Klaus Heinrich wohnte dort ohne überschwenglichen Aufwand mit einem Hofchef, der dem Haushalte vorstand, einem Freiherrn von Schulenburg-Tressen, Neffen der Oberhofmeisterin. Außer dem Kammerdiener Neumann hatte er noch zwei Lakaien zur täglichen Aufwartung; den Jäger, dessen er zu zeremoniellen Ausfahrten bedurfte, lieh ihm der Großherzogliche Hof. Ein Kutscher und ein paar Knechte in roten Westen versahen Remise und Stall, deren Bestand sich auf eine Chaise, ein Kupee, ein Dogcart, zwei Reit- und zwei Wagenpferde belief. Ein Gärtner besorgte mit Hilfe zweier Burschen den Park und den Garten, und eine Köchin nebst ihrer Küchenmagd sowie zwei Zimmermädchen bildeten das weibliche Personal auf Schloß »Eremitage«. Hofmarschall von Schulenburgs Sache war es, für seinen jungen Herrn mit der Apanage hauszuhalten, die der Landtag nach Albrechts Thronbesteigung dem Bruder des Großherzogs in einer bedenkenvollen Sitzung bewilligt hatte. Sie betrug fünfzigtausend Mark. Denn die Summe von achtzigtausend, welche ursprünglich gefordert worden, hatte keinerlei Aussicht gehabt, im Landtage durchzugehen, und so hatte man in Klaus Heinrichs Namen beizeiten einen weisen und großmütigen Verzicht getan, der im Lande den besten Eindruck gemacht hatte. – Jeden Winter ließ Herr von Schulenburg das Eis des Teiches veräußern. Zweimal im Sommer ließ er die Wiesen des Parkes mähen und das Heu verkaufen. Nach dem Mähen sahen die Wiesenflächen fast aus wie englischer Rasen.

Ferner residierte Dorothea, die Großherzogin-Mutter, nicht mehr im Alten Schloß, und mit ihrer Zurückgezogenheit hatte es eine traurige und unheimliche Bewandtnis. Auch von dieser Fürstin nämlich, die der gereiste und bewanderte Herr von Knobelsdorff gelegentlich als eine der schönsten Frauen bezeichnet hatte, die er je gesehen, auch von ihr, deren festlicher Anblick Glück, Herzenserhebung und Lebehochs bewirkt hatte, wann immer sie sich den sehnsüchtigen Blicken bedrückter Alltagsmenschen dargestellt, auch von ihr hatte die Zeit ihren Tribut gefordert. Dorothea war gealtert, ihre kühl und streng gepflegte, berühmte, bejubelte Vollkommenheit war während der letzten Jahre so schnell und unaufhaltsam verwelkt, daß die Frau in ihrem Innern nicht Schritt mit dieser Wandlung zu halten vermochte. Nichts, keine Kunst, kein Mittel, auch die lästigen und widerlichen nicht, mit denen sie den Verfall bekämpft, hatte zu hindern vermocht, daß der süße Glanz ihrer tiefblauen Augen erlosch, daß Ringe von schlaffer, gelblicher Haut sich darunter bildeten, daß die wundervollen kleinen Gruben in ihren Wangen sich zu Furchen höhlten und ihr stolzer und herber Mund nun so scharf und mager erschien. Da aber ihr Herz streng gewesen war wie ihre Schönheit, und auf nichts als diese Schönheit bedacht, da ihre Schönheit ihre Seele gewesen war und sie nichts gewollt und geliebt hatte als die erhebende Wirkung dieser Schönheit, während ihr eigenes Herz nicht hochschlug, keineswegs, für nichts und für niemanden, so war sie nun ratlos und sehr verarmt, konnte innerlich den Übergang zu dem neuen Zustand nicht finden und nahm Schaden an ihrem Gemüte. Generalarzt Eschrich äußerte noch etwas von seelischer Erschütterung infolge eines ungewöhnlich raschen Rückbildungprozesses und hatte zweifellos auf seine Art recht mit dieser Deutung. Die traurige Tatsache war jedenfalls, daß Dorothea schon während der letzten Lebensjahre ihres Gemahls Merkmale tiefer geistiger Trübung und Verstörung gezeigt hatte. Sie ward helligkeitsscheu, ordnete an, daß bei den Donnerstagkonzerten im Marmorsaal alle Lichter rot umkleidet wurden, und bekam Zufälle, als sie nicht durchzusetzen vermochte, daß diese Maßregel auch auf alle übrigen Festlichkeiten, den Hofball, den intimen Ball, das Diner, die große Cour ausgedehnt werde, da die Sonnenuntergangsstimmung im Marmorsaal ohnedies viel Anlaß zum Gespött gegeben hatte. Sie verbrachte ganze Tage vor ihren Spiegeln, und man beobachtete, wie sie diejenigen mit den Händen liebkoste, die aus irgendeinem Grunde ihre Erscheinung in günstigerem Lichte wiedergaben. Dann wieder ließ sie alle Spiegel aus ihren Zimmern entfernen, ja, die in die Wände eingelassenen verkleiden, legte sich ins Bett und rief nach dem Tode. Eines Tages fand Freifrau von Schulenburg sie völlig zerstört und entzündet vom Weinen im Saal der zwölf Monate vor dem großen Porträt, das sie auf der Höhe ihrer Schönheit darstellte … Gleichzeitig begann eine krankhafte Menschenfurcht ihrer Herr zu werden, und für Hof und Volk war es eine Pein, zu bemerken, wie die Haltung dieser ehemaligen Göttin an Sicherheit verlor, ihr Auftreten seltsam linkisch wurde und ein elender Ausdruck ihren Blick befing. Schließlich verbarg sie sich ganz, und bei dem letzten Hofball, dem er angewohnt, hatte Johann Albrecht statt seiner »unpäßlichen« Gemahlin seine Schwester Katharina geführt. Sein Tod war insofern eine Erlösung für Dorothea, als er sie aller Repräsentationspflichten enthob. Sie wählte als Witwensitz Schloß Segenhaus, ein klösterlich anmutendes altes Jagdschloß, das, anderthalb Stunden Wagenfahrt von der Residenz entfernt, inmitten seines ernsten Parkes lag und von einem frommen Jagdherrn mit religiösen und weidmännischen Emblemen in seltsamem Durcheinander geschmückt war. Dort lebte sie, verdüstert und wunderlich, und Ausflügler konnten manchmal von weitem beobachten, wie sie an der Seite der Freifrau von Schulenburg-Tressen im Park promenierte und mit gnädiger Neigung die Alleebäume zu beiden Seiten grüßte …

