Jemand pochte ganz leise von außen an die weiß lackierte Tür. Es war Neumanns Zeichen, daß es hohe Zeit für Klaus Heinrich sei, sich umkleiden und frisch instand setzen zu lassen. Denn es war Cerclekonzert heut abend im Alten Schloß.
Klaus Heinrich stand auf. »Ich habe mich verplaudert«, sagte er; denn das war die Wendung, deren er sich in solchen Augenblicken bediente. Und dann verabschiedete er Herrn Martini, wünschte ihm guten Erfolg in seiner poetischen Laufbahn und begleitete den ehrerbietigen Rückzug des Dichters mit Lächeln und jener ein wenig theatralischen, gnädig grüßenden Handbewegung von oben nach unten, die nicht immer gleichmäßig schön gelang, aber in der er es zu hoher Vollendung gebracht hatte.
Dies war des Prinzen Unterredung mit Axel Martini, dem Verfasser von »Evoë!« und »Das heilige Leben«. Sie machte ihm Gedanken, hörte bei ihrem Abschluß nicht auf, ihn zu beschäftigen. Noch während er sich von Neumann den Scheitel erneuern und den blinkenden Galarock mit den Sternen anlegen ließ, noch während des Cerclekonzertes bei Hofe, ja mehrere Tage noch nachher dachte er darüber nach und suchte des Dichters Äußerungen mit den übrigen Erfahrungen in Zusammenhang zu bringen, die das Leben ihm gewährt hatte.
Dieser Herr Martini, der, während ihm die ungesunde Röte über den Wangenhöhlen glomm, beständig rief: »Wie ist das Leben so stark und schön!«, jedoch um zehn Uhr vorsichtig zu Bette ging, sich aus hygienischen Gründen, wie er sagte, dem Leben verschloß und jede ernsthafte Verbindung mit demselben mied – dieser Dichter mit seinem schadhaften Kragen, seinen tränenden Augen und seinem Neid auf den jungen Weber, der mit Bauernmädchen über Land sauste: er weckte geteilte Empfindungen, es war schwer, eine feste Meinung über ihn zu gewinnen. Klaus Heinrich gab dem Ausdruck, als er seiner Schwester von der Begegnung erzählte, indem er sagte: »Er hat es nicht bequem und nicht leicht, das sieht man wohl, und das muß ja gewiß für ihn einnehmen. Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich freuen kann, ihn kennengelernt zu haben, denn er hat etwas Abschreckendes, Ditlinde, ja, er ist bei alldem entschieden ein bißchen widerlich.«
Imma
Fräulein von Isenschnibbe war gut unterrichtet gewesen. Noch an dem Abend des Tages, an welchem sie der Fürstin zu Ried die große Neuigkeit überbracht hatte, veröffentlichte der »Eilbote« die Kunde von Samuel Spoelmanns, des weltberühmten Spoelmann, bevorstehender Ankunft, und anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (es war der Oktober des Jahres, in welchem Großherzog Albrecht sein zweiunddreißigstes, Prinz Klaus Heinrich sein sechsundzwanzigstes Lebensjahr angetreten hatte) – kaum also, daß die öffentliche Neugier Zeit gehabt, einen rechten Höhepunkt zu erreichen – vollzog sich diese Ankunft, ward schlichte Wirklichkeit an einem herbstlich bedeckten, ganz unscheinbaren Wochentage, der sich gleichwohl der Zukunft als ein unendlich denkwürdiges Datum erweisen sollte.
