»Nein,« lachte er, »an dem Schloß ist nichts zu sehen. Innen ist es wie außen. Kein Vergleich mit Delphinenort, selbst bevor Sie es wiederherstellten …«

»Nun wollen wir einkehren«, sagte sie. »Nicht wahr, Gräfin, auf einem Ausflug muß man einkehren. Abgesessen, Prinz! Ich habe Durst und will sehen, was Ihr Stavenüter zu trinken hat.«

Da stand Herr Stavenüter, in grüner Latzschürze und die Hosen in Schmierstiefeln, verbeugte sich, indem er sein gesticktes Käppchen mit beiden Händen an die Brust drückte, und lachte vor Bewegung, so daß man sein vollständig nacktes Zahnfleisch sah.

»Königliche Hoheit!« sagte er, Glück in der Stimme, »tun Königliche Hoheit mir auch einmal wieder die Ehre an? Und das gnädige Fräulein!« setzte er mit andächtiger Stimme hinzu; denn er kannte Samuel Spoelmanns Tochter sehr wohl und hatte so eifrig wie einer im Großherzogtum die Zeitungsnotizen gelesen, die Prinz Klaus Heinrichs und Immas Namen zusammen nannten. Er war der Gräfin beim Absteigen behilflich, da Klaus Heinrich, zuerst aus dem Sattel, sich dem Fräulein widmete, und rief nach einem Knecht, der zusammen mit dem Spoelmannschen Livrierten die Pferde besorgte. Aber hierauf hielt Klaus Heinrich Begrüßung und Empfang, wie er es gewohnt war. In geschlossener Haltung richtete er einige formelhafte Fragen an den dienernden Herrn Stavenüter, erkundigte sich auf gewinnende Art nach seiner Gesundheit, nach dem Stande seiner Geschäfte und nahm die Antworten mit dem lebhaften Kopfnicken scheinbar sachlicher Beteiligung entgegen. Imma Spoelmann, ihre Reitgerte mit beiden Händen hin und her biegend, sah diesem kunstreichen und kalten Auftritt mit ernsten und glänzend forschenden Augen zu. »Ich erlaube mir, in Erinnerung zu bringen, daß ich Durst leide«, sagte sie endlich scharf und verstimmt, und so trat man denn in den Garten und beratschlagte, ob man das Wirtszimmer aufsuchen müsse. Es sei noch zu feucht unter den Bäumen, meinte Klaus Heinrich; aber Imma bestand darauf, im Freien zu sitzen, und wählte selber einen der schmalen und langen Trinktische mit Bänken zu beiden Seiten, den Herr Stavenüter mit einem weißen Tuche zu decken sich beeilte.

»Limonade!« sagte er. »Das ist das Beste für den Durst und reine Ware! Kein Gesudel, Königliche Hoheit und Sie, meine Damen, sondern gezuckerte Natursäfte und das Bekömmlichste von allem!«

Man mußte den Glaskugelpfropfen durch den Flaschenhals stoßen; und während die hohen Gäste das Getränk kosteten, verweilte Herr Stavenüter sich noch ein wenig am Tische, um ihnen mit Plaudern aufzuwarten. Er war längst Witwer, und seine drei Kinder, die ehemals hier unter den Blättern das Lied vom gemeinsamen Menschentum gesungen und sich dabei mit den Fingern geschneuzt hatten, waren nun ebenfalls außer Hause, der Sohn als Soldat in der Stadt und von den Töchtern die eine verheiratet mit einem benachbarten Ökonomen, die andere als Magd in städtischem Hause, weil es sie zum Höheren gezogen hatte. So schaltete Herr Stavenüter allein in dieser Abgeschiedenheit, und zwar in dreifacher Eigenschaft, als Pächter der Schloßwirtschaft, Kastellan und Fasanenmeister, zufrieden mit seinem Lose. Bald, wenn die Witterung sich ferner so anließ, kam wieder die Zeit der Radfahrer und Spaziergänger, die Sonntags den Garten füllten. Dann blühte das Geschäft. Und ob die hohen Herrschaften denn nicht vielleicht die Fasanerie in Augenschein nehmen wollten?

Ja, das wollten sie, später, und so zog Herr Stavenüter sich vorläufig mit Anstand zurück, nachdem er eine Schale mit Milch für Perceval neben den Tisch gestellt.

Der Collie war unterwegs in sumpfiges Wasser geraten und sah aus wie der Teufel. Seine Beine waren dünn vor Nässe – und die weißen Teile seines zerzausten Felles beschmutzt. Sein geifernd geöffnetes Maul, mit dem er die Erde nach Feldmäusen durchwühlt, war geschwärzt bis in den Schlund, und schwarzrot, an der Spitze sich dreieckig verbreiternd, hing seine triefende Greifenzunge daraus hervor. Hastig erquickte er sich aus der Schale und ließ sich hierauf mit flackernd arbeitenden Flanken neben seiner Herrin zu Boden fallen, flach auf die Seite, den Kopf mit ruhelechzendem Ausdruck zurückgeworfen.

Klaus Heinrich nannte es unverantwortbar, daß Imma hier nach dem Ritt so ohne Umhüllung sich der trügerischen Frühlingsluft preisgäbe. »Nehmen Sie meinen Mantel!« sagte er. »Bei Gott, ich brauche ihn nicht. Mir ist warm, und mein Rock ist über der Brust wattiert!« Sie wollte nichts wissen von seinem Vorschlag; aber da er fortfuhr, sie inständig zu bitten, so willigte sie ein und ließ sich seinen grauen Militärmantel mit den Schulterabzeichen eines Majors um die Schultern legen. So eingehüllt stützte sie ihr schwarzbleiches, mit dem Dreispitz bedecktes Köpfchen in die hohle Hand und sah ihm zu, wie er den Arm nach dem Schlosse ausstreckte und von dem Leben erzählte, das er hier einst geführt.

Dort zu ebener Erde, wo man die hohen Fenster sah, war das Speisezimmer gewesen, dort der Schulsaal und dort oben Klaus Heinrichs Zimmer mit dem Gipstorso auf dem Kachelofen. Und er berichtete von Professor Kürtchen und seinem taktvollen Meldesystem beim Unterricht, von der Hauptmännin Amelung, den adeligen »Fasanen«, die alles für »Schweinerei« erklärt hatten, und namentlich von Raoul Überbein, seinem Freunde, auf welchen zurückzukommen Imma Spoelmann ihn mehrmals ermunterte.