»Aber Ihr Gedicht«, sagte Klaus Heinrich, nicht ohne Dringlichkeit. »Ihr Preisgedicht an die Lebenslust, Herr Martini!… Ich bin Ihnen aufrichtig verbunden für Ihre Ausführungen. Wollen Sie mir aber sagen … Ihr Gedicht – ich habe es aufmerksam gelesen. Es handelt einerseits von Elend und Schrecknissen, von des Lebens Bosheit und Grausamkeit, wenn ich mich recht erinnere, und andererseits von dem Vergnügen am Wein und an schönen Frauen, nicht wahr …«

Herr Martini lächelte; hierauf rieb er sich mit Daumen und Mittelfinger die Mundwinkel, um das Lächeln zu vertreiben.

»Das alles«, sagte Klaus Heinrich, »ist in der Ichform abgefaßt, in der ersten Person, nicht wahr? Und doch beruht es nicht auf eigenen Einblicken? Sie haben nichts davon wirklich erlebt?«

»Sehr wenig, Königliche Hoheit. Lediglich ganz kleine Andeutungen davon. Nein, die Sache ist umgekehrt die, daß, wenn ich der Mann wäre, das alles zu erleben, ich nicht nur nicht solche Gedichte schreiben, sondern auch meine jetzige Existenz von Grund aus verachten würde. Ich habe einen Freund, sein Name ist Weber; ein begüterter junger Mann, der lebt, der sein Leben genießt. Sein Lieblingsvergnügen besteht darin, in seinem Automobil mit toller Geschwindigkeit über Land zu sausen und dabei von Straßen und Äckern Bauerndirnen aufzulesen, mit denen er unterwegs – aber das gehört nicht hierher. Kurz, dieser junge Mann lacht, wenn er mich nur von weitem sieht, so komisch findet er mich und meine Tätigkeit. Was aber mich betrifft, so begreife ich seine Heiterkeit vollkommen und beneide ihn. Ich darf sagen, daß ich ihn auch ein wenig verachte, aber doch nicht so aufrichtig, als ich ihn beneide und bewundere …«

»Sie bewundern ihn?«

»Jawohl, Königliche Hoheit. Ich kann unmöglich umhin, das zu tun. Er gibt aus, er verschwendet, er läßt beständig in der unbekümmertsten und hochherzigsten Weise draufgehen – während es mein Teil ist, zu sparen, ängstlich und geizig zusammenzuhalten, und zwar aus hygienischen Gründen. Denn die Hygiene ist es ja, was mir und meinesgleichen in erster Linie not tut – sie ist unsere ganze Moral. Aber nichts ist unhygienischer, als das Leben …«

»Sie werden also den Pokal des Großherzogs wohl niemals leeren, Herr Martini?«

»Wein daraus trinken? Nein, Königliche Hoheit. Obgleich es eine schöne Geste sein müßte. Aber ich trinke keinen Wein. Auch gehe ich um zehn Uhr zu Bette und lebe in jeder Weise vorsichtig. Sonst hätte ich niemals den Pokal gewonnen.«

»Es muß wohl so sein, Herr Martini. Man macht sich aus der Ferne wohl unrichtige Vorstellungen von dem Leben eines Dichters.«

»Begreiflicherweise, Königliche Hoheit. Aber es ist im ganzen kein sehr herrliches Leben, wie ich versichern kann, besonders da wir ja nicht zu jeder Stunde Dichter sind. Damit von Zeit zu Zeit so ein Gedicht zustande komme – wer glaubt wohl, wieviel Faulenzerei und Langeweile und grämlicher Müßiggang dazu nötig ist. Eine Postkarte an den Zigarrenlieferanten ist oft die Leistung eines Tages. Man schläft viel, man lungert mit dumpfem Kopfe umher. Ja, es ist nicht selten ein Hundeleben …«