Das Mahmudiehkrankenhaus steht nahe am Mahmudiehkanale, den großen Baumwollenmagazinen gegenüber. Ehe man zum Gebäude kommt, geht man durch ein Gitterthor, womit eine Art Verschlag oder ein Pfahlzaun geschlossen wird. Der Eintritt durch diesen ist Jedermann gestattet. Von der Gitterthüre bis zum Krankenhause beträgt die Entfernung nur wenige Schritte. Den Zwischenraum kleiden, dem Auge sehr wohlthuend, Garten- und Wildgewächse. Am Thore des Krankenhauses selbst stieß ich auf Schwierigkeiten. Der Soldat, welcher Wache hielt, wies mich zurück, doch nicht unsanft. Ich wurde eben einen Mann gewahr der schrieb, und der mir ein Arzt zu sein schien. Ich redete ihn in französischer Sprache an. Es war ein französischer Arzt, mit Namen Etienne, der mir sogleich die Gefälligkeit erzeigte, mich im Krankenhause herumzuführen.
Von allen Krankheiten interessirte mich am meisten die egyptische Augenentzündung. Die daran Leidenden füllen mehrere Säle. Sie ist beinahe ein größeres Uebel zu nennen, als Pest und Cholera. Denn entweder genesen die an diesen beiden Krankheiten Leidenden, wie meistens, ganz, oder sie sterben — ganz. Der letztere Fall kann für die Betreffenden im Grunde nicht unglücklich sein. Welch ein Uebel dagegen ist es, völlig blind zu werden. Von zehn Arabern wird man einen entweder Halb- oder Ganzblinden finden. Ich sah weniger blinde Weiber, als blinde Männer, und die Krankheit scheint den Erwachsenen feindlicher als den Unerwachsenen.
Aus den Krankenzimmern trug ich die Ueberzeugung, daß die Leidenden, wo nicht auf eine glänzende, doch auf eine befriedigende Weise behandelt werden. Meine Erwartung ward übertroffen. Mag ein Anderer das Krankenhaus eine Nachäfferei der europäischen heißen, es wird in demselben so zu sagen Alles geleistet, was sich unter den obwaltenden Umständen thun läßt. Davon, wie Diät und Regimen gehalten wird, kann ich übrigens nichts mittheilen, wenn nicht das Wenige, daß in der Küche Reinlichkeit und guter Geruch mich bewillkommten. Das Haus ward von etlichen neunzig Kranken bewohnt. Beiläufig erwähne ich, daß diejenigen, welche außer dem Bette sich aufhielten, Achtung für Etienne erwiesen, indem sie militärisch sich stellten. Ich konnte nicht umhin meine Glossen zu machen, wenn der Eingeborene gegen den Fremden sich so unterwürfig geberdete.
Geht man zu dem Palaste des Vizekönigs, so sieht man rechts, in der Nähe des Residenzschlosses, ein dem Umfange nach großes, aber niedriges, einstöckiges Gebäude, das von Pallisaden umzingelt ist: wie das letzte, ein Militärspital. Es ist das Krankenhaus auf dem Ras-el-tin (Feigenkap) oder das Tasikispital. Früherhin eine Kaserne, bildet es mehrere Höfe, und ich konnte keine regelmäßige Bauart wahrnehmen. In der Bade- und Dampfbadeanstalt, deren Pracht mich überraschte, begegnet das Auge allenthalben weißem, geschliffenem Marmor bis an die Kuppeln, welche von zahlreichen, runden, mit Glasscheiben verstopften Oeffnungen zum Einlassen des Lichtes durchbrochen sind. Auch dieses Krankenhaus erfreut sich einer Einrichtung, welche den Bedürfnissen abhelfen dürfte.
Das Observazionsspital oder die Observazionshütten.
