Klaus Heinrich verließ in seiner Begleitung den Bürgerball.

Dies war das peinliche Vorkommnis, das in Klaus Heinrichs Schuljahr fiel. Wie gesagt, sprach keiner der Beteiligten davon – auch dem Prinzen gegenüber berührte Doktor Überbein es in Jahren nicht wieder –, und da niemand der Sache Worte lieh, so blieb sie körperlos und verschwamm, wenigstens scheinbar, sofort in Vergessen.

Der Bürgerball war im Januar gewesen. Fastnachtsdienstag, mit dem Hofball, und die große Cour im Alten Schloß, mit welcher die gesellige Jahreszeit sich endigte – regelmäßige Festlichkeiten, denen Klaus Heinrich noch fernblieb –, lagen zurück. Dann kam Ostern und mit ihm der Abschluß des Gymnasialjahrs: Klaus Heinrichs Maturitätsexamen, jene schöne Förmlichkeit, bei der auf seiten der Professoren die Frage: »Nicht wahr, Großherzogliche Hoheit?« so oftmals wiederkehrte, und bei welcher der Prinz seinen hervorragenden Platz in angenehmer Haltung ausfüllte. Das war kein tiefer Einschnitt; Klaus Heinrich verblieb noch in der Residenz. Aber nach Pfingsten rückte sein achtzehnter Geburtstag heran und zugleich ein Komplex von feierlichen Handlungen, mit denen ein ernster Wendepunkt seines Lebens begangen wurde und die ihm tagelang einen hohen und angespannten Dienst auferlegten.

Er ward volljährig, ward mündiggesprochen. Zum erstenmal wieder, seit seiner Taufe, war er Mittelpunkt jeder Aufmerksamkeit und Träger der Hauptrolle bei einer großen Zeremonie; aber während er sich damals still, verantwortungslos und duldend der Form hatte überlassen dürfen, die um ihn waltete, ihn trug, oblag es ihm heute, inmitten ihrer bindenden Vorschriften und streng geschwungenen Linien, umwallt von dem Faltenwurf ihrer bedeutenden Gebräuche, zu Wohlgefallen und Erhebung der Schauenden sich in Haltung und schöner Zucht doch mit scheinbarer Leichtigkeit darzustellen.

Übrigens ist nicht nur bildlicherweise von einem Faltenwurf die Rede, denn der Prinz trug einen Purpurmantel bei dieser Gelegenheit, ein verschossenes und theatralisches Garderobestück, das schon seinem Vater und Großvater bei ihrer Mündigsprechung gedient hatte und trotz tagelanger Lüftung nicht frei von Kampferduft war. Der Purpurmantel hatte ehemals zur Ordenstracht der Ritter vom Grimmburger Greifen gehört, war aber nun nicht anders mehr, denn als Zeremonienkleid für volljährig werdende Prinzen noch in Gebrauch. Albrecht, der Erbgroßherzog, hatte das Familienexemplar niemals getragen. Da sein Wiegenfest in den Winter fiel, verbrachte er es stets im Süden, an einem Ort mit warmer und trockener Luft, wohin er auch diesen Herbst sich wieder zu wenden gedachte, und da zur Zeit seines achtzehnten Geburtstages sein Befinden ihm nicht die Reise in die Heimat gestattet hatte, so hatte man sich beschieden, ihn in seiner Abwesenheit amtlich mündigzusprechen und auf den höfischen Festakt Verzicht zu leisten.

Was Klaus Heinrich betraf, so herrschte, besonders auch unter den Vertretern der Öffentlichkeit, nur eine Stimme, daß der Mantel ihn trefflich kleide, und er selbst empfand ihn, trotz der Behinderung, die er seinen Bewegungen auferlegte, als Wohltat, da er es ihm erleichterte, seine linke Hand zu verbergen. Zwischen dem Himmelbett und den bauchigen Schränken seines Schlafzimmers, das im zweiten Stockwerk gegen den Hof mit dem Rosenstock gelegen war, bereitete er sich zur Repräsentation, umständlich und genau, mit Hilfe des Kammerlakaien Neumann, eines stillen und akkuraten Menschen, der ihm kürzlich als Garderobier und persönlicher Diener zugeteilt worden war. Neumann war vom Friseurgewerbe ausgegangen und hauptsächlich in der Richtung seines ursprünglichen Berufes von jener leidenschaftlichen Gewissenhaftigkeit, jenem ungenügsamen Wissen um das Ideal erfüllt, aus welchem das höhere Können erwächst. Er barbierte nicht wie irgendeiner, er beruhigte sich nicht dabei, daß keine Bartstoppel stehenblieb; er barbierte so, daß jeder Schatten des Bartes, jede Erinnerung daran ausgetilgt wurde, und stellte, ohne die Haut zu verletzen, ihre vollkommene Weichheit und Glätte wieder her. Er beschnitt Klaus Heinrichs Haar genau rechtwinklig über den Ohren und ordnete es mit all dem Fleiß, den seiner Einsicht nach diese Vorbereitung zum zeremoniellen Auftreten erforderte. Er wußte den Scheitel zu ziehen, daß er über dem linken Auge ansetzte und schräg über den Kopf hin durch den Wirbel lief, damit dort oben weder Strähne noch Härchen sich erhöben; wußte das Haar auf der rechten Seite zu einem festen Hügel aus der Stirn zurückzubürsten, dem kein Hut oder Helm etwas anhaben konnte. Dann preßte Klaus Heinrich mit seinem Beistand sich sorgfältig in die Leibgrenadier-Leutnantsuniform, deren hoher, betreßter Kragen und fester Sitz eine beherrschte Haltung begünstigte, legte das zitronengelbe Seidenband, die flache goldene Kette des Hausordens an und begab sich hinunter in die Bildergalerie, wo die Mitglieder der engeren Familie und auswärtige Verwandte des großherzoglichen Paares harrten. Die Hofstaaten warteten im anstoßenden Rittersaal; und dort war es, wo Johann Albrecht selbst seinen Sohn mit dem roten Mantel bekleidete.