Was aber endlich Prinzessin Ditlinde betraf, so hatte sie sich, zwanzigjährig, ein Jahr nach dem Tode ihres Vaters, vermählt. Sie reichte ihre Hand einem Fürsten aus mediatisiertem Hause, dem Prinzen Philipp zu Ried-Hohenried, einem nicht mehr jugendlichen, aber wohlerhaltenen, kunstsinnigen, kleinen Herrn von vorgeschrittenen Anschauungen, der sich längere Zeit artig um sie bemüht, seine Sache ganz persönlich betrieben und der Prinzessin bei einem Wohltätigkeitsfest auf gut bürgerliche Art Herz und Hand angetragen hatte. Daß diese Verbindung im Lande stürmischen Jubel hervorrief, kann nicht gesagt werden. Sie ward mit Gelassenheit hingenommen, sie enttäuschte wohl gar stolzere Hoffnungen, die man im stillen für Johann Albrechts Tochter gehegt hatte, und die Krittler fanden, wenn man diese Heirat nicht geradezu unebenbürtig nennen müsse, so sei das alles. Daran war richtig, daß Ditlinde sich unzweifelhaft aus ihrer Hoheitssphäre in eine ungebundenere und zivilere Lebensgegend hinabließ, als sie – übrigens völlig unbeeinflußt von außen und aus freier Neigung – dem Fürsten ihre Hand reichte. Dieser Standesherr war nicht nur ein Liebhaber und Sammler von Ölgemälden, sondern auch Geschäftsmann und Gewerbetreibender in großem Maßstabe. Das Dynastengeschlecht war seit hundert Jahren der Landeshoheit entkleidet, aber Philipp war der erste seines Hauses, der seinen Privatstand wirtschaftlich ungezwungen zu nützen sich entschlossen hatte. Nachdem er seine Jugend auf Reisen verbracht, hatte er nach einer Tätigkeit ausgeschaut, die ihm innere Befriedigung gewähren, vor allem aber (was nötig geworden) seine Einkünfte vermehren würde. So ward er zum Unternehmer, errichtete Meiereien, Bierbrauereien, eine Zuckerfabrik, mehrere Sägemühlen auf seinen Gütern und fing namentlich an, die ausgebreiteten Torflager, die dazu gehörten, planmäßig auszubeuten. Da er all diesen Betrieben mit Sachkenntnis und umsichtigem Geschäftsgeiste vorstand, so begannen sie bald in Flor zu kommen und warfen Summen ab, die, wenn ihr Ursprung nicht sehr fürstlich war, ihm jedenfalls eine fürstliche Lebensführung erst eigentlich ermöglichten. Andrerseits mußte man den Krittlern die Frage vorlegen, was für einer Partie sie sich nüchternerweise für die Prinzessin hatten versehen können. Ditlinde, die ihrem Gatten beinahe nichts mitbrachte als einen unerschöpflichen Schatz von Leibwäsche, darunter viele Dutzende gänzlich veralteter und unnützer Gegenstände, wie Nachthauben und Halstücher, die aber ehrwürdiger Überlieferung nach zur Brautausstattung gehörten – sie gelangte durch diese Heirat in behaglich reiche und heitere Verhältnisse, wie sie sie von Hause aus schlechterdings nicht gewohnt gewesen war, wobei die Empfindungen ihres Herzens noch nicht einmal in Anschlag gebracht sind. Auch tat sie den Schritt ins Privatleben mit offenbarer Genugtuung und Entschlossenheit und behielt von den Äußerlichkeiten der Hoheit nichts als den Titel bei. Sie blieb in freundschaftlichem Verkehr mit ihren Damen, nahm aber dem Verhältnis alles Dienstliche und vermied es, ihrem Hauswesen den Charakter eines Hofes zu geben. Das mochte wundernehmen, bei einer Grimmburgerin überhaupt und bei Ditlinden im besonderen, mußte aber doch wohl ihren Bedürfnissen entsprechen. Das Paar verbrachte den Sommer auf den fürstlichen Landgütern, den Winter in der Residenz in dem schönen Palais an der Albrechtsstraße, das Philipp zu Ried erworben hatte; und hier war es, nicht im Alten Schloß, wo die großherzoglichen Geschwister – Klaus Heinrich und Ditlind, zuweilen auch Albrecht – sich dann und wann zu vertraulicher Aussprache zusammenfanden.

