt wie ein Kamerad – wobei es denn doch wie ein Zucken durch die Versammlung gegangen war …
Dann, nach der Begrüßung der Diplomaten durch die höchsten Herrschaften, hatten die Vorstellungen begonnen – begonnen mit Imma Spoelmann, obgleich sich unter den neueingeladenen Damen zwei Komtessen Hundskeel und ein Freifräulein von Schulenburg-Tressen befunden hatten. Schwänzelnd und mit falschen Zähnen lächelnd hatte Herr von Bühl Spoelmanns Tochter seinem Herrn präsentiert. Und indem er mit der kurzen, gerundeten Unterlippe leicht an der oberen gesogen, hatte Albrecht auf ihre spröde Pagenverneigung niedergeblickt, aus der sie sich erhoben hatte, um aus redenden Augen den leidenden Husarenobersten in seinem stillen Hochmut mit dunklem Forschen zu betrachten. Der Großherzog hatte mehrere Fragen an sie gerichtet, während er es sonst ohne Ausnahme bei einer bewenden ließ, hatte sich nach ihres Vaters Befinden, nach der Wirkung der Ditlindenquelle erkundigt, und wie es ihr selbst auf die Dauer bei uns gefalle, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen und das schwarzbleiche Köpfchen hin und her wendend mit ihrer gebrochenen Stimme geantwortet hatte. Hierauf, nach einer Pause, welche vielleicht eine Pause des inneren Kampfes gewesen, hatte Albrecht ihr sein Vergnügen zum Ausdruck gebracht, sie bei Hofe zu sehen; und dann hatte auch Gräfin Löwenjoul, mit einem seitwärts entgleitenden Blick, ihre Kniebeugung vollführen dürfen.
Dieser Auftritt, Imma Spoelmann vor Albrecht, blieb lange der Lieblingsgegenstand des Gesprächs, und obgleich er ohne Sonderlichkeiten verlaufen war, wie er verlaufen mußte, so sollen sein Reiz und seine Bedeutung nicht geschmälert werden. Der Höhepunkt des Abends war er nicht. Das war in den Augen vieler die Quadrille d'honneur, für manche auch das Souper – in Wirklichkeit aber ein geheimes Zwiegespräch zwischen den beiden Hauptpersonen des Stückes, ein kurzer, unbelauschter Wortwechsel, dessen Inhalt und sachlichen Enderfolg die Öffentlichkeit freilich nur zu ahnen vermochte – der Abschluß gewisser zarter Kämpfe zu Pferd und zu Fuß …
Die Ehrenquadrille angehend, so gab es am nächsten Tage Personen, die behaupteten, Fräulein Spoelmann habe sie mitgetanzt, und zwar an der Seite des Prinzen Klaus Heinrich. Nur der erste Teil dieser Aussage traf zu. Das Fräulein hatte an dem feierlichen Reigen teilgenommen, aber geführt vom englischen Geschäftsträger und dem Prinzen Klaus Heinrich gegenüber. Immerhin war das stark, und noch stärker war, daß die Mehrzahl der Festgäste es nicht einmal als unerhört, sondern im Gegenteil beinahe als selbstverständlich empfunden hatte. Ja, Imma Spoelmanns Stellung war befestigt, die volkstümliche Auffassung ihrer Person – das Volk erfuhr es am nächsten Tage – war herrschend gewesen im Hofballsaal, und übrigens hatte Herr von Knobelsdorff Sorge getragen, daß diese Auffassung mit aller Augenfälligkeit, die er für wünschenswert hielt, zum Ausdruck gelangte. Nicht mit Rücksicht und nicht mit Auszeichnung, nein, zeremoniös war Imma Spoelmann behandelt worden, und das mit planmäßiger, absichtsvoller Betonung. Die beiden diensttuenden Zeremonienmeister, Kämmerer ihrem Range nach, hatten ihr mit Auswahl die Tänzer zugeführt, und wenn sie ihren Platz, dicht neben dem flachen, rot ausgeschlagenen Podium, wo die Großherzogliche Familie auf Damastsesseln saß, mit einem Kavalier verlassen hatte, um zu tanzen, so war die Balleitung geschäftig gewesen, wie dies beim Tanz der Prinzessinnen geschah, ihr freien Raum unter dem mittleren Lüster zu schaffen und sie vor jedem Zusammenstoß zu behüten – was übrigens leichte Arbeit gewesen war, denn ohnedies hatte sich, wenn sie tanzte, ein schützender Kreis von Neugier um sie geschlossen.