Vorübergehend wurde der Doktor Überbein hier gesehen, des Prinzen Studienlehrer, der eine kurze Unterredung mit seinem Schüler hatte. Man hörte ihn, die Taschenuhr in der Hand, des Herrn von Knobelsdorff erwähnen, hörte ihn sagen, daß er sich drunten in der Bierstube aufhalte und wiederkommen werde, den Prinzen abzuholen. Dann ging er. Die Uhr war halb elf.
Und während er unten saß und bei einem Kruge Bier mit Bekannten konversierte, eine Stunde nur noch, anderthalb, nicht mehr, trugen sich im Büfettraum die anstößigen Vorgänge zu, jene eigentlich unbegreiflichen Ausschreitungen, denen er dann, leider zu spät, ein Ende machte.
Die Bowle, die getrunken wurde, war leicht, sie enthielt mehr kohlensaures Wasser als Champagner, und wenn die jungen Leute das innere Gleichgewicht verloren hatten, so war eher der Tanzrausch daran schuld als der Geist des Weines. Aber bei des Prinzen Charakter und der gutbürgerlichen Herkunft der übrigen Gesellschaft genügte das nicht zur Erklärung dessen, was geschah. Hier wirkte, auf beiden Seiten, ein anderer, eigenartiger Rausch … Das Seltsame war, daß Klaus Heinrich die einzelnen Stadien dieses Rausches genau verfolgte und dennoch unfähig oder ohne Willen war, ihn abzuschütteln.
Er war glücklich. Er fühlte auf seinen Wangen dieselbe Hitze brennen, die er auf den Gesichtern der anderen sah, und sein Blick, verdunkelt von einer weichen Verwirrung, flog umher, umfaßte begeistert eine Gestalt nach der anderen und sagte: »Wir!« Auch sein Mund sagte es, sagte mit innerlich seliger Stimme lauter Sätzchen, in denen ein Wir enthalten war. »Wir wollen uns setzen, wir wollen wieder tanzen, wir wollen trinken, wir machen zwei Karrees aus …« Besonders zu dem Mädchen mit den Schlüsselbeinen sagte Klaus Heinrich Dinge mit »Wir«. Er hatte seiner linken Hand vollständig vergessen, sie hing hinab, er fühlte sich nicht gehemmt von ihr in der Freude und dachte nicht daran, sie zu verbergen. Manche sahen jetzt erst, wie es eigentlich damit stand und blickten neugierig oder mit einer unbewußten Grimasse auf den dünnen und zu kurzen Arm im Frackärmel, auf den kleinen, schon etwas schmutzigen, weißen Glacéhandschuh, der die Hand bekleidete. Aber da Klaus Heinrich so ganz außer Sorge darum war, so faßte man auch in dieser Beziehung Mut, und es kam vor, daß jemand beim Rund- oder Reigentanz unbekümmert die mißgebildete Hand ergriff …
Er zog sie nicht zurück. Er fühlte sich getragen, mehr noch, umhergeworfen von Wohlwollen, einem starken, ausgelassenen Wohlwollen, das wuchs, sich an sich selbst erhitzte, das immer rücksichtsloser auf ihn eindrang, sich immer derber und atemnäher seiner bemächtigte, ihn triumphierend auf die Schultern nahm. Was ging vor? Das war schwer zu bestimmen, schwer festzuhalten. Worte lagen in der Luft, abgerissene Rufe, unausgesprochen, aber ausgedrückt in den Mienen, der Haltung, in dem, was getan und gesagt ward. »Er soll nur einmal …!« »Herunter, herunter, herunter mit ihm …« »Angefaßt, immer angefaßt …!« Ein kleines Mädchen mit Stülpnase, das ihn bei der Damenwahl zum Galopp aufforderte, sagte ohne ersichtlichen Zusammenhang ganz deutlich »Ach was!«, als es sich anschickte, mit ihm davonzujagen.
