Hat man den Mahmudiehkanal überschritten, und ist man an den großen Baumwollenmagazinen vorüber, so leitet der Weg durch eine wüste Gegend, und bald gelangt man zu den Katakomben, welche, südwestlich von Alexandrien, an der Seeküste sich hinziehen. Wo das Meer in Gemächer fließt, heißen diese die Bäder Kleopatra’s. Sie waren es auch wahrscheinlich, und jetzt noch könnte man hier mit Bequemlichkeit Seebäder gebrauchen. Von da ging ich in eine der vielen Oeffnungen. Der Eingang bildet eine geräumige Höhle, welche jetzt als Pferdestall dient. Am Lichte der Fackel wendete ich mich links. Ich trat in einen Tempel, welcher, mit sorgfältiger Hand in den Felsen ausgehauen, durch seinen einfachen und edeln Styl mir ungemein gefiel. Weiter kam ich in eine Menge viereckiger, kleinerer und größerer Gemächer. Bald durfte ich aufrecht gehen, bald mußte ich durch eine Oeffnung oder einen Gang geduckt mich durchhelfen; selbst war ich genöthiget, durchzuschlüpfen oder durchzukriechen. Ich hatte mich wie in einem Labyrinthe verloren. Der Araber, die einzige Seele mit mir, hätte mich an den Ort des Verderbnisses führen können, ich würde ihm nachgegangen oder nachgekrochen sein, wenigstens bis an die Schwelle. Die Größe der unterirdischen Arbeit beschäftigte in diesem Augenblicke am meisten meinen Geist. Ich vergaß der Schakals und Hyänen, die Herr von Prokesch in den Katakomben hausen läßt. Denn ich sah nichts Böses, nur Alles leer, öde, ausgestorben, höchstens einige Gebeine herumliegen, oder ein Käuzlein auffliegen[7]. Ich athmete bei meinem unterirdischen Spazierengehen und Spazierenkriechen keine erstickende Luft, wie Herr von Prokesch (I. 23). Allerdings fühlte ich Hitze, doch keine drückende. An den Wänden konnte ich weder Zeichen, noch Farben finden.
Wer mochte wohl die Katakomben geleert, geraubt, entweiht haben? Wie sehr sind die Religionsformen der Wandelbarkeit unterworfen. Mit saurer Mühe brach man einst die Zellen in den Felsen, mit religiöser Verehrung setzte man die Todten bei; nun ist Alles Heilige aus den heiligen Oertern entwichen, und es fehlt dem Araber nur noch der Geldreiz, daß er seinen Auswurf nicht in den Zellen aufhäuft. Mich beschämte der Gedanke, wie viel mehr Ehre die Alten den menschlichen Ueberresten erwiesen haben, als unsere Zeitgenossen bezeugen. Vielleicht würden sie, wenn sie wieder lebendig wären, uns der Unmenschlichkeit oder des Barbarismus beschuldigen, weil wir den Leichen so wenig Rechnung tragen, daß sie in unlanger Zeit spurlos verschwinden, und auch nicht einen Haltpunkt des Andenkens darreichen, etwa mit Ausnahme der Leichenbeine, welche, unter Zerstörung des Individualitätswerthes, herumgeworfen, oder in der größten Unordnung aufgestapelt werden.
Die Nadeln der Kleopatra und der Flohfänger.
Hart am neuen Hafen sieht man die Nadeln oder Obelisken der Kleopatra, den einen stehen und den andern liegen. Ich näherte mich dem stehenden Obelisken von der Südseite. Ich erblickte einen verwitterten Stein. Ich wendete mich um, die Ostseite zu besehen. Gleicher Anblick. Wie ich mich gegen die Nordseite wendete, siehe, da saß am Schatten des Obelisken ein nackter, erwachsener Mann, welcher die Nähte seines Hemdes durchspionirte und an dem Todschlage oder Toddrucke eines gewissen Missethäters wahrscheinlich eben so sehr sich ergötzte, als ich mich an den Obelisken. Daß es ernsthaft zuging, mußte ich daran merken, daß der neue Adam kaum aufschaute, und ein daneben sitzendes Mädchen in aller Unschuld ihn in seinen Bestrebungen bestens unterstützte.
