Man berichtete, daß, als Prinz Klaus Heinrich Fräulein Spoelmann zum erstenmal aufgefordert habe, ein heftiges Ausatmen, ein förmliches Zischen der »Erregung« im Saale hörbar gewesen sei, und daß die Vortänzer zu tun gehabt hätten, den Ball in Gang zu erhalten und zu verhindern, daß alles in gieriger Schaulust die Tanzenden umstehe. Namentlich die Damen hatten das einsame Paar mit einem exaltierten Entzücken begleitet, das, wenn Imma Spoelmanns Stellung nur ein wenig schwächer gewesen wäre, unzweifelhaft die Formen der Wut und der Bosheit gezeigt haben würde. Aber zu sehr hatte jeder einzelne der fünfhundert Festgäste unter dem Druck und Einfluß des öffentlichen Empfindens, jener gewaltigen Eingebung von unten her, gestanden, um dies Schauspiel anders als mit des Volkes Augen betrachten zu können. Der Prinz schien nicht in dem Sinne beraten gewesen zu sein, sich Zwang anzutun. Sein Name, und zwar einfach in der Abkürzung »K. H.«, hatte zweimal, für zwei große Tänze, auf Miß Spoelmanns Karte gestanden, und außerdem hatte er noch mehrfach bei ihr hospitiert. Dort hatten sie getanzt, Klaus Heinrich und Spoelmanns Tochter. Ihr bräunlicher Arm hatte auf dem Ordensband aus zitronenfarbener Seide geruht, das über seine Schulter lief, und sein rechter Arm hatte ihre leichte und seltsam kindliche Gestalt umschlungen gehalten, während er den linken nach seiner Gewohnheit beim Tanz in die Hüfte gestützt und nur mit einer Hand seine Dame geführt hatte. Mit einer Hand …

So war die Stunde des Soupers gekommen, und ein weiterer Artikel der zeremoniellen Bedingungen, die Herr von Knobelsdorff für Imma Spoelmanns Hofballbesuch erwirkt hatte, war erschütternd in Kraft getreten. Es war der gewesen, welcher die Sitzordnung bei Tische zum Gegenstand hatte. Während nämlich die große Menge der Festgäste in der Bildergalerie und im Saal der zwölf Monate an langen Tafeln speiste, war für die Großherzogliche Familie, die Diplomaten und die obersten Hofchargen im Silbersaal gedeckt. Feierlich geordnet, wie beim Eintritt in den Ballsaal, begaben sich Albrecht und die Seinen punkt elf Uhr dorthin. Und an den Kammerlakaien vorüber, welche die Türen besetzt hielten und Unbefugten den Zugang wehrten, war am Arme des englischen Geschäftsträgers Imma Spoelmann in den Silbersaal eingezogen, um an der großherzoglichen Tafel teilzunehmen.

Das war ungeheuerlich gewesen – und zugleich, nach allem Voraufgegangenen, von so zwingender Folgerichtigkeit, daß jederlei Verwunderung oder gar Auflehnung des gesunden Sinnes entbehrt haben würde. Heute hatte es einfach gegolten, großen Anzeichen und Erscheinungen innerlich gewachsen zu sein … Aber nach aufgehobener Tafel, als der Großherzog sich zurückgezogen und Prinzessin Griseldis mit einem Kammerherrn den Kotillon eröffnet hatte, war die Erwartung dennoch aufs neue ins Fieberhafte gestiegen, denn die allgemeine Frage war gewesen, ob man dem Prinzen erlaubt habe, der Spoelmann ein Sträußchen zu bringen. Seine Instruktion war offenbar die gewesen, ihr nicht gerade das erste zu bringen. Er hatte zunächst seiner Tante Katharina und einer rothaarigen Cousine je eines überreicht; aber dann war er mit einem Fliedersträußchen aus der Hofgärtnerei vor Imma Spoelmann hingetreten. Im Begriffe, das schöne Gebinde an ihr Näschen zu führen, hatte sie aus unbekannten Gründen mit ängstlicher Miene gezögert, und erst, nachdem er sie durch ein lächelndes Kopfnicken dazu ermutigt, hatte sie sich entschlossen, den Duft zu versuchen. Dann hatten sie, ruhig sprechend, ziemlich lange miteinander getanzt.

Jedoch während dieses Tanzes war es gewesen, daß jener unbelauschte Wortwechsel, jene Unterredung mit greifbar bürgerlichem Inhalt und sachlichem Enderfolg zwischen ihnen stattgefunden hatte … hier ist sie.

»Sind Sie diesmal zufrieden mit den Blumen, Imma, die ich Ihnen bringe?«

»Doch, Prinz, Ihr Flieder ist schön und duftet ordnungsgemäß. Er gefällt mir sehr.«

»Wirklich, Imma? Aber der arme Rosenstock unten im Hof tut mir leid, weil seine Rosen Ihnen mißfallen mit ihrem Moderduft.«

»Ich will nicht sagen, daß sie mir mißfallen, Prinz.«

»Aber sie ernüchtern und erkälten Sie wohl?«

»Ja, das vielleicht.«