Nachdem die junge Bajadere ihre Rolle geendet, wollte auch die ältere Matrone eine übernehmen. Sie schürzte den Rock ein wenig auf, und gürtete ihn also um den Leib. Wie wahnsinnig trieb sie den Schooß nach allen Richtungen. Das Alter schützt vor Thorheit nicht. Jetzt bedurfte ich nicht des Mehrern, um mich von dem Unanständigen des Tanzes vollkommen zu überzeugen.

Noch unanständiger erscheint der Tanz beim Manne. Er schürzt ebenso den Rock auf, und rüttelt auf gleiche Weise das Becken. Derjenige Tänzer, welcher seine Fantasien auf unserer Nilfahrt zum Beßten gab, führte auch ein Stöckchen in der Faust, und Männer an der Reihe klatschten mit den Händen den Takt.

Wenn der Fremde diesem Beckentanze zuerst zuschaut, so kann er Anfangs wohl das Lachen nicht verhalten. Nachher gewinnt er Zeit, seine moralischen Betrachtungen anzustellen.

Ich möchte den egyptischen Tanz nicht verlassen, ohne einer Merkwürdigkeit aus dem Jahre 1582 zu gedenken.

An dem mehrerwähnten großen Prachtzug, zu Ehren des neubeschnittenen kaiserlichen Prinzen Mehemet, schloß sich der Dulumtschi-Pascha oder der Hauptmann der Fünfhundert mit den geschmierten Ziegenhäuten. Er entblößte sich oberhalb des Gürtels, entkleidete sich bis aufs Hemde, geberdete sich seltsam mit Kopf und Augen, Händen und Füßen. Hierauf zog er das Hemde über den Kopf, machte in dünnen leinenen Hosen seltsame Sprünge, tanzte, zog den Bauch bald ein, bald trieb er ihn hervor, warf die Hüften hin und her, daß es schändlich und abscheulich zu sehen war. Allein die Türken fanden daran Wohlgefallen, lachten des Tänzers und lobten ihn. Es wäre freilich voreilig, von dieser Einzelnheit auf den sittlichen Karakter überhaupt zu schließen. Große Volksfeste haben jederzeit einzelne Ausbrüche von Rohheit in ihrem Gefolge.

Der Brautzug.

Voran lärmen Tambour und Pauken. Hier Männer, dort Knaben, hier ein Halbblinder, dort ein Zerlumpter schlagen darauf los: Alle in Unordnung, in ungleicher Reihe, in ungleichem Schritte, ohne Ernst, herumgaffend, und die Knebel oder Stäbchen scheinen ohne Takt auf die Felle zu fallen, wie die Regentropfen auf die Erde. Im Reiche der Töne Mangel an Takt, wie an den Gebäuden Mangel an Ebenmaß. Daß dem Egypzier etwas gefalle, muß es ein Spiel der Einbildung sein, das kaum Schranken kennt. Jetzt kommen hübsch geputzte Knaben in besserer Reihe, in geschlossener Ordnung. Sie tragen schönfarbige Krüge von antiker Form. Daraus sprengen sie wohlriechende Flüssigkeiten; so das Rosenwasser, welches, wie frische Rosen im Garten, den süßen Geruch düftet. Die Weiber mit ihren Lappen über das Gesicht, diese Masken schreiten zierlicher daher, je zwei neben einander, eines mehr wie das andere bestrebt, damit hochlaut aus ihrer Kehle das Freudengeschrei erschalle, welches dem Froschgequak am Nile oder dem Laute ähnlich ist, wenn bei uns die Kinder, die Stimme erhebend, mit dem Finger über die etwas hervorgestreckten Lippen auf- und abwärts klimpern. Je näher dem Traghimmel, desto schmuckreicher die Weiber; ihr Gesichtsschleier prangt von größern und kleinern Goldstücken, und sie heben ihre Arme aus den weiten, faltigen Seidengewändern, gleich dem Priester, welcher das Volk benedeit. Einen runden Wedel, auf dessen einer Seite die Eitelkeit ein Spiegelchen anbrachte, hält ein Weib in der Hand. Es bietet alle seine Rührigkeit auf, damit die Braut zu befächeln. Andere Weiber spritzen wohlriechende Flüssigkeiten. Männer mit kleinen Stäben gebieten und schaffen zur Seite links und rechts Ordnung. In der Mitte zwei schön gekleideter Weiber, unter dem von vier Männern getragenen blutrothen Baldachin erblickst du die Braut. Der Europäer möchte gern ihre Schönheit bewundern. Vergeblich; sie ist in einem rothen Schleier so ganz und gar verhüllt. Den Kopf kleidet fürstlich ein kronartiger Aufsatz. Um die Stirne und das Gesicht drängt sich ein Goldstück an das andere, ein Edelstein an den andern; die Braut legt mit morgenländischer Ueppigkeit hier Alles zur Schau, was sie nur Glänzendes auftreiben konnte. Geblendet von den ausgehängten Kostbarkeiten, wünscht man beinahe nicht weiter zu schauen, obschon das Geheimnißvolle die Neugierde stachelt; denn man fürchtet, bei gelichtetem Schleier, mit getäuschter Phantasie das Auge wegwenden zu müssen. Hinter dem Baldachine schalmeien sie in das Getümmel der Pauken und Tambour. Langsam schreitet der Zug, aber immer noch rasch für das neugierige Auge, um das Mannigfaltige aufzufassen.

Wenn der Zug mehr oder weniger pompös ist, so gibt es noch manche Zugaben und Anderes mangelt.

Einmal gerieth der Brautzug ins Gedränge in einer ziemlich schmalen Gasse; denn es kam ein langer Zug Kameele, deren Ladung am Bauche wie ein Kobold hin- und herpurzelte, und durch ihre Gespenstergröße die Gasse buchstäblich mehr als halb füllte. Ich befand mich eben am Baldachine, und die kleine Braut rückte mir nahe. Nur ihre Nase prägte sich unter dem anliegenden, rothen Schleier aus. Die Sonne lauerte fortwährend hinter dem rosigen Gewölke. Auf der Stelle ward die Bedrängte von dienstbaren Geistern umringt, und ein Schwarm von Fingern flog auf den Kopf, seinen Putz zu halten, nicht anders, als führe man eine Glasfigur herum, die man an dieser gefährlichen Stelle mit allen Händen beschirmen müsse, auf daß sie ja nicht breche.

An der äußerst reich ausgeschmückten Mohammetanerin fiel mir ein goldenes Kreuz auf, welches von der Stirne herunter hing. Dieser Theil des Kopfputzes war wahrscheinlich ursprünglich im Besitze der Christen. Putzliebe überwiegt nicht selten sogar religiösen Skrupel. Die Mohammetanerin fragt wenig nach der Form, wenn nur Glanz, nur Gold, nur Flitter. Sie versteht die mit Brüchen rechnende Engherzigkeit mancher Protestantinnen nicht, welche, Gott weiß, wie tief sie in die Finsterniß des Papstthums plötzlich gerathen würden, wenn sich einmal ein Kreuz auf ihre Stirne verirrte.