Hier ist die Lebensführung und Berufsübung Klaus Heinrichs, geschildert in ihrer Eigentümlichkeit.
Er stieg irgendwo aus seinem Wagen, schritt mit übergeworfenem Mantel durch eine kurze Gasse hochrufenden Volkes über ein Trottoir, das mit einem roten Läufer bedeckt war, durch eine von Lorbeerbäumen flankierte Haustür, über der man einen Baldachin errichtet hatte, eine Treppe hinan, die leuchtertragende Diener paarweise besetzt hielten … Er ging nach einem Festessen, mit Orden bedeckt bis zu den Hüften, die Fransenepaulettes eines Majors auf seinen schmalen Schultern, mit Gefolge den gotischen Korridor eines Rathauses entlang. Zwei Diener liefen vor ihm her und öffneten ihm eifrig eine alte, in ihren Bleifassungen schütternde Fensterscheibe. Denn unten auf dem kleinen Marktplatz stand zusammengekeilt und Kopf an Kopf das Volk, eine schräge Fläche aufwärts gewandter Gesichter, von qualmigem Fackellicht dunkel überglüht. Sie riefen und sangen, und er stand am offenen Fenster und verneigte sich, stellte sich eine Weile der Begeisterung dar und grüßte dankend …
Ohne rechten Alltag war sein Leben und ohne rechte Wirklichkeit; es setzte sich aus lauter hochgespannten Augenblicken zusammen. Wohin er kam, da war Feier- und Ehrentag, da verherrlichte das Volk sich selber im Feste, da verklärte sich das graue Leben und ward Poesie. Der Hungerleider wurde zum schlichten Mann, die Spelunke zur friedlichen Hütte, schmutzige Gassenkinder wurden zu züchtigen kleinen Mädchen und Buben im Sonntagsstaat, das Haar mit Wasser geglättet, ein Gedicht auf der Lippe, und der dumpfe Bürger wurde in Gehrock und Zylinder sein selber mit Rührung bewußt. Aber nicht er nur, Klaus Heinrich, sah die Welt in diesem Lichte, sondern sie selbst sah sich so, für die Dauer seiner Anwesenheit. Eine seltsame Unechtheit und Scheinbarkeit herrschte auf den Stätten seiner Berufsübung, eine ebenmäßige, bestandlose Ausstattung, eine falsche und herzerhebende Verkleidung der Wirklichkeit aus Pappe und vergoldetem Holz, aus Kranzgewinden, Lampions, Draperien und Fahnentüchern war hingezaubert für eine schöne Stunde, und er selbst stand im Mittelpunkte des Schaugepränges auf einem Teppich, der den nackten Erdboden bedeckte, zwischen zweifarbig bemalten Masten, um die sich Girlanden schlangen, stand mit geschlossenen Absätzen im Dufte des Lacks und der Tannenreiser und stemmte lächelnd seine linke Hand in die Hüfte.
Er legte den Grundstein eines neuen Rathauses. Die Bürgerschaft hatte durch gewisse Finanzmanöver die erforderliche Geldsumme aufgebracht, und ein gelernter Architekt aus der Hauptstadt war mit dem Bau beauftragt worden. Aber Klaus Heinrich nahm die Grundsteinlegung vor. Er fuhr unter dem Jubel der Bevölkerung vor der prächtigen Baracke an, die man am Bauplatz errichtet hatte, stieg mit leichten und beherrschten Bewegungen aus dem offenen Wagen auf den gewalzten, mit feinem gelbem Sande bedeckten Erdboden hinab und schritt ganz allein auf die amtlichen Herren in Frack und weißer Binde zu, die ihn am Eingang erwarteten. Er ließ sich den Architekten vorstellen und führte mit ihm, angesichts des Publikums und unter dem starren Lächeln der Umstehenden, fünf Minuten lang ein Gespräch von hoher Allgemeinheit über die Vorzüge der verschiedenen Baustile, worauf er eine gewisse, während des Gespräches innerlich vorbereitete Wendung machte und über Läufer und Bretterstufen zu seinem Sessel am Rande der Mitteltribüne geleitet wurde. Er saß dort, angetan mit Kette und Stern, einen Fuß vorgestellt, die weiß gekleideten Hände auf dem Säbelgriff gekreuzt, den Helm neben sich am Boden, der Festversammlung sichtbar von allen Seiten, und hörte in gefaßter Haltung die Rede des Bürgermeisters an. Hierauf, als die Bitte an ihn erging, erhob er sich, stieg ohne merkliche Vorsicht, ohne auf seine Füße zu blicken, die Stufen zu jener Vertiefung hinab, wo sich der Grundstein befand, und tat mit einem kleinen Hammer drei langsame Schläge auf den Sandsteinblock, wozu er in der tiefen Stille mit seiner etwas scharfen Stimme ein Sprüchlein sprach, das Herr von Knobelsdorff ihm aufgesetzt hatte. Schulkinder sangen in hellem Chor. Und Klaus Heinrich hielt Abfahrt.