Er sah eine Lust in aller Augen glimmen und sah, daß es ihre Lust war, ihn zu sich hinabzuziehen, ihn bei sich unten zu haben. In sein Glück, seinen Traum, mit ihnen, unter ihnen, einer von ihnen zu sein, drang es von Zeit zu Zeit wie eine kalte, stechende Wahrnehmung, daß er sich täuschte, daß das warme, herrliche »Wir« ihn trog, daß er dennoch nicht aufging in ihnen, sondern Mittelpunkt und Gegenstand blieb, doch anders als sonst, und im argen. Es waren Feinde gewissermaßen, er sah es an der Zerstörungslust ihrer Augen. Er hörte wie von fern, mit einem seltsam heißen Erschrecken, wie das schöne Mädchen mit den großen weißen Händen ihn einfach bei Namen rief – und er fühlte wohl, daß es in anderem Sinne geschah, als wenn Doktor Überbein ihn so nannte. Sie hatte Recht und Erlaubnis dazu, auf gewisse Weise, aber hütete denn niemand hier seine Würde, wenn er es nicht selber tat? Ihm war, als rissen sie an seinen Kleidern, und zuweilen brach es wild und höhnisch hervor aus dem Übermut. Ein langer, blonder, junger Mensch mit Zwicker, mit dem er beim Tanzen zusammenstieß, rief laut, daß es alle hörten: »Muß das sein?« Und es lag Bosheit darin, wie das schöne junge Mädchen, ihren Arm in seinem, sich mit ihm herumwirbelte, lange und mit bloßgelegten Zähnen, bis zum äußersten Schwindel. Er blickte, indes sie wirbelten, mit schwimmenden Augen auf die Schlüsselbeine, die sich, überspannt von der weißen, ein wenig körnigen Haut, an ihrem Halse abzeichneten …
Sie stürzten. Sie hatten es zu toll getrieben und fielen hin, als sie versuchten, den Wirbel zum Stehen zu bringen; und über sie stolperte ein zweites Paar, nicht ganz von selbst übrigens, gestoßen vielmehr von dem langen jungen Menschen mit Zwicker. Es gab ein Drunter und Drüber am Boden, und über sich im Zimmer hörte Klaus Heinrich den Chor, den er vom Schulhof kannte, wenn er zur Erfrischung einen freien Scherz versucht hatte, ein »Ho, ho, ho!«, nur böser hier und entzügelter …
Als kurz nach Mitternacht, mit einiger Verspätung leider, Doktor Überbein auf der Schwelle des Büfettzimmers erschien, bot sich ihm folgender Anblick. Sein junger Schüler saß allein auf dem grünen Plüschsofa an der linken Seitenwand, in derangiertem Frackanzug und auf allerlei Weise geschmückt. Eine Menge Blumen, die vorher in zwei chinesischen Vasen das Büfett geziert hatten, staken in dem Ausschnitt seiner Weste, zwischen den Knöpfen seines Hemdeinsatzes, ja selbst in seinem Stehkragen; um seinen Hals lag die goldene Kette, die dem Mädchen mit den Schlüsselbeinen gehörte, und auf seinem Kopf balancierte als Hut der flache, metallene Deckel einer Bowle. Er murmelte: »Was tun Sie … Was tun Sie …«, indes die Tanzgesellschaft, sich im Halbkreise an den Händen haltend, mit halb unterdrücktem Jubeln, Kichern, Prusten und Ho, ho, ho vor ihm nach rechts und links einen Reigen vollführte.
In Doktor Überbeins grünlichem Gesicht entstand unterhalb der Augen eine Röte, die sich völlig sonderbar und unwahrscheinlich ausnahm. »Schluß! Schluß!« rief er mit seiner schallenden Stimme, und in der plötzlich eingetretenen Stille, Bestürzung, Ernüchterung ging er mit langen Schritten auf den Prinzen zu, entfernte mit zwei, drei Griffen die Blumen, warf die Kette, den Deckel beiseite, verneigte sich dann und sagte mit ernster Miene: »Darf ich Großherzogliche Hoheit nun bitten …«
»Ich war ein Esel, ein Esel!« wiederholte er draußen.