Vom Leichenacker aus gesehen, prangt die Säule des Pompejus als ein großartiges Denkmal, auf welchem das Auge mit Lust weilt. Die ganze Höhe der Säule, nämlich des Schaftes mit Knauf und Piedestal, mißt 98 Pariserfuß. Der Schaft besteht aus einem einzigen Stücke rothen Granits. Billig staunt man darüber, wie ein 68 Pariserfuß langer und 7 bis 8 Fuß im Durchmesser haltender Stein (der Schaft) gebrochen, fortgeschafft, ausgearbeitet und aufgestellt werden konnte.
Das Verdienst, daß die Säule noch aufrecht steht, verdankt sie dem Umstande, daß sie von stummem Stein und schwer ist. Wäre sie mit D. O. M. überschrieben gewesen, so würde sie wahrscheinlich zerstört worden sein, wie die Alexandriner-Bibliothek, deren Verlust einer der unersetzlichsten für die Menschheit genannt werden darf. Es erregt Abscheu im höchsten Grade, daß die Leidenschaften der Menschen schadenfroh zerstören, was Andere Schönes und Erhabenes mühsam zu Stande brachten, und nichts vermag mehr, den Hochmuth unseres Zeitalters zu beugen, als die Betrachtung, daß die gleichen Leidenschaften den Krieger ohne Aufhören in den barbarischen Kampf rufen, in welchem so manches unschuldige Leben verblutet.
Reisende, welche die Säule bestiegen, bezeichneten diese mit ihren Namen. So viel Namen; so viel Entweihungen, so viel Beschuldigungen der Eitelkeit, so viel Stoff zum Aergernisse. Man würde sich scheuen, einen altrömischen Kriegsmann in eine Pariser-Jacke zu zwingen, aber die gleiche Thorheit an der alten, ehrwürdigen Säule zu begehen, trägt man kein Bedenken.
Bei der Pompejussäule genießt man eine schöne Aussicht auf Stadt und Land, Gärten und Wüsten, Hafen und Meer.
Die Nachgrabungen.
Wenn auch nicht das wissenschaftliche, so regt sich ein anderes Interesse, welches die Nachgrabungen im Schutte veranlaßt. Ibrahim-Pascha will neue Bauwerke, und so läßt er die von den längst entschwundenen Vorfahren gemeißelten Bausteine aus dem Schutte heraufholen. Daher sieht man an den im modernen Style sich erhebenden Gebäuden Steine aus der grauen Vergangenheit, die man bloß zurechtsägt, damit sie sich desto besser in die lästige Gegenwart fügen.
Ich sah zwei Schachte, in denen man Nachgrabungen anstellte, und meine Aufmerksamkeit wurde doppelt angespannt: in den Rahmen der neuen Welt waren die Arbeiter und die Behandlung derselben, so wie die Art und Weise in Verrichtung der Arbeit u. s. f., in denjenigen der alten Welt die Antiquitäten gefaßt. Wenn die lebensreiche Jetztwelt mich mit größerer und unwiderstehlicherer Macht zu ihr hinreißt, so wolle der Vorweltler mir nach Herzenslust grollen, aber nur nicht eher, als bis er sich den Alterthumsschlaf aus den Augen gerieben hat. Es standen zwei Aufseher da, ein Grieche, ein dem Anscheine nach unwissender Mensch, und ein farbiger Mohammetaner. Beide hielten Peitschen in den Händen. Mich empörte es, wie der letzte ein etwa zwanzigjähriges Mädchen, welches eine ungemeine Lebhaftigkeit zeigte, und seine Arbeit mit Gesang begleitete, liebkosete, und später ihm mit der Peitsche aufmaß, so daß es entsetzlich schrie, freilich nicht ohne Verstellung. Mehr noch, als das Schlagen ärgerte mich, daß man es duldet. Schimpft nicht auf die Tyrannen, aber auf diejenigen, welche sie leiden. Wenn die Leute nicht in eine Art thierischer Unterwürfigkeit versunken wären, wenn bei ihnen die Selbstachtung nicht gleichsam erloschen wäre, so würde bald eine andere Saite aufgezogen sein. Die Europäerin meint nun zum allermindesten, daß jenes egyptische Mädchen vom bittersten Zorne und Hasse gegen den Aufseher ergriffen wurde. Nichts weniger, als dieß. Kaum schien der Schmerz ausgesumset zu haben, so kehrte die frühere Fröhlichkeit zurück, und man konnte aus dem freundlichen Benehmen des Aufsehers gegen das ihm wieder freundlich zulächelnde Mädchen deutlich schließen, daß nach der Arbeit zwischen diesen zwei Leutchen ein herzlicheres Verhältniß obwalten müsse.
Fast ganz nackte Männer hoben den Schutt hervor; man dürfte wohl sagen, ganz nackte, weil so nichts vor den Blicken verborgen war, indem die Lumpen bald diesen, bald jenen Theil kümmerlich verhüllten. Ich war an den Anblick solcher Leute noch nicht gewöhnt; allein die kleineren und größern Mädchen schienen das nicht zu beachten, was in der Meinung des Europäers die Wohlanständigkeit so tief verletzen würde. Der Schutt wurde in, aus Dattelblättern geflochtene, kleine, runde Körbe geworfen, und so auf dem Kopfe weggetragen. Zugleich richteten es die Lastträger, um sie scherzweise so zu nennen, gar fein ein, dergestalt, daß der eine auf den andern warten konnte, damit ja wieder einige Augenblicke in süßem Nichtsthun dahinfließen. Man las auf den Gesichtern der Arbeiter, und auch alle ihre Bewegungen verriethen es, daß nicht die mindeste Lust zur Arbeit sie beseelte, und daß sie lediglich aus Furcht vor der Gewalt oder aus Zwang sich dazu anschickten. Viele in Alexandrien wohnende Europäer hegen die Ueberzeugung, daß ohne Peitsche und Stock der Araber von seinem Hange zum Müßiggange nicht loszurütteln und zur Arbeit zu bewegen wäre. So bald er etwas erspart habe, behaupten sie, lege er sich auf die Bärenhaut, und verthue oder vergeude wieder Alles. Uebrigens sorgt der Pascha mit väterlicher Theilnahme dafür, daß die Arbeiter nicht zu viel Geld in die Hände bekommen; denn die 30 bis 40 Para, welche er ihnen täglich in die Hand preßt, reichen kümmerlich für die allernothwendigsten Bedürfnisse hin. Würden Mehemet-Ali und Mahmud den abendländischen Fürsten darin nachahmen, daß sie, statt der Chiffres, ihre Köpfe auf der Silbermünze abprägen ließen, sie dürften gewiß nicht besorgt sein, daß sie in den Händen dieser egyptischen Arbeiter rothe Backen bekämen.