Ditlinde empfing ihren Bruder in einem großen Salon des ersten Stockwerks mit mehreren Gruppen geschweifter Causeusen in blaßgrüner Seide, dessen hinteres Viertel, durch schlanke Pfeiler gegen den Hauptteil abgegrenzt, ganz und gar mit Palmen, Blumenstöcken in Metallkübeln und farbig prangenden Blumentischen angefüllt war.

»Guten Tag, Klaus Heinrich«, sagte die Fürstin. Sie war zart und schlank, und üppig war nur ihr aschblondes Haar, das sich ehemals gleich goldenen Widderhörnern um ihre Ohren gelegt hatte und nun in dicken Flechten über ihrem herzförmigen Antlitz mit den Grimmburger Wangenknochen lastete. Sie trug ein Hauskleid aus weichem, blaugrauem Stoff mit einem spitz ausgeschnittenen, brusttuchartigen weißen Spitzenkragen, der am Gürtel mit einer altmodischen ovalen Brosche zusammengehalten war. Die feine Haut ihres Gesichtes ließ da und dort, an den Schläfen, auf der Stirn, in den Winkeln ihrer sanft und kühl blickenden blauen Augen, bläuliche Adern und Schatten durchscheinen. Es fing an, sichtbar zu werden, daß sie guter Hoffnung war.

»Guten Tag, Ditlinde, mit deinen Blumen!« antwortete Klaus Heinrich, indem er sich mit zusammengezogenen Absätzen über ihre kleine, weiße, ein wenig zu breite Hand beugte. »Wie es duftet bei dir! Und da drinnen ist auch alles voll, wie ich sehe.«

»Ja,« sagte sie, »die Blumen hab' ich nun einmal gern. Ich habe mir immer gewünscht, unter recht vielen Blumen wohnen zu können, lebenden, duftenden Blumen, die ich warten könnte – so etwas wie ein heimlicher Herzenswunsch war es, Klaus Heinrich, und eigentlich könnt' ich sagen, daß ich mich dazu verheiratet habe, denn im Alten Schloß, da gab's keine Blumen, wie du weißt … Das Alte Schloß und Blumen! Da hätten wir lange stöbern können, meine ich. Rattenfallen und solches Zeug, jawohl. Und genau besehen war das Ganze wie eine abgeschaffte Rattenfalle, so staubig und schrecklich … bewahre …«

»Aber der Rosenstock, Ditlinde.«

»Ja, großer Gott – ein Rosenstock. Und der steht im Reisebuch, weil seine Rosen nach Moder duften! Und dann steht da, daß sie eines Tages ganz natürlich und gut duften sollen wie andere Rosen. Aber das kann ich mir gar nicht denken.«

»Du wirst nun bald«, sagte er und sah sie lächelnd an, »etwas noch Besseres zu warten haben, kleine Ditlinde, als deine Blumen.«

»Ja,« sagte sie und errötete rasch und schwach, »ja, Klaus Heinrich, das kann ich mir nun freilich auch nicht denken. Und doch wird es sein, wenn es Gott gefällt. Aber komm herein. Wir wollen nun wieder einmal beieinander sitzen …«

Das Zimmer, auf dessen Schwelle sie geplaudert hatten, war klein im Verhältnis zu seiner Höhe, mit einem graublauen Teppich versehen und ausgestattet mit anmutig geformten und silbergrau lackierten Möbeln, deren Sitze blasse Seidenbezüge zeigten. Ein Lüster aus milchigem Porzellan hing von dem weiß umschnörkelten Mittelpunkt der Decke herab, und die Wände waren mit Ölbildern von verschiedener Größe geschmückt, Erwerbungen des Fürsten Philipp, lichterfüllten Studien im neuen Geschmack, die weiße Ziegen in der Sonne, Federvieh in der Sonne, besonnte Wiesen und bäuerliche Menschen mit blinzelnden, von der Sonne gesprenkelten Gesichtern zur Anschauung brachten. Der dünnbeinige Damensekretär beim weiß verhangenen Fenster war bedeckt mit hundert peinlich geordneten Sächelchen, Nippes, Schreibutensilien und mehreren zierlichen Notizblocks – denn die Fürstin war gewohnt, sich über alle ihre Pflichten und Absichten sorgfältige und übersichtliche Notizen zu machen –, vorm Tintenfaß lag offen ein Wirtschaftsbuch, daran Ditlinde augenscheinlich soeben gearbeitet hatte, und neben dem Schreibtisch war an der Wand ein kleiner, mit seidenen Schleifen verzierter Abreißkalender befestigt, unter dessen gedruckter Tagesangabe der Bleistiftvermerk zu lesen war: »5 Uhr: meine Brüder«. Gegenüber der weißen Flügeltür zum Empfangssalon war zwischen der Sofabank und einem Halbkreis von Stühlen der ovale Tisch mit zartem Damast und einem blauseidenen Läufer gedeckt; das blumige Teegeschirr, ein Aufsatz mit Konfekt, längliche Schalen mit Zuckergebäck und winzigen Butterbrötchen waren in ebenmäßiger Anordnung darauf verteilt, und seitwärts dampfte auf einem Glastischchen über seiner Spiritusflamme der silberne Teekessel. Aber überall, in den Vasen auf dem Schreibtisch, dem Teetisch, dem Spiegeltisch, dem Glasschrank voll Porzellanfiguretten, dem Tischchen neben der weißen Chaiselongue, waren Blumen, und ein Blumentisch voller Topfgewächse stand zum Überfluß auch hier vor dem Fenster.

Dies Zimmer, abseits und im Winkel zu der Flucht der Empfangsräume gelegen, war Ditlindens Kabinett, ihr Boudoir, der Raum, in dem sie ganz enge Nachmittagsempfänge gab und eigenhändig den Tee zu bereiten pflegte. Klaus Heinrich sah ihr zu, wie sie die Kanne mit heißem Wasser spülte und mit einem silbernen Löffelchen Tee hineinschüttete.