Ist es nicht eine halbe Gotteslästerung, daß man vor einem so erhabenen Denkmale, welchem die Seele in edler Begeisterung zugelenkt wird, ein Scheusal von Prosa auskramt? In der Natur ist aber überall Gegensatz — neben dem Erhabenen das Niedrige, neben dem Edeln das Unedle. Wenn wir uns dergleichen erhabene Monumente vorstellen, so dichtet freilich unsere Einbildungskraft Allem um sie herum den Anstrich des Erhabenen an; es dürfen keine lumpige oder entblößte Leute in ihrer Nähe herumstehen, herumwandeln oder herumsitzen, sondern nur edle, halbverklärte Geister müssen herumschweben. Wie denn von jeher das Große, Erhabene und Edle seine Verächter und Spötter fand, so wiederholt sich diese Verachtung und dieser Spott im Angesichte der Obelisken. Kann man sich wohl eine größere Verachtung oder einen ironischern Spott auf ein Werk, welches die vereinte Anstrengung so vieler Menschen kostete, denken, als einen Flohfänger, der von aller Pracht nichts wollte, als den Schatten? Ein solches Schauspiel gewinnt selbst höhern Sinn in poetischer und politischer Beziehung.
Schon beherrscht mein Auge die Nordseite des Obelisken. Diese hat sich mit den Hieroglyphen noch in gutem Zustande erhalten; so auch die Westseite. Der Obelisk besteht aus rothem Granit und erhebt sich siebzig Pariserfuß. Nicht durch seine Größe, noch durch seine Form macht er Eindruck, sondern man betrachtet diesen Stein erst mit rechter Aufmerksamkeit, wenn man weiß, daß er ein einziges Stück und ein sehr altes Geschichtbuch ist. Die Sache beim Lichte besehen, bewundern wir nicht den Stein selbst, sondern einzig den ihm aufgeprägten Geist der Menschen. Sonst dürften wir jede Handvoll Erde, die so gut ein Alterthum ist, wie der Obeliskenstein selbst, in die Liste der Denkwürdigkeiten aufzeichnen.
Der zweite Obelisk liegt gleich neben dem stehenden. Die Hälfte bedeckt der vielmächtige Sand; die andere verzeigt Hieroglyphen. Die Engländer sollen ihn umgestürzt haben, in der Absicht, denselben nach ihrem Vaterlande zu bringen, wovon sie bloß die Berechnung des kostspieligen Transportes abgehalten hätte. Der Luxor wurde in der That von den Franzosen freundlicher behandelt.
Die Pompejussäule und die Schandsäule.
Man hat mir so viel von der Pompejussäule vorgeschwatzt, daß ich sie zuerst nicht sehen wollte. Ich stand lieber still bei den Kameelen, in dem Bassar und zu aufmerksam bei den elenden, beinah mehr mit Ketten, als mit Kleidern bedeckten Sträflingen.
Die Säule wurde zu Ehren des Kaisers Diokletian errichtet. Die Statue steht nicht mehr. Die Engländer, welche 1776 den Schaft bestiegen, und auf dem Fußgestelle eine Schale Punsch tranken, entdeckten noch einen Fuß. Die Säule ruht auf einer vortheilhaft erhobenen Stelle im Süden der Stadt. Gleich an ihrem Fuße breitet sich ein Leichenacker aus, auf welchem ich die Turbane durchmusterte. So eben lag eine, in ein blaues Tuch gewickelte Leiche auf einer Bahre, neben Weibern ohne Klage, während gegraben wurde. An manchen Orten Europens hat man das Grab im Vorrathe, und hier muß die Leiche darauf warten. Um keine Verletzung der Sitten und Gebräuche mir zu Schulden kommen zu lassen, stieg ich vom Esel und ging zu Fuß querein durch den Leichenacker. Der Treiber wollte den Esel mir nachführen; allein er wurde angewiesen, mit dem Thiere den Weg um das Leichenfeld einzuschlagen. Man mußte dießmal von der Ansicht geleitet worden sein, daß der Esel nicht würdig wäre, auf den Gräbern der Menschen zu wandeln. Mit dem Purismus ist es aber eine kitzliche Sache; immer und immer wirft er den Fallstrick des Widerspruchs vor. Läßt man jetzt den Esel nicht über die Gräber traben, so versenkt man vielleicht später Ungeziefer in die Gräber. Ich muß es ganz herausbrocken; sonst haben die Worte keine Kraft.