Schöne Witterung; wenig Wind. Abends spannte mich die lange Weile so recht auf die Folterbank; doch unberechnete Umstände können sie oft schnell verscheuchen. So flog eine Schwalbe daher, müde, schläfrig und so kirre, daß ich sie schmeichelnd streicheln konnte, zu meiner innigsten Freude. Endlich fing ich sie ohne Mühe mit der Hand. Die Philosophie wappnete und wehrte sich vergebens gegen die Langeweile, und ein kleiner Vogel machte allen Kampf der erstern zu Schanden.
Den 6.
Zum ersten Male waren wir überall vom Nebel eingeschlossen, doch nur auf sehr kurze Dauer. Was hat ein Haus auf dem Lande zu rühmen, wenn Nebel es umgibt? Man sieht Haus und — Nebel; hier sehe ich Schiff und Nebel, und doch noch zur Unterhaltung das frohe Spiel des Windes an den Segeln — — —.
Endlich fing Mittags an ein frischer Nordwest zu blasen, der unser Schiff beflügelte.
Seit zwei Tagen steuerte ein Schiff hinter uns. Wir waren 200 Seemeilen von Alexandrien entfernt, als es die Flagge aufsteckte, zum Zeichen, daß es der Hülfe bedürfe. Das Nothzeichen besteht darin, daß die große Flagge gehißt und in die Quere zusammengezogen wird. Wir segelten dem Schiffe, das wir früher für ein griechisches hielten, sogleich entgegen und bald bekamen wir es in die Schußweite. Welch ein Anblick für mich. Die Flagge ganz roth; am Borde Barbaresken, welche nach Mekka zu wallfahrten vorhatten. Der Kapitän, ein Alexandriner, mit seinem schwarzen Gesichte, dem Turban und den Pluderhosen war ein gar rühriges, lebhaftes Wesen. Ein Matrose mit einem türkischen Bunde bestieg behende die Strickleiter. Unser Schiffshauptmann entsandte jenem auf italienisch den Gruß: Guten Abend. Er wurde von dem alexandrinischen Kapitän in der gleichen Sprache erwiedert. Was verlangen Sie? fragte unser Hauptmann. Er versetzte, daß er Mangel an Wasser bekommen werde, und wenn solches unter den Pilgern ruchbar würde, eine Empörung im Schiffe zu besorgen stände. Unser Hauptmann fragte ihn weiter, ob er keine Krankheit am Borde hätte? Nein, antwortete er, es ist Alles sauber. Budinich versprach ihm Wasser, doch wolle er Windstille abwarten, weil sonst die Fahrt zu viel einbüßen müßte. Um zu beurtheilen, mit wie viel nautischen Kenntnissen der arabische Seemann ausgerüstet ist, genügt einzig noch zu wissen, daß der Reis (Kapitän) die Frage stellte, wie weit es bis Alexandrien wäre? Als er dann die Entfernung erfuhr, erschien er hoch erfreut, und fügte hinzu, daß wir morgen in Alexandrien einträfen. Der Auftritt ergötzte mich ungemein. Ich besah mit bewaffnetem Auge die hingehockten Hadschi (Pilger) in die Runde. Unser Kapitän hatte keinen Gedanken an einen Streifer (Korsar). Ich wußte es nicht, und vertraute dem Hauptmann und — unsern Kanonen.
Den 7.
Vor gutem Winde. Obschon unsere Brigg nicht der beßte Segler war, blieb das egyptische Fahrzeug dennoch zurück, so daß wir es ganz aus den Augen verloren. Unter solchen Umständen wäre es überaus schmerzlich gewesen, einige Segel einzuziehen, bis der Araber uns eingeholt haben würde. Was werden aber die ohne Hilfe zurückgebliebenen Mohammetaner von der christlichen Liebe denken? Als es gestern hieß, daß ein Schiff auf der weiten, hohen See Hilfe begehre, so entzückte mich der Gedanke, daß man selbst auf diesem treulosen Elemente nicht ganz verlassen sei, und ich sagte zum Hauptmann, es sei Christenpflicht, Andern in der Noth zu helfen. Nein, entgegnete er, es sei moralische Pflicht. Noch besser. Denn wenn es bloß Christenpflicht wäre, dem Nebenmenschen beizustehen, was wollten die Mohammetaner, nothleidenden Christen gegenüber, thun, jene Andersgläubigen, welche die christliche Pflicht als solche nicht kennen? Es muß also eine allgemeinere, als bloße Christenpflicht geben. Es ist Menschenpflicht, Andern in der bedrängten Lage hilfreiche Hand zu reichen.
