Reise nach Triest
Am 22. August 1835 trat ich, vom schweizerischen Kanton Appenzell aus, meine Reise an. Sie nahm ihre Richtung über den Arlberg, über Insbruck, Bozen, Trient, Vicenza, Padua und Venedig nach Triest. Ich werde diese Reise durch eine Gegend, welche, so zu sagen, nur einen Sprung weit von meinem Heimatlande entfernt ist, nicht näher berühren. Ich erwähne bloß, daß ich dießmal mit ungleich mehr Zufriedenheit durch diesen Theil Welschlands reisete, als im Jahre 1826, wohin ich von Wien aus einen Abstecher gemacht hatte. Ich wählte vorzüglich italienische Wirthshäuser, und die Wahrheit heischt von mir das Bekenntniß, daß ich nicht den mindesten Grund zu Klagen über Betrügereien in denselben fand. Niemals handelte ich mit den Wirthsleuten zum Voraus die Mahlzeit ab. Bei deutschen Wirthen dieses Landes befand ich mich eher schlimmer. Zank und Streit mit zwei Vetturini waren ganz unsere Schuld, oder vielmehr die meines Reisegefährten, eines Kroaten, der weniger bezahlen wollte, als wir bereits schon übereingekommen waren. Es bot ein rührendes Schauspiel dar, wie ein Vetturino nur das Seinige verfechten mußte. Wenn die Deutschen oder wenigstens die deutsch Redenden auf diese Weise fortfahren, es dürften sich traun die italienischen Vetturini brüsten, um dem deutschen Uebermuthe die Flügel zu stutzen. Die Deutschen, welche nach Italien reisen wollen, hauen darum leicht über die Schnur, daß sie auf erster Linie mit den Schlechtigkeiten der Italiener allzusehr sich vertraut machen, statt daß sie es sich angelegen sein lassen, die Gedanken in ihrer Sprache auszutauschen. Der Deutsche, gewohnt, beinahe in jedem schlechten italienischen Gewande eine schlechte Seele zu suchen, richtet auch nach dieser, über das Gebirge geschleppten vorgefaßten Meinung, die Behandlung des Italieners. So wie aber dieser wahrnimmt, daß der Fremde an ihm keinen grünen Zweig erblickt, mag es ihn freuen, daß der Reisende sich ja nicht täusche.
Den 29. August.
Ich langte in der überaus lebhaften Handelsstadt Triest an. Meine Empfehlungen an dasige Häuser thaten erwünschte Wirkung. Ein Landsmann gab Anleitung zum Einkaufe der für die Seereise nöthigen Effekten. Ein jüdisches Haus kam mir zuvor, um später den Aufenthalt in Alexandrien mir angenehm zu machen, und versah mich mit Schreiben, damit mir die Reise nach Egypten in finanzieller Beziehung gesichert werden sollte.
Sechs Tage mußte ich warten, bis ein Schiff unter Segel ging. Mein Vertrag mit dem Kapitän, Herrn Simon Budinich aus Lossin, wurde doppelt ausgefertigt, und in demselben ausdrücklich bemerkt, daß ich freie Hand behalten wolle, wenn zur bestimmten Frist die Abfahrt nicht erfolgen würde. Der Vertrag beschlug übrigens, um nach Landart zu sprechen, nicht bloß Logis, sondern auch Kost.
Donnerstag den 3. September.
Ich ließ mein Bett, (ein Kissen, eine Stramatze [Stramazzo, Matratze], eine Wolldecke, [Kotze], zwei Leintücher) und meine übrigen Effekten an Bord bringen. Vom Kai holten sie unsere Matrosen ab, ohne daß ich mich vor der Hand weiter darum bekümmerte. Abends neun Uhr rief ich den Matrosen unsers Schiffes, il Giusto. Gleich ruderten sie mir entgegen, und ich nahm Abschied vom Lande. Frohmüthig bestieg ich meine neue Behausung. Mein Auge weidete sich zuerst an dem Walde von Mastbäumen und an dem sternenreichen Himmel; dann trat ich in die Kajüte, wo ich meine Effekten in Ordnung fand. Ein fester Bursche, der Buchhalter (scrivano), saß eben an einer wohlbesetzten Tafel; ein mit rothem Wein gefülltes Glas wurde nicht selten von seinem Munde magnetisch angezogen. Derselbe plauderte an Einem fort anmuthig und offenherzig; er nannte ohne Umschweif die Regierung von Triest eine strenge. Als er inne ward, ich sei ein schweizerischer Republikaner, gab er Freude zu erkennen. Im Politischen faßte ich mich kurz. Ich suchte darzuthun, daß die Regierungsform nicht immer wesentlich die Wohlfahrt eines Volkes untergrabe oder begründe, und fügte hinzu, daß die Schweizer im Allgemeinen zufrieden leben. Ich sprach mit einer Mäßigung und Zurückhaltung, daß kein Schein da war, als wolle ich den Republikanismus außer meinem Vaterlande verkündigen.
Die Kajüte gefiel mir; blau angestrichen und geräumig; in der Mitte ein Tisch, ringsum Stühle und ein Kanape von hartem Holz. Zum Ueberflusse eingerahmte Bilder: hier das Sinnbild der Dreieinigkeit; dort ein pausbäckiger Zweimaster mit österreichischer Flagge; ferner weibliche Schönheiten aus allen vier Welttheilen. In einer Ecke ein Käfich mit zwei Kanarienvögeln. Für mein Lager war zur Seite der Kajüte ein Kasten, den man cuccietta nennt, und der durch zwei Flügelthürchen verschlossen werden kann. Der Kapitän hatte noch ein besonderes Schlafgemach, welches durch Thüre und Vorhang von der Kajüte getrennt war.