So geschah es, daß eines Tages zu Anfang Herbst, nicht ganz zwei Jahre nach dem Tode Johann Albrechts, der »Eilbote«, wohlunterrichtet wie er war, noch in seiner Abendausgabe die Nachricht brachte, heute nachmittag hätten Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Seine Großherzogliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich bei Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Fürstin zu Ried-Hohenried den Tee genommen. Nur diese Notiz. Es waren aber an jenem Nachmittag zwischen den Geschwistern mehrere für die Zukunft belangreiche Dinge besprochen worden.

Klaus Heinrich verließ gegen fünf Uhr die Eremitage. Da sonniges Wetter herrschte, hatte er die Chaise bestellt, und das offene, braun lackierte Gefährt, blank gewaschen, wenn auch nicht sehr neu und modisch von Ansehen, näherte sich dreiviertel fünf Uhr, vom Stalle kommend, der mit seinem gepflasterten Hof am rechten Flügel der Wirtschaftsgebäude gelegen war, im Schritt auf dem breiten Kiesweg dem Schlößchen. Die Wirtschaftsgebäude, ockerfarbene, altväterische Erdgeschoß-Baulichkeiten, bildeten mit dem weißen und schlichten Herrenhause (wenn auch in einiger Entfernung davon) einen ziemlich langen Trakt, dessen in regelmäßigen Abständen mit Lorbeerbäumen gezierte Front dem schlammigen Teich und dem öffentlichen Teile des Parks zugewandt war. Der vordere Teil des Besitzes nämlich, der in den Stadtgarten überging, war dem Verkehr, Fußgängern und leichtem Fuhrwerk, geöffnet, und eingefriedigt nur der ein wenig ansteigende Blumengarten, auf dessen Höhe das Schloß lag, sowie der rückwärts gelegene und arg verwilderte Parkgrund, der durch Hecke und Zaun gegen wüste, mit Schutt bedeckte Vorstadtwiesen abgegrenzt war. – Der Wagen also fuhr auf dem Wege zwischen Teich und Wirtschaftsgebäude hin, lenkte durch die hohe, mit zwei ehemals vergoldeten Laternen geschmückte Gartenpforte, legte die Auffahrt zurück und wartete vor der kleinen, steifen, von Lorbeerbäumen flankierten Terrasse, die zum Gartenzimmer emporführte.

