Im Büfettzimmer herrschte ein Prusten und Kichern, daß alles neidisch hinübersah. Jemand war dort mitten im Tanz aus dem Karree entwischt, hatte im Sprung vom Büfett ein belegtes Brötchen stibitzt und kaute nun stolz beim Schlenkern und Stampfen, zum Gelächter der andern.
»Die sind frech!« sagte das schöne Mädchen. »Die mopsen sich nicht!« Und es ließ ihr keine Ruhe. Ehe man sich's versah, war sie ausgebrochen, war leicht und geschickt zwischen den Linien dahingeflogen, hatte dort drüben ein Brötchen erwischt und war zurück.
Klaus Heinrich war es, der am begeistertsten applaudierte. Es ging nicht gut mit seiner linken Hand, und so half er nach, indem er mit der rechten auf den Oberschenkel schlug und sich neigte vor Lachen. Dann ward er stiller und ein wenig bleich. Er kämpfte mit sich … Die Quadrille näherte sich ihrem Ende. Was er tun wollte, mußte er schleunig tun. Schon waren die Englischen Ketten an der Reihe.
Und als es fast schon zu spät war, da tat er, um was er gekämpft hatte. Er lief davon, lief hastig zwischen den Tanzenden hindurch, indem er mit halber Stimme um Entschuldigung bat, wenn er jemanden anstieß, erreichte das Büfett, ergriff ein Brötchen, stürzte zurück, fuhr gleitend in sein Karree hinein … Das war nicht alles. Er führte das Brötchen – es war mit Ei und Sardellen belegt – gegen die Lippen seiner Partnerin, des Mädchens mit den großen weißen Händen – sie beugte ein wenig die Knie, biß zu, biß, ohne die Hände zu brauchen, wohl die Hälfte ab … und zurückgeworfenen Kopfes schob er sich den Rest in den Mund!
Der Übermut des Vierecks löste sich auf in der Großen Kette, die eben begann. Rings um den Saal ging kreuzweise und verschlungen ein Händereichen und gewundenes Wandern. Es stockte, die Strömungen tauschten die Richtung, und noch einmal ging es herum, mit Lachen und Plaudern, mit Verirrungen, Verwirrungen und hastig geglätteten Tumulten.
Klaus Heinrich drückte die Hände, die er empfing, ohne zu wissen, wem sie gehörten. Er lächelte mit bewegter Brust. Sein glattgescheiteltes Haar hatte sich gelockert, und etwas davon fiel in die Stirn; sein Hemdeinsatz buckelte sich ein wenig aus der Weste hervor, und in seinem Gesicht, seinen erhitzten Augen war jene weiche, ja gerührte Begeisterung, die zuweilen der Ausdruck des Glückes ist. Mehrmals sagte er im Schreiten und Händereichen: »Wir haben viel Spaß gehabt! Wir haben viel Spaß gehabt!« Er begegnete seinen Vettern, und auch zu ihnen sagte er: »Wir haben so viel Spaß gehabt – wir da drüben!«
Dann gab es ein Händeklatschen und Wiedersehen: man war am Ziel; Klaus Heinrich stand wieder Aug' in Aug' vor dem schönen Mädchen mit den Schlüsselbeinen; und da der Takt wechselte, legte er abermals seinen Arm um ihre weiche Taille, und sie tanzten im Trubel.
Klaus Heinrich führte nicht gut und stieß nicht selten mit anderen Paaren zusammen, weil er die linke Hand in die Hüfte gestemmt hielt; aber er brachte seine Dame schlecht und recht bis zum Eingang des Büfettzimmers, wo sie haltmachten und sich mit Ananasbowle erfrischten, die von Aufwärtern dargereicht wurde. Gleich am Eingang saßen sie, auf zwei Samttaburetts, tranken und plauderten von der Quadrille, vom Bürgerball, von anderen geselligen Veranstaltungen, an denen das schöne Mädchen diesen Winter schon teilgenommen …
Um diese Zeit trat ein Herr des Gefolges, Major von Platow, Flügeladjutant des Großherzogs, vor Klaus Heinrich hin, verbeugte sich und bat um die Erlaubnis, melden zu dürfen, daß Ihre Königlichen Hoheiten nun aufbrächen. Er sei beauftragt … Aber Klaus Heinrich gab in so beweglicher Weise den Wunsch zu erkennen, noch bleiben zu dürfen, daß der Adjutant nicht auf seinem Auftrag bestehen mochte. Der Prinz tat Ausrufe eines fast empörten Bedauerns und war offenbar von dem Ansinnen, jetzt nach Hause zu fahren, aufs schmerzlichste berührt. »Wir haben so viel Spaß!« sagte er, stand auf und ergriff den Major sogar ein wenig am Arm. »Lieber Herr von Platow, bitte, verwenden Sie sich für mich! Sprechen Sie mit Exzellenz von Knobelsdorff, tun Sie, was Sie wollen – aber jetzt fahren, wo wir so viel Spaß miteinander haben –! Ich bin sicher, daß auch meine Vettern noch bleiben …« Der Major blickte das schöne Mädchen mit den großen weißen Händen an, die ihm zulächelte; auch er lächelte und versprach dann, sein möglichstes zu tun. Dieser kleine Auftritt ereignete sich, während schon im Entree des »Bürgergartens« der Großherzog und die Großherzogin sich von den Stadtverordneten verabschiedeten. Gleich darauf begann im ersten Stockwerk der Tanz aufs neue.
Das Fest war auf seiner Höhe. Alles Offizielle war abgetan, und man setzte die Gemütlichkeit in ihre Rechte ein. Die weiß gedeckten Tische in den Nebenräumen waren besetzt von Familien, die Bowle tranken und soupierten. Jugend strömte ab und zu, ließ sich erhitzt und unruhevoll auf den Rändern der Stühle nieder, um ein paar Bissen zu essen, ein Glas zu trinken und sich wieder ins Vergnügen zu stürzen. Im Erdgeschoß gab es eine altdeutsche Bierstube, die von gesetzteren Herren stark besucht war. Der große Tanzsaal und der Büfettraum wurden nun ganz von der tanzlustigen Jugend in Besitz gehalten. Der Büfettraum war von fünfzehn oder achtzehn jungen Leuten angefüllt, Töchtern und Söhnen der Stadt, darunter Klaus Heinrich. Es war eine Art Privatball dort. Man tanzte zu den Klängen der Musik, die aus dem Hauptsaal hereinscholl.