»Besseres?« rief er. »Aber es war ja so schön zu sehen! Ich gebe Ihnen mein Wort, gnädiges Fräulein, daß ich nie in meinem Leben …«
Perceval, der mit anmutig gekreuzten Vorderpfoten neben Fräulein Spoelmann lag, erhob das Haupt mit angespannt gesammelter Miene und schlug mit dem Schweif den Teppich. Im selben Augenblick setzte der Butler sich in Bewegung. Er lief, so schnell die Schwere seines Leibes es gestattete, die Stufen hinab zu der hohen Seitentür, die sich dem Teetisch gegenüber befand, und raffte heftig die weißseidene Portiere, indem er sein Doppelkinn mit machtvollem Ausdruck in die Lüfte erhob. Samuel Spoelmann, der Milliardär, trat ein.
Er war zierlich gebaut und von eigenartiger Physiognomie. Aus seinem glattrasierten Gesicht mit den hitzigen Wangen sprang die Nase ungewöhnlich wagerecht hervor, und darüber lagen nahe beieinander seine kleinen Rundaugen, die von metallisch unbestimmtem Blauschwarz waren, wie bei kleinen Kindern und Tieren, und zerstreut und ärgerlich blickten. Der obere Teil seines Schädels war kahl, aber am Hinterkopf und an den Schläfen besaß Herr Spoelmann reichliches graues Haar, das auf eine bei uns nicht übliche Art gehalten war. Er trug es weder kurz noch lang, sondern hochaufliegend, voll, nur im Nacken abgeschnitten und um die Ohren rasiert. Sein Mund war klein und fein geschnitten. Gekleidet in einen schwarzen Schoßrock mit samtener Weste, auf der eine lange, dünne, altmodische Uhrkette lag, und weiche Lederschuhe an seinen kurzen Füßchen, näherte er sich mit mißmutigem und beschäftigtem Gesichtsausdruck rasch dem Teetisch; aber seine Miene erhellte sich, sie gewann Weichheit und Freude, sobald er seiner Tochter ansichtig wurde. Imma war ihm entgegengegangen.
»Guten Tag, verehrungswürdiges Väterchen«, sagte sie; und ihre bräunlichen Kinderarme, von denen die offenen ziegelfarbenen Ärmel niederhingen, um seinen Nacken schlingend, küßte sie ihn auf die Glatze, die er ihr darbot, indem er den Kopf neigte.
»Dir dürfte nicht unbekannt sein,« fuhr sie fort, »daß Prinz Klaus Heinrich heute mit uns den Tee nimmt?«
»Nein, freut mich, freut mich«, sagte Herr Spoelmann gleichsam eilig und mit knarrender Stimme. »Bitte, sich nicht stören zu lassen!« sagte er ebenso. Und indem er mit dem Prinzen, der in geschlossener Haltung am Tische stand, einen Händedruck tauschte (Herrn Spoelmanns Hand war mager und von der ungestärkten weißen Manschette halb bedeckt), nickte er mehrmals irgendwohin nach der Seite. Dies war seine Art, Klaus Heinrich zu begrüßen. Er war fremd, krank und ein Sonderling an Reichtum. Er war entschuldigt und alles Weiteren entbunden – Klaus Heinrich sah es ein und bemühte sich redlich, seine innere Verstörung zu überwinden. »… Sind ja zu Hause hier, gewissermaßen«, sagte Herr Spoelmann noch, indem er die Anrede verschluckte, und vorübergehend erschien ein boshafter Ausdruck um seine rasierten Lippen. Dann veranlaßte er durch sein Beispiel alle, sich wieder zu setzen. Es war der Stuhl zwischen Imma und Klaus Heinrich, der Gräfin und der Verandatür gegenüber, den der Butler unter ihn schob.
Da Herr Spoelmann keine Miene machte, sein Säumen zu entschuldigen, sagte Klaus Heinrich: »Ich höre mit Bedauern, daß Sie heute zu leiden hatten, Herr Spoelmann. Ich hoffe, es geht Ihnen besser?«
»Danke, besser, aber nicht gut«, antwortete Herr Spoelmann knarrend. »Wieviel Löffel hast du genommen?« fragte er seine Tochter. Er meinte damit, wieviel Tee sie in die Kanne geschüttet habe.
»Vier«, sagte sie. »Für jeden einen. Niemand soll sagen, daß ich mein greises Väterchen dem Mangel aussetze.«
»Ach was«, antwortete Herr Spoelmann. »Ich bin nicht greis. Man sollte dir die Zunge stutzen.« Und er nahm aus einer silbernen Büchse eine Art Zwieback, die eigens für ihn da zu sein schien, zerbrach das Gebäck und tauchte es ärgerlich in den goldfarbenen Tee, den er wie seine Tochter ohne Sahne und Zucker trank.