Klaus Heinrich kam wenige Minuten vor fünf Uhr heraus. Er trug wie gewöhnlich die festsitzende Uniform eines Oberleutnants der Leibgrenadiere und hatte den Säbelgriff über den Arm gehängt. Neumann, in violettem Frack, dessen Ärmel zu kurz waren, lief vor ihm die Stufen hinab und verpackte mit seinen roten Barbierhänden den zusammengelegten grauen Mantel seines Herrn im Wagen. Dann, während der Kutscher, die Hand am Rosettenhut, sich ein wenig seitwärts vom Bock neigte, ordnete der Kammerdiener die leichte Wagendecke über Klaus Heinrichs Knien und trat mit stummer Verbeugung zurück. Die Pferde zogen an.

Draußen vor der Gartenpforte hatten sich einige Spaziergänger aufgestellt. Sie grüßten, führten, mit emporgezogenen Brauen lächelnd, ihre Hüte tief hinab, und Klaus Heinrich dankte ihnen, indem er seine weiß bekleidete Rechte an den Mützenschirm legte und mehrmals lebhaft den Kopf neigte.

Es ging am Rande unbebauten Geländes eine Birkenallee entlang, deren Laub schon vergilbte, und dann durch die Vorstadt, zwischen ärmlichen Wohnungen hin, auf ungepflasterten Straßen, wo Volkskinder einen Augenblick Tonnenreifen und Kreisel ruhen ließen, um dem Gefährt mit grüblerischen Augen nachzusehen. Einige schrien Hoch und liefen, den Kopf gegen Klaus Heinrich gewandt, ein Stückchen neben den Rädern her. Übrigens hätte der Wagen auch den Weg über den Quellengarten nehmen können; aber der durch die Vorstadt war kürzer, und die Zeit drängte. Ditlinde war von empfindlicher Ordnungsliebe und leicht gereizt, wenn man durch Unpünktlichkeit den Gang ihres Hauswesens störte.

Dort war das Dorotheen-Kinderhospital, das Überbeins Freund Doktor Sammet leitete; Klaus Heinrich fuhr daran vorüber. Und dann verließ sein Wagen die volkstümliche Gegend und gelangte in die Gartenstraße, eine stattliche, mit Bäumen bepflanzte Avenue, an welcher die Häuser und Villen begüterter Bürger lagen, und deren Trambahnlinie den Quellengarten mit dem Zentrum der Stadt verband. Hier herrschte ziemlich lebhafter Verkehr, und Klaus Heinrich war angestrengt beschäftigt, die Grüße zu erwidern, die man ihm darbrachte. Zivilisten zogen die Hüte und blickten von unten, Offiziere, zu Pferd und zu Fuß, erwiesen Honneur, Schutzmänner machten Front, und Klaus Heinrich in seiner Wagenecke führte die Hand zum Mützenschirm und dankte nach beiden Seiten mit jenem von Jugend auf geübten Nicken und Lächeln, das bestimmt war, die Leute in ihrer Teilnahme an seiner festlichen Persönlichkeit zu bestärken … Er hatte eine ganz eigentümliche Art, im Wagen zu sitzen – nicht träg und bequem in den Kissen zu lehnen, sondern beim Fahren auf ähnliche Weise beteiligt zu sein wie beim Reiten, indem er, die Hände auf dem Säbelgriff gekreuzt und einen Fuß etwas vorgestellt, die Unebenheiten des Bodens gleichsam »nahm«, sich tätig den Bewegungen des schlecht federnden Wagens anpaßte …

Die Chaise fuhr über den Albrechtsplatz, ließ das Alte Schloß mit der präsentierenden Doppelwache zur Rechten liegen, verfolgte die Albrechtsstraße in der Richtung gegen die Kaserne der Leibgrenadiere und rollte zur Linken in den Hof des Fürstlich Riedschen Palais. Es war ein Bau von intimen Verhältnissen, im Zopfstil errichtet, mit einem geschwungenen Giebel über dem Hauptportal, umschnörkelten oeils-de-boeuf im Zwischengeschoß, hohen Balkonfenstern in der Beletage und einer zierlichen cour d'honneur, die von den beiden nur einstöckigen Seitenflügeln gebildet wurde und gegen die Straße durch ein gebogenes Gatter abgeschlossen war, auf dessen Pfeilern steinerne Putten spielten. Aber die innere Ausstattung des Schlosses war im Gegensatz zu dem geschichtlichen Stil seines Äußeren durchaus in einem neuzeitlichen und behaglich-bürgerlichen Geschmack gehalten.