Herr von Bühl zu Bühl hatte einen Zug zusammengestellt, den zeremoniellen Zug, in welchem man sich vom Rittersaal in den Thronsaal begab – er hatte ihn nicht wenig Kopfzerbrechen gekostet. Die Zusammensetzung des Hofes erschwerte eine eindrucksvolle Anordnung, und namentlich beklagte Herr von Bühl sich über den Mangel an Oberhofämtern, der bei solchen Gelegenheiten aufs empfindlichste hervorträte. Neuerdings unterstand Herrn von Bühl auch der Marstall, und er fühlte sich seinen sämtlichen Ämtern gewachsen. Aber er fragte jedermann, woher er einen würdigen Vorantritt nehmen solle, da die obersten Chargen einzig und allein durch den Oberhofjägermeister von Stieglitz und den Intendanten der Großherzoglichen Schauspiele, einen fußleidenden General, vertreten seien.

Während er als Oberhofmarschall, Oberzeremonienmeister und Hausmarschall, in seinem gestickten Kleide und seinem braunen Toupet, mit Orden bedeckt wie ein Ballkönig und dem goldenen Zwicker auf der Nase, schwänzelnd und seinen hohen Stab vor sich hinsetzend hinter den Kadetten schritt, die als Pagen kostümiert, den Scheitel über dem linken Auge, den Zug eröffneten, überdachte er sorgenvoll, was hinter ihm kam. Ein paar Kammerherren – nicht viele, denn man brauchte ihrer noch am Ende des Zuges –, den Federhut unterm Arm und den Schlüssel an der hinteren Taillennaht, folgten ihm in seidenen Strümpfen auf dem Fuße. Herr von Stieglitz und die hinkende Schauspiel-Exzellenz schritten danach dem Prinzen Klaus Heinrich voraus, der, in seinem Mantel zwischen dem hohen Elternpaar, gefolgt von seinen Geschwistern Albrecht und Ditlind, den eigentlichen Kern des Zuges bildete. Im Rücken der höchsten Herrschaften hielt sich zunächst, mit spielenden Augenfältchen, der Hausminister und Konseilpräsident von Knobelsdorff. Eine kleine Gruppe von Adjutanten und Palastdamen schloß sich an. General Graf Schmettern und Major von Platow, ein Graf Trümmerhauff, Vetter des Hof-Finanzdirektors, als militärischer Begleiter des Erbgroßherzogs, und die Damen der Großherzogin unter der Führung der kurz atmenden Freifrau von Schulenburg-Tressen. Dann folgten, geleitet und gefolgt von Adjutanten, Kammerherren und Hofdamen, Prinzessin Katharina mit ihrer rotköpfigen Nachkommenschaft, Prinz Lambert mit seiner zierlichen Gemahlin und die auswärtigen Verwandten oder ihre Vertreter. Pagen beschlossen den Zug.

So ging es gemessenen Schrittes vom Rittersaal durch die Schönen Zimmer, den Saal der zwölf Monate und den Marmorsaal in den Thronsaal. Lakaien, rötlich-goldene Fangschnüre auf ihren braunen Galafräcken, standen paarweise und theatralisch an den geöffneten Flügeltüren. Durch die weiten Fenster fiel überall heiter und rücksichtslos die Junivormittagssonne herein.

Klaus Heinrich sah sich um bei diesem Ehrengange zwischen seinen Eltern durch die umschnörkelte Öde, den schadhaften Prunk der Repräsentationsräume, denen die Verklärung künstlichen Lichtes fehlte. Der helle Tag beschien fröhlich und nüchtern ihren Verfall. Die großen Lustres an ihren mit Stoff umkleideten Stangen ließen, für diesen Tag ihrer Hüllen entledigt, dichte Haine von flammenlosen Kerzen emporstarren; aber überall fehlten Prismen, waren Kristallgirlanden zerrissen in ihren Kronen, so daß sie einen angefressenen und zahnlückigen Eindruck machten. Der seidene, damastene Bezug der Staatsmöbel, die steif geschwungen, weitarmig und in eintöniger Anordnung an den Wänden paradierten, war fadenscheinig, die Vergoldung ihrer Gestelle abgestoßen; große blinde Flecken unterbrachen die Lichtfelder der hohen, von Wandkandelabern flankierten Spiegel, und der Faltensturz der Vorhänge, entfärbt zum Teil und verblichen an den gerafften Stellen, ließ da und dort den Tag durch Mottenlöcher scheinen. Mehrfach hatten sich die vergoldeten, versilberten Leisten der Tapetenfelder gelöst und standen verwahrlost ab von der Wand, ja, in dem Silbersaal der Schönen Zimmer, wo der Großherzog feierliche Gruppenempfänge vorzunehmen pflegte und in dessen Mitte ein Perlmuttertischchen mit silbernem, baumstumpfartigem Fuße stand, war einfach ein Stück des Silberstuckes vom Plafond heruntergefallen, und eine große, weiße, gipserne Lücke war nun dort oben zu sehen …