Er schritt beim Landeskriegerfest die Front der Veteranen ab. Ein Greis schrie mit einer Stimme, die vom Pulverrauch heiser schien: »Stillgestanden! Hut ab! Augen rechts!« Und sie standen, Medaillen und Kreuze an ihren Röcken, den rauhen Zylinder am Schenkel, und blickten mit blutunterlaufenen Hundeaugen auf ihn, der freundlich musternd vorüberging und bei diesem und jenem mit der Frage verweilte, wo er gedient, wo er im Feuer gestanden … Er nahm teil am Turnerfest, schenkte dem Wetturnen der Gauvereine seine Gegenwart und ließ sich die Sieger vorführen, um sie »in ein Gespräch zu ziehen«. Die kühnen und wohlgebauten jungen Männer standen linkisch vor ihm, nachdem sie soeben noch die gewaltigsten Taten vollbracht, und Klaus Heinrich verwendete rasch hintereinander ein paar Fachausdrücke, deren er sich von Herrn Zotte her erinnerte und die er mit großer Geläufigkeit aussprach, indem er seine linke Hand verbarg.
Er fuhr zum Fünfhausener Fischertage, er wohnte auf seiner mit rotem Stoff ausgeschlagenen Ehrentribüne den Pferderennen bei Grimmburg an und nahm die Preisverteilung vor. Er führte auch das Ehrenpräsidium und Protektorat beim Bundesschützenfest; er besuchte das Preisschießen der Großherzoglich privilegierten Schützengesellschaft. Er »sprach«, wie es im Berichte des »Eilboten« hieß, »dem Willkommtrunke wacker zu«, indem er nämlich den silbernen Pokal einen Augenblick an die Lippen hielt und ihn dann mit geschlossenen Absätzen gegen die Schützen hob. Er gab hierauf mehrere Schüsse auf die Ehrenscheibe ab, von denen in den Berichten nicht gesagt war, wohin sie getroffen hatten, pflog später mit drei aufeinander folgenden Männern ein und dieselbe Unterredung über die Vorzüge des Schützenwesens, die im »Eilboten« als »gemütliche Aussprache« gekennzeichnet war, und verabschiedete sich endlich mit einem herzlichen »Gut Glück!«, das unbeschreiblichen Jubel hervorrief. Diese Grußformel hatte ihm Generaladjutant von Hühnemann, nachdem er Erkundigungen eingezogen, im letzten Augenblick zugeflüstert; denn natürlich hätte es störend gewirkt, hätte die schöne Täuschung der Sachkenntnis und ernsten Vorliebe aufgehoben, wenn Klaus Heinrich zu den Schützen »Glück auf!« und zu Bergleuten etwa »Gut Heil!« gesagt hätte.
