Ich nahm die Weltcholera in den Hütten zum ersten Male wahr, und ich werde nun bei dieser Seuche ein wenig mich aufhalten. Man setzt in denselben voraus, daß die Cholera sich durch einen Ansteckungsstoff fortpflanze, und es werden gegen sie ungefähr die nämlichen Maßregeln ausgeführt, wie gegen die morgenländische Pest. Ehe Herr Gallo einem Kranken den Puls fühlte, ließ er sich die Hände mit Baumöl begießen, ohne daß jedoch die Schuhsohlen beölt worden wären.

Das Bild der Cholera ist dasselbe wie in Europa. Gänzliche oder fast gänzliche Abwesenheit des Pulses an der Hand, die Haut kalt, über den Phalangen schrumpfig, wie bei einer Wäscherin, der Abgang einer wässerigen, weißlichen Flüssigkeit sursum et deorsum, das Auge gläsern, wie erstorben, der Blick stier und bedeutungslos, die Nase dünn und spitzig, die Löcher mit Staub, die Lippen trocken und bläulich, die Zunge beinahe starr und wird vom stoßweise Lallenden nur mit Mühe gezeigt, die Backen zu eckigen Vertiefungen eingefallen u. s. f. Kurz, im höhern Grade der Krankheit hat man einen lebendigen Todten vor sich. Der Anblick von Cholerakranken ergriff mich nicht besonders; denn die schwarzbraune Farbe der Araber ist nach europäischen Begriffen ohnehin widerlich, und sie veränderte sich nicht bedeutend, außer daß sie schmutziger wurde. Die Kranken schienen mir keineswegs auffallend zu leiden; sie gaben kein Gestöhne oder irgend einen Schmerzlaut von sich. Die asphyktisch Cholerischen waren vom tiefen Schlafe trunken. Diejenigen, welche in den Hütten untergebracht werden, ziehen beinahe Alle das traurige Loos eines frühzeitigen Todes.

So angenehm das Mahmudieh- und Ras-el-tin-Krankenhaus meine Erwartungen übertrafen, so sehr ich auch geneigt wäre, ein günstiges Urtheil zu fällen, so wenig kann ich der Observazionsanstalt Lobsprüche ertheilen. Es stellt sich in der That zwischen einer solchen und keiner Anstalt wenig Unterschied heraus. Dagegen lauten die Forderungen, daß gerade das Pestlazareth auf dem humansten Fuße stehe. Wo ist die Hülfe dringender, als bei Pest und Cholera? Wo ist es für einen Kranken, mag er selbst ein gefesselter Sträfling sein, peinlicher, als zwischen oder doch in der Nähe solcher Kranken, welche der ganze Rüstzeug der Regierung und die öffentliche Meinung der Franken für ansteckend ausgibt? Wie leicht werden die Erkältungen in der Regenzeit. Es ist für den Ruhm nicht genug gesorgt, daß man einen Obersten des Landes reich besolde, oder einen fremden Marschall mit Ehrenbezeugungen überhäufe, so lange die Noth armseliger und beladener Unterthanen aus einem Krankenstalle schreit.

Nach der einmal gefaßten oder vorgefaßten Meinung von dem ansteckenden Karakter der Cholera sperren sich die meisten Europäer in Alexandrien gegen diese Seuche, wie gegen die Pest, ab. Ich kann nicht umhin, das völlig umgekehrte Verfahren der Kontagionisten in Europa, ins Gedächtniß zurückzurufen, nach welchem die Kranken selbst isolirt werden. Ein sicheres und das beste, aber das inhumanste, die Pflichterfüllung und Berufstreue schnurstracks verhöhnende Mittel, sich vor der Cholera zu schirmen, ist die zeitige Entfernung vom Orte, wo die Krankheit herrscht, an einen solchen, welcher davon frei ist.

Ebenso betrachten die europäischen Alexandriner die Pest durchaus als kontagiös. Sie schließen sich ihretwillen ein, doch nicht überall so, daß gar nicht mehr ausgegangen wird. So besorgte ein Handelsmann die Geschäfte außer dem Hause, in welchem seine Mitarbeiter und das Gesinde stets eingesperrt waren. Er stülpte unten die Beinkleider auf, beölte die Schuhsohlen und, mit einem großen Stocke bewaffnet, machte er sich auf der Gasse Bahn, damit ihn Niemand berühre. Der Araber weicht ohne Anstand aus. Jener Mann, den ich zum Beispiele wählte, rettete sich durch die Pestzeit[5].

Wenn sonst auf der Straße die häßlichsten Weiber jeden Augenblick erhaschen, ihr Antlitz vor dem Europäer zu verhüllen, so überraschte es mich, in einer der Pesthütten kranke Weiber unverschleiert zu sehen. Sie verriethen beim Erscheinen des Arztes, seines Assistenten und meiner Person nicht die mindeste Verlegenheit, und rollten ihre schwarzen Augen rechts und links, so oft es sie gelüstete. Unter den Kranken befand sich, wie sich etwa der Pariser vornehm ausdrücken würde, auch eine Galante.

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Die Gesundheitspolizei würde in der Stadt noch Manches aufzuräumen haben. Dem Garstigsten vom Menschen begegnet man an den meisten Orten. Ueber dem Bassar, nämlich auf den Deckbretern, häufen sich Unreinigkeiten fast jeder Art, die wohl selten weggeschafft werden. Aeser erblickte ich wenige. Wie dem auch sei, so werden immerhin einige Gassen gekehrt und etliche Plätze mit Wasser besprengt[6]. Gleichwie die Unreinigkeiten am Gesichte auf Nachlässigkeit und schlechte Gesundheitspolizei des Mikrokosmus schließen lassen, so zeigen die Unreinigkeiten an den Gebäuden und auf den öffentlichen Plätzen mit der Gewißheit der Uhr an, wie wenig sich der Staat um das öffentliche Gesundheitswohl bekümmere.

Die Katakomben und der Pferdestall.