Die Spoelmanns trafen mit Extrazug ein – darauf beschränkte sich vorderhand die Herrlichkeit ihres Auftretens; denn daß die »Fürstenzimmer« des Hotels Quellenhof durchaus nicht von blendender Pracht waren, wußte jedermann. Müßiges Publikum, überwacht von einem kleinen Gendarmerieaufgebot, hatte sich hinter der Perronsperre eingefunden; Vertreter der Presse waren zugegen. Aber wer Außerordentliches gewärtigt hatte, wurde enttäuscht. Spoelmann wäre fast gar nicht erkannt worden, so wenig überwältigend war er. Längere Zeit hielt man seinen Leibarzt für ihn, Doktor Watercloose – so, sagte man, hieß er –, einen langen Amerikaner, welcher, den Hut im Nacken, seinen Mund zwischen dem weißen geschorenen Backenbart beständig mild lächelnd in die Breite zog und die Augen dabei schloß. Erst im letzten Augenblick ward bekannt, daß vielmehr der Kleine, Rasierte im mißfarbenen Paletot – der, welcher im Gegenteil den Hut tief in die Stirn gedrückt trug, der eigentliche Spoelmann sei, und die Zuschauer waren einig darin, daß ihm nichts anzumerken sei. Fabelhafte Dinge waren über ihn im Umlauf gewesen. Durch irgendeinen Spaßvogel war das Gerücht verbreitet und auch gewissermaßen geglaubt worden, Spoelmann habe lauter goldene Vorderzähne, und in jeden dieser goldenen Vorderzähne sei in der Mitte ein Brillant eingelassen. Aber obgleich die Wahrheit oder Unwahrheit dieser Behauptung nicht gleich zu prüfen war – denn Spoelmann ließ seine Zähne nicht sehen, er lachte nicht, sondern schien vielmehr ärgerlich und durch seine Krankheit gereizt –, so glaubte angesichts seiner Person sogleich kein Mensch mehr daran. Was aber Miß Spoelmann, seine Tochter, betraf, so hatte sie den Kragen ihrer Pelzjacke, in deren Taschen sie ihre Hände verbarg, hoch emporgeschlagen, so daß überhaupt fast nichts von ihr zu sehen war als ein paar unverhältnismäßig großer braunschwarzer Augen, die über die Menschenansammlung hin eine ernste, fließende, aber nicht allgemeinverständliche Sprache führten. An ihrer Seite befand sich die Persönlichkeit, die man als ihre Gesellschaftsdame, die Gräfin Löwenjoul erkannte, eine Frau von fünfunddreißig Jahren, schlicht gekleidet und beide Spoelmanns an Körperlänge überragend, die ihren kleinen Kopf mit dem spärlichen glatten Scheitel nachdenklich schief trug und mit einer gewissen starren Sanftmut vor sich hinblickte. Das meiste Aufsehen erregte ohne Frage ein schottischer Schäferhund, der von einem Diener mit stillem Sklavengesicht an der Leine geführt wurde – ein ungewöhnlich schönes, aber, wie es schien, entsetzlich aufgeregtes Tier, das bebend und tänzelnd die Bahnhofshalle mit seinem exaltierten Gebell erfüllte.
Man sagte, daß ein paar Spoelmannsche Dienstboten männlichen und weiblichen Geschlechts schon einige Stunden früher im Quellenhof eingetroffen seien. Jedenfalls blieb es dem Diener mit dem Hunde allein überlassen, das Gepäck zu besorgen; und während er es besorgte, fuhr seine Herrschaft in zwei gemeinen Droschken – Herr Spoelmann mit Doktor Watercloose, Miß Spoelmann mit ihrer Gräfin – zum Quellengarten hinaus. Dort stiegen sie ab, und dort führten sie anderthalb Monate lang ein Leben, das mit geringeren Mitteln als den ihren zu bestreiten gewesen wäre.
Sie hatten Glück, das Wetter war gut, es war ein blauer Herbst, eine lange Reihe von sonnigen Tagen zog sich von dem Oktober in den November, und Miß Spoelmann ritt täglich – das war der einzige Luxus, den sie trieb – mit ihrer Ehrendame spazieren, auf Pferden übrigens, die sie im Tattersall wochenweise gemietet hatten. Herr Spoelmann ritt nicht, obgleich der »Eilbote« mit deutlichem Hinblick auf ihn eine Notiz seines medizinischen Mitarbeiters veröffentlichte, wonach das Reiten bei Steinleiden infolge der Erschütterung lindernd wirke und den Abgang der Steine befördere. Aber durch das Hotelpersonal wurde bekannt, daß der berühmte Mann in seinen vier Wänden ein künstliches Reiten betrieb mit Hilfe einer Maschine, eines feststehenden Velozipeds, dessen Sattel durch das Treten der Pedale in schütternde Bewegung versetzt wurde.
Mit Eifer trank er das Heilwasser, die Ditlindenquelle, auf die er große Stücke zu halten schien. In aller Frühe erschien er täglich im Füllhause, begleitet von seiner Tochter, die übrigens ganz gesund war und nur zur Gesellschaft mittrank, und bewegte sich dann in seinem mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn durch den Kurgarten und die Wandelhalle, indem er das Wasser aus dem bläulichen Glasbecher durch eine gläserne Röhre zu sich nahm – aus der Ferne beobachtet von den beiden amerikanischen Zeitungskorrespondenten, die gehalten waren, ihren Blättern täglich tausend Worte über Spoelmanns Ferienaufenthalt zu telegraphieren und also danach trachten mußten, Stoff zu gewinnen.