Ich bestätige die Erfahrung manches Reisenden, daß man mit den natürlichsten Fragen die Seemänner leicht in Unmuth bringt. Als ich dem Kapitän einen konditionellen Satz über den Wind mittheilte, brummte er beinahe kopfschüttelnd: Wenn sagt alle Welt. Er schimpfte früher auf die Trockenheit der Engländer, und ich ergriff diesen Anlaß, ihm zu erwiedern: Es wäre mehr, als englische Trockenheit, wenn man sich der Wenn fürder enthalten wollte. Ich überzeugte mich, daß ich anderwärts einlenken müsse. Meine Neugierde fand Mittel. Theils waren die Matrosen mittheilender, wenn ich den Namen eines Landes, das ich eben erblickte, erfragen wollte, theils sah’ ich dem Tagebuchhalter (scrivano) nach, wenn er täglich den Standpunkt in Bezug auf geographische Länge und Breite; wenn er die Richtung, welche der Wind und das Schiff nahm, wenn er den stündlich zurückgelegten, in Seemeilen ausgedrückten Weg in das Buch eintrug. Was wollte ich mehr? Denn durch die Güte des Kapitäns stand mir doch die hydrographische Karte und der Teleskop zu Gebote, daß im Grunde nichts mehr zu wünschen übrig blieb. Nur das Gespräch ging ab, und wollte ich es erzwingen, mußte ich meine Seele in zwei Theile spalten, damit wenigstens meine Seelenhälften mit einander plaudern können. Die Zukunft entzifferte der Kapitän in der That nicht viel besser, als ich und unsere Wetterpropheten, welche auf ein Jahr in den Himmel hineingucken, um die Kalender zu schreiben.
Schon früher verlangte mich, die Apotheke des Kapitäns zu sehen. Nun keine erwünschtere Gelegenheit, als heute. Der Kapitän benutzte die Anwesenheit des Pharmazisten, um mit ihm die Arzneien durchzugehen, ob sie noch brauchbar und ob sie richtig angeschrieben seien oder nicht. Ich hätte meine Ohren zustopfen mögen, so sehr wurde gequacksalbert und in den Markt geschrieen. Auch in der Arzneikiste des Kapitäns spielt le Roi, und ich vergesse nie den Fanatismus, mit dem ein Deutscher in Triest für diesen Arzt sprach, ihn den einzigen wahren Heilkünstler nannte, und ihn als Heiland der Medizin nicht genug preisen konnte. Ich glaubte, die Geschichte könnte uns vor Thorheiten solcher Art schützen; aber nein, immer kehren sie zurück, und selbst in unserm zu oft aufgeklärt genannten Jahrhunderte, nistet der tollste Unsinn, nicht etwa bloß in den untern, sondern auch in den höhern Kreisen der menschlichen Gesellschaft.
Vor Mitternacht noch verließen wir das adriatische Meer. Es endet auf der türkischen Seite in Valona, und in Otranto auf der italienischen Küste.
Den 25.
Immer guter Wind. Wir waren so fern, daß ich von der Insel Korfu (Corcyra) das Gebirge undeutlich erblicken konnte. Ich sah heute zum ersten Male das mittelländische, oder, wenn man näher will, das jonische Meer; aber Wasser ist Wasser. Abends die Luft so warm, als an unsern Sommerabenden. Ich durfte, bei offener Kajüte, mich nur mit einem Leintuche bedecken.
Den 26.
Ich erblickte in der Ferne Santa Maura (Leucadia), etwas näher Cephalonien (Cephallenia) und südöstlich das Eiland Zante (Zacynthus). Cephalonien lag deutlich vor den Blicken. Wie blau gefärbt erhoben sich die Berge im Süden. Abends gab die hinuntersinkende Sonne diesem Eilande ein besonders malerisches Aussehen. Jedes Uebel hat wieder sein Gutes. Wäre mir nicht der köstliche Ausblick entzogen worden, wenn guter Wind unsere Segel geschwellt hätte?
Sonntags, den 27. Herbstmonat.
Cephalonien stellte sich in den Hintergrund; dafür breitete Zante sich immer mehr aus. Neben vielen Einkerbungen des Landes unterschied ich Wohnungen der Zanteser. Ausgezeichnet schön konnte ich die mir zugewendete Seite der Insel nicht finden.
Endlich tauchte aus dem Meere ein Theil vom griechischen Festlande, der Peloponnes der Alten, das heutige Morea. Gefühle der Bewunderung für die alten Griechen, waren die ersten, die mich ergriffen. Der Bewunderung folgte dann Freude, daß ich so glücklich war, einen Theil ihres Landes zu sehen. Ach, als ich die Feldherren des Kornelius Nepos las, deren Beschreibung mein junges Gemüth so lebhaft anzog, wie hätte ich damals glauben dürfen, daß mein Auge es erreiche? So ungefähr dachte ich beim Anblicke der griechischen Halbinsel.