Nun ein weiteres Wort über meinen Hauptmann und den Gefährten Cesare. Jenem macht die Gutmüthigkeit Ehre, die Launenhaftigkeit Mühe, das jugendliche Alter Belehrung fühlbar. Der Pharmazist, eine lange, hagere Gestalt mit glänzend schwarzen Haaren, mit einer schmalen, kurzen Stirne, einer vollen Baßstimme, ist ein seltenes Muster von einem rechthaberischen, anmaßenden Menschen[1]. Selbst über arzneiwissenschaftliche Dinge mußte ich ihm Recht lassen, nur um unangenehme Auftritte zu vermeiden. Qualvoller kann man sich die Lage eines Arztes kaum denken, als die meinige war. Wo nur etwas Weniges haperte, war Cesare mit Arzneien, z. B. mit einem Abführmittel, bereit. Er zeigte sich unerschöpflich, dem Hauptmann Rezepte zu diktiren. Ich schwieg, weil ich zu gut einsah, daß die Quacksalberei ihr Hauptlager hier aufgeschlagen hatte. Von solchen Querköpfen als Arzt anerkannt zu werden, konnte mich nicht begierig machen. Betrübend und ergötzlich war es zu gleicher Zeit für mich, wahrzunehmen, daß die Quacksalberei im Ganzen wenig Segen hatte. Der Kapitän befand sich erst besser, als er auf das Einnehmen der Arzneien Verzicht that. Ich suchte ihm begreiflich zu machen, daß man der Natur mehr vertrauen müsse, und daß, bei fortwährendem Verschlucken von Arzneistoffen, bisweilen der Körper in einem Grade von Abhängigkeit sich daran gewöhne, wofern jene ihn nicht ganz zerrütten. Cesare selbst litt nicht am wenigsten, vielleicht nicht am unverdientesten. Um durch ein Beispiel anschaulich zu machen, was für seichte Gespräche mitunter geführt wurden, so zankten sich die Helden lange, indem Cesare behauptete, daß Egypten, so zu sagen, in Europa liege. Er las in dem Universo pittoresco, einem, aus dem Französischen ins Italienische übersetzten Werke, daß Egypten, zwischen Asien und Afrika, von den Geographen bald zu jenem, bald zu diesem Welttheile gezählt werde. Er faßte die Stelle unrichtig auf, und behauptete, daß es heiße, Egypten gehöre weder Asien, noch Afrika an. Nun schloß er, es müsse Europa zufallen. Cesare wandert nach Egypten, um sich Schätze zu sammeln. In wie weit ihn edle Gründe leiten, konnte ich nicht erschauen; so viel wurde mir klar, daß er ein überspannter Glücksritter war. Als er in der gleichen Schrift las, daß, nach Pariset, der Verbreitung der Pest durch Verbrennung der Leichen, wie vor Alters, ein Ziel gesetzt werden könne, gerieth er in gänzliche Wallung, und äußerte sich, daß man dieses Mittel ausführen sollte, ja ausführen müsse, weil er an die Untrüglichkeit schon glaubte. Je mehr dem Menschen an gründlichem Wissen gebricht, desto mehr läuft er Gefahr, eine Beute der Leichtgläubigkeit zu werden.
Seit einigen Nächten fühlte ich eine Plage, die ich früher nie kannte. Ich mag die neue Auflage lebendiger Pfennige nicht nennen.
Den 8. Weinmonat.