Überhaupt bedurfte er zu seiner Berufsübung gewisser sachlicher Kenntnisse, die er sich von Fall zu Fall verschaffte, um sie im rechten Augenblick und in ansprechender Form zu verwenden. Sie betrafen vorwiegend die auf den verschiedenen Gebieten menschlicher Tätigkeit gebräuchlichen Kunstausdrücke sowie geschichtliche Daten, und vor einer Repräsentationsfahrt machte Klaus Heinrich daheim in Schloß Eremitage mit Hilfe von Druckschriften und mündlichen Vorträgen die nötigen Studien. Als er im Namen des Großherzogs, »meines gnädigsten Herrn Bruders«, die Enthüllung des Johann-Albrecht-Standbildes zu Knüppelsdorf vollzog, hielt er auf dem Festplatze gleich nach dem Vortrage des Vereins »Geradsinnliederkranz« eine Rede, in der alles untergebracht war, was er sich über Knüppelsdorf notiert hatte, und die allerseits den schönen Eindruck hervorrief, als habe er sich zeit seines Lebens vornehmlich mit den historischen Schicksalen dieses Mittelpunktes beschäftigt. Erstens war Knüppelsdorf eine Stadt, und Klaus Heinrich erwähnte das dreimal, zum Stolze der Einwohnerschaft. Ferner sagte er, daß die Stadt Knüppelsdorf, wie ihre geschichtliche Vergangenheit bezeuge, mit dem Hause Grimmburg seit vielen Jahrhunderten treu verbunden sei. Träte doch bekanntlich, sagte er, schon im vierzehnten Jahrhundert Landgraf Heinrich XV., der Rutensteiner, als Gönner Knüppelsdorfs besonders hervor. Dieser, der Rutensteiner, habe in dem auf dem nahen Rutensteine erbauten Schloß residiert, dessen »trotzige Türme und feste Mauern zum Schutze Knüppelsdorfs weit hinaus ins Land gegrüßt« hätten. Dann erinnerte er daran, wie durch Erbfolge und Heirat Knüppelsdorf endlich an den Zweig der Familie gekommen sei, dem sein Bruder und er selbst angehörten. Schwere Stürme hätten im Verlaufe der Zeiten über Knüppelsdorf dahingebraust, Kriegsjahre, Feuersbrünste und Pestilenzen hätten es heimgesucht, doch immer habe es sich wieder emporgerafft und in allen Lagen treu zum angestammten Fürstenhause gehalten. Dieselbe Gesinnung aber zeige auch das heutige Knüppelsdorf, indem es dem Andenken seines, Klaus Heinrichs, hochseligen Herrn Vaters ein Denkmal errichte, und mit besonderer Freude werde er seinem gnädigen Herrn Bruder über den glänzenden und herzlichen Empfang Bericht erstatten, den er hier als höchstsein Stellvertreter gefunden habe … Die Hülle fiel, der Verein »Geradsinnliederkranz« tat noch einmal sein Bestes. Und Klaus Heinrich stand lächelnd, mit einem Gefühle der Ausgeleertheit unter seinem Theaterzelt, froh in der Sicherheit, daß niemand ihn weiter fragen dürfe. Denn er hätte nun kein Sterbenswörtchen mehr über Knüppelsdorf zu sagen gewußt.
Wie ermüdend sein Leben war, wie anstrengend! Zuweilen schien es ihm, als habe er beständig mit großem Aufgebot an Spannkraft etwas aufrechtzuerhalten, was eigentlich nicht, oder doch nur unter günstigsten Bedingungen, aufrechtzuerhalten war. Zuweilen erschien sein Beruf ihm traurig und arm, obgleich er ihn liebte und jede Repräsentationsfahrt gern unternahm.
Er fuhr über Land zu einer Ackerbauausstellung, fuhr in seiner schlecht federnden Chaise von Schloß »Eremitage« zum Bahnhof, wo zu seiner Verabschiedung der Regierungspräsident, der Polizeipräsident und der Vorstand der Bahn am Salonwagen standen. Er fuhr anderthalb Stunden, indem er mit den großherzoglichen Adjutanten, die ihm zugeteilt waren, und dem Referenten für Landwirtschaft, Ministerialrat Heckepfeng, einem strengen und ehrfurchtsvollen Herrn, der ihn ebenfalls begleitete, nicht ohne Mühe ein Gespräch unterhielt. Dann fuhr er in den Bahnhof des Städtchens ein, welches das Landwirtschaftsfest veranstaltete. Der Bürgermeister, eine Kette über dem Frack, erwartete ihn an der Spitze von sechs oder sieben anderen dienstlichen Persönlichkeiten. Die Station war mit vielen Tannenbäumchen und Laubschnüren geschmückt. Im Hintergrunde standen die Gipsbüsten Albrechts und Klaus Heinrichs im Grünen. Das Publikum hinter der Absperrung rief dreimal hoch. Die Glocken läuteten.
Der Bürgermeister hieß Klaus Heinrich mit einer Ansprache willkommen. Er bringe ihm Dank dar, sagte er und schüttelte dabei seinen Zylinderhut mit der Hand, in der er ihn hielt, den Dank der Stadt für alles, was Klaus Heinrichs Bruder und er selbst ihr Gutes erwiesen, und innige Wünsche für eine weitere segenvolle Regierung. Auch wiederholte er die Bitte, der Prinz möge das Werk, das unter seinem Protektorat so wohl gediehen sei, nun krönen und die landwirtschaftliche Ausstellung gnädigst eröffnen.