Endlich hieß es: eingepackt, und ich setzte Fuß ans Land, um mit meinem Gepäcke das Zimmer zu beziehen.
Ohne Tagesordnung bringe ich verschiedene Denkwürdigkeiten von Alexandrien.
Alexandrien.
Lage.
Die Stadt Alexanders (Skanderun) liegt auf einer Landzunge, die in der Richtung gegen Nordwest ins Meer sich verliert. Die Spitze verläuft in einen Lappen, der sich südwestlich umbiegt, und in einen Faden, der sich in entgegengesetzter Richtung bis zu einer kleinen Festung ausdehnt. Hier, an der Stelle dieses Vertheidigungswerkes, soll einst der Pharus gestanden haben. Der westliche Zungenrand begränzt den alten Hafen und der östliche den neuen, welcher letztere indeß wegen seiner Untiefe, durch die gränzenlose Nachlässigkeit der jetzigen Beherrscher Egyptens, sehr wenig belebt ist, immerhin aber sich sehr hübsch herausstellt. Auf der Wurzel der Zunge hatte sich das alte Alexandrien ausgebreitet, und dieselbe ist jetzt nur wenig angebaut. Dagegen strotzt es gleichsam von Ruinen, sobald man den Schutt weghebt. Die schönsten Marmorsäulen sind von diesem bedeckt, und eben grub man eine hervor. Unlängst zog man auch ziemlich viel Goldmünzen heraus.
Man kann heutzutage nicht mehr behaupten, daß die Stadt landwärts von einer Wüste umgeben sei. Gegen Mittag schließen sich schöne Gärten an, woraus die Dattelpalme den neu angekommenen Europäer dem Afrikaner willkommen heißt. Der am nördlichen Ufer des Mareotis angelegte Garten des Ibrahim-Pascha verdient vor andern Lob. In der Nähe desselben übernimmt ein Strich angebauten Landes die versöhnende Rolle zwischen dem üppigen Garten und dem kahlen Sandmeere der Sahara. Der Mareotissee selbst, mit seinen wenig aufragenden, wüsten, gelbsandigen Ufern, sieht eher einem Sumpfe gleich, und gewährt daher keinen angenehmen Anblick.
Gebäude.
Die Moscheen sind meistens häßlich; die Minarets oder Thürme steigen nicht hoch empor. Beide weiß, überkalkt, ohne Schmuck, ohne ein Bild, mit dem Gepräge des Zerfalles. Antike Säulen tragen hie und da den Söller (Decke) des Tempels oder den Thurm. Der Zerstörungswuth, die vor Zeiten den Ton angegeben hatte, entgingen doch zum Theile die Säulen, und als brauchbare Baustoffe trifft man sie auch an andern Gebäuden. Indeß liegen Säulenstücke noch müßig herum. Eine einzige Moschee erspähete ich, die man schön nennen darf.
Der Sommerpalast des Vizekönigs liegt auf dem bezeichneten Zungenlappen (Ras-el-tin), vortheilhaft für das Auge. Auf der Morgenseite trat ich durch ein bewachtes Thor der Umfangsmauer, und ich gelangte auf einen schönen, geräumigen Platz. Mit gespanntem Gemüthe richtete ich meinen Blick umher, rechts auf das einstöckige, statt der Glasfenster — mit hölzernem Gitterwerke versehene Harem, links auf den Palast des Pascha, der, ebenfalls nur ein Geschoß hoch, in einen Giebel sich aufdachet. Das Wohn- oder Audienzzimmer des Vizekönigs schaut gegen den Hof oder gegen Mitternacht. Diese Lage erklärt sich leicht, da unter einem so heißen Himmel die Sonne geflohen und der Schatten gesucht wird. Den Eingang in den Palast bildet eine Halle, welche schöner, weißer Marmor auskleidet. Hier immerwährender Schatten, angenehme Kühlung. Da sieht man Höflinge in ihren orientalischen Prachtgewändern ein- und ausgehen, um nicht zu sagen, ein- und ausschlendern. Die Hoflakaien warten ihrer Herren. Stolze Hengste stehen an einer Reihe gesattelt in Bereitschaft. Das Roß des Pascha, mit nicht sehr ausgezeichnetem Schmucke, wird vom Sattel nie befreit, auf daß es immer gerüstet sei, seinen Herrn von hinnen zu tragen.
Ich sah eben eine Truppe Araber in ihren mitunter schmutzigen Mänteln einherschreiten, denen man zwar Fassung genug, aber doch so viel ansah, daß sie sich zu einer Vorstellung vorbereiteten, indem sie die Mäntel etwas zurecht legten und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Truppe zog festen und weidlichen Schrittes die breite Marmorstiege hinauf. Als sie vor dem Pascha erschien, erblickte ich diesen vom Hofe aus; denn das Fenster war offen. Mehemet-Ali imponirte durch seine Haltung, trug eine rothe Mütze, einen auf die Brust herabwallenden, dichten, grauen Bart, und hatte das schöne Aussehen eines muntern Greises. Ich schaute neugierig hinauf, und keine Seele hinderte mich daran. Man sagte mir später, daß ich hätte hinaufgehen und an der Thüre des Audienzzimmers zusehen dürfen. Solche Dinge geschehen im Morgenlande weniger geheim, als in Europa. Freilich darf man nicht unberücksichtiget lassen, daß die physische Kälte die Europäer so oft zum Schließen der Fenster und Thüren nöthiget. Die Leibwache des Pascha ist mit blauem Tuche, einer rothen Mütze und mit gelben, plumpen Schuhen bekleidet. Ein Wachposten kam aus dem Palaste, die Füße ungleich bewegend, die Schuhe gleichsam nachschleppend, lachend, beinahe spielend. Bei aller Leichtigkeit des Karakters fällt es dem französischen Militär doch nie ein, am Posten oder unterwegs von einem Posten zum andern Spaß zu treiben. Selbst unsere Knaben von acht bis vierzehn Jahren benehmen sich ernster, wenn sie sich in den Waffen üben.