Ich ritt eines Nachmittags dahin; allein der Arzt war noch nicht eingetroffen. Ich ging unterdessen zum Mahmudiehkrankenhause, welches, dem Meere etwas näher, den Observazionshütten gegenüber liegt. Dr. Etienne ritt eben auf einem Esel daher. Kaum unterhielt ich mich mit ihm, als ein Kranker plötzlich umfiel. Ich sagte: Es ist ein Cholerakranker. Dr. Etienne verneinte, wahrscheinlich weil er glaubte, er könne mir einen Schrecken ersparen. Seine Geschäfte riefen ihn hinweg, und ich begab mich zu den Observazionshütten. Hören wir später das Weitere.
Diese Hütten sind mit einer Pallisadirung umgeben. Man lasse aber den Pinsel der Einbildung fallen, welcher schöne Gemälde entwirft; zur Seltenheit ist ein Pfahl genau so dick, und so hoch wie der andere. Die Pallisadirung fesselt durch ihre Unordentlichkeit schon von weitem das Auge, und wenn ein Europäer das Militär noch nicht kennte, welches, mit dem schwarzbraunen Gesichte, zwar einen Säbel und ein Kleingewehr trägt, aber sonst in Wenigem einem der europäischen Krieger gleich, oder auch bloß ähnlich sieht, so würde er schlechterdings die Hütten für Alles eher, als für ein Staatsgebäude erklären. Die Pallisadirung wird vom Militär bewacht, und dieses läßt Niemand, wenigstens den Europäer nicht, durchschlüpfen. Ich wartete wenige Minuten am Gatter der Observationshütten, und es kam der Arzt, Herr Gallo, ein Grieche, auf dem Esel geritten. Ich machte schon in einem geselligen Kreise seine Bekanntschaft, und so durft’ ich auf seine wohlwollende Aufnahme zählen.
So eben trug man einen Kranken daher über die Gatterschwelle. Plötzlicher Lärm entstand. Die Wärter eilten mit Pestzangen herbei, seinen Träger zurückzustoßen. Nun wurde der Kranke auf den Boden gestellt; allein zu schwach, um sich aufrecht halten zu können, sank er auf die Erde nieder: Der nämliche Kranke, welchen ich an der Pforte des Mahmudiehkrankenhauses umfallen sah. Er war wirklich cholerakrank.
Die Observazionshütten sind nichts, als Hütten, und zwar elende, fensterlose, schlecht ausgezimmerte, daß zwischen den Bretern, woraus die Wände bestehen, Licht eintrat, und zu einer andern Zeit unzweifelhaft Wind und Regen eindringen werden. Die Thüren werden mit einem Vorlegeschlosse gesperrt. Der Boden ist die nackte Erde, und Brutus hätte nur den Spitalboden küssen dürfen, um den Götterspruch von Delphi zu erfüllen. Das Ganze stellt eine Art Dörfchen vor. Die Hütten sind dazu bestimmt, eines pestartigen Uebels verdächtige Fälle, Pest- oder Cholerakranke, so wie auch kranke Sträflinge aufzunehmen. Einen schauderhaften Anblick für mich erregte die Kette, welche von einem Krankenbette zum andern, von einem Leidenden zum andern in gesenktem Halbbogen hinüberlangte. Die Bettstellen sind ein hölzerner Käfich, welchen ich zum ersten Male im Krankenhause auf dem Ras-el-tin wahrnahm. Wenige lagen nur auf einem Strohteppich, und auf etwas Wollenzeug, welche die Blöße der Erde zudeckten.
Die erste Hütte, in die ich geführt wurde, war zur Observazion bestimmt. Nicht Bettstellen darf man hier suchen, noch Sönderung. Cholerakranke und ein von Wechselfieber Befallener waren neben einander auf nackter Erde ausgestreckt; einer der erstern kreuzte seine Beine über den andern. Im Ganzen fanden sich drei neu hereingebrachte Kranke zur Observazion, wovon einer als nichtcholerisch erklärt wurde. Ueberdieß sah’ ich noch etwa sechs andere Choleristen.