Die Leute kleiden sich wohl. Selbst in der Hitze des Tages umgibt die Jacke den Oberleib. Von der Kleidung der Männer springt nichts Besonderes in die Augen. Dem weiblichen Geschlechte gebührt das Lob oder der Tadel eines eigenthümlichen Kopfputzes. Ein Flor von Musseline bildet auf jeder Seite einen Ring, ohne den Kopf zuzudecken. Wer möchte diesen Rückprall einer Kinderei schön nennen?
Die Lossiner thun sich durch Körpergröße hervor. Man muß zwei Menschenschläge unterscheiden, einen italienischen und slavischen. Die Venezianer eroberten zu seiner Zeit die Insel. Vom italienischen Schlage sind sowohl reine, als mit dem slavischen vermischte Sprößlinge vorhanden. Auf den Leuten vom italienischen Schlage ruht der Zug der Schönheit, von etwas Edlem, von Stolz, welcher Zug sich in der Regel charakteristisch beim Herrscher ausspricht. Das pechschwarze Haar und die Gluth der schwarzen Augen könnten uns in die Mauern Padua’s versetzen. Die Bewohner vom slavischen Schlage, weitaus die Mehrzahl, zeichnet ein breites Gesicht, hervorstehende Backenknochen (selten volle Backen), eine etwas ausgebogene Nase, üppiges, bräunliches oder blondes Haar aus. Wie es zwei Schläge gibt, so zwei Sprachen. Der Sieger brachte das Italienische, welches jetzt noch in den Kreisen der Wohlhabendern geredet wird; bei den Uebrigen das Kroatische, welches vorherrscht, oder die eigentliche Landessprache ist.
Die Leute beschränken sich in ihren Beschäftigungen nicht bloß auf Viehzucht, Ackerbau, die Weiber auf Spinnen, Sticken u. dgl., sondern die Lossiner beziehen ihre Nahrung auch vom Fischfang, und, die Hauptsache, ein bedeutender Theil verlegt sich auf die Schifffahrt. Die Lossiner bilden mit den Bocchesen den Kern der österreichischen Seemacht. Lossin piccolo nennt mit Stolz allein über achtzig größere Kauffahrteischiffe (bastimenti). Da stößt man auf eine Menge Kapitäne, welche die Meere durchsegelten, und von Konstantinopel, Alexandrien, Algier, London u. s. f. erzählen, nur nicht von Stürmen, als etwas Abgedroschenem. Bewog Liebe zu ihren Ehemännern selbst Frauen, sich auf unsichern Fluthen zu entfernen, um zugleich angenehme Berührungen mit den berühmten Städten der Welt herüber zu nehmen.
Der Vater des Kapitäns, Podestà (Gemeindspräsident) Budinich, empfing uns mit vieler Gewogenheit. Am zweiten Tage nach der Ankunft in Lossin wurden Cesare und ich von ihm zu einem Mittagsmahle eingeladen. Gern entsprachen wir der Einladung. Zwei Familien vereinigten sich, um sich und uns Gesellschaft zu leisten; die Menge Kinder dabei lachte, lärmte, befahl u. dgl., so daß Einem die Zeit nicht lange werden konnte. Das Gespräch verbreitete sich größtentheils über Seereisen. Ich wurde als Mann mit deutscher Zunge auf recht schonende Weise behandelt. Einmal sagte der Signor’ Patrong’ zu Cesare, als dieser nicht trinken wollte: Italiani, Sociani. Er sagte es in so gutem, so wenig exkommunizirendem Tone, daß ich es ihm nicht im mindesten übel nehmen durfte. Die Tafel war üppig bestellt, und deßwegen schon ein Dorn in meinem Auge, um mich an einem andern Tage nochmals zu ihr hinzusetzen. Der freundliche Ton der Familien gefiel mir unaussprechlich. Ich möchte behaupten: Familienliebe ist eines der erhabensten religiösen Gefühle. Unser Hauptmann saß neben dem Vater, bescheiden und wenig redend, der innigsten Liebe Blicke brüderlich erwiedernd, welche auf ihn die daneben sitzende Schwester heftete; für ihn plauderte der erfahrnere Vater; der Sohn gebot auf dem Schiffe, wo er an seinem Platze war.
Der Umstand, daß wir wider Erwarten lange nicht in die See stechen konnten, trug dazu bei, daß ich die Insel noch genauer kennen lernte. Die Lebensmittel sind zum Theile sehr wohlfeil. Ein Seidel Wein, d. h. ein Viertel eines Triestiner-Pokale, kostet nicht einmal 5 Pfenninge R. V. So wenig haushälterisch geht man mit den Trauben um, daß solche hie und da auf den Wegen herumliegen. Dagegen ist die Milch überaus theuer. Ein Pokale Schaf- oder Ziegenmilch kostet 12 Kr. R. V., also über die Hälfte mehr, denn so viel Wein.
Als ich eines Nachmittags nach dem kleinen Lossin ging, zog eine Weberin meinen Blick auf sich. Ich trat sogleich in das Zimmer. Eine alte Frau, mit einer Brille auf der Nase, jagte mühsam das Schiff durch die Kette. Der Webstuhl war sehr einfach, klein und so eingerichtet, daß er mit leichter Mühe an einen andern Ort gebracht werden kann. Das Weib wob grobes Tuch. Indem es mit beiden Füßen zugleich, jetzt auf die einen zwei, dann auf die andern zwei Schemmel, überhüpfte, setzte es diese in Bewegung. Gleich hernach nahmen meine Aufmerksamkeit dem Webstuhle gegenüber sich befindende zwei Steine in Anspruch. Es waren Mühlsteine, die von Menschenhand herumgedreht werden, um das Speisemehl zu bereiten. Solche Mühlsteine trifft man in den meisten Bauernhäusern. Dürftigkeit ruft der Einfachheit. Auch dieses Mahl-, Web-, Wohnzimmer u. s. f. war etwas sparsam durch das Fenster beleuchtet, und das meiste Licht trat durch die Thüre. Das Nämliche gilt auch von vielen andern Häusern. So sah ich ein Mädchen nicht ohne Kunst auf einem Rahmen nähen; um aber die, die Augen etwas mehr anstrengende Arbeit verrichten zu können, mußte es sich an die Thüröffnung setzen.
Lossin grande kann sich eines Kalvarienberges rühmen, dessen Aussicht das Meer ringsumher beherrscht. Im Hintergrunde des Ostens steigt das Küstenland Kroaziens himmelan. Doch welch öder Anblick! Fast nichts als Stein oder Felsen bieten sich dem Auge dar. Wenn der Himmel recht hell sei, soll man im Westen selbst Ankona sehen. Da die Bewohner von Lossin keine tiefe Erde aufzuweisen vermögen, so leuchtet bald ein, daß sie keine Gottesäcker, dafür aber Todtengrüfte besitzen. In Lossin grande öffnet sich gleich neben der untern Kirche eine Gruft. Durch eine der fünf Oeffnungen wird die Leiche an Stricken in dieselbe versenkt. Ein Sarg würde zu viel Raum einnehmen, und so werden die sterblichen Ueberreste bloß in ein Tuch gewickelt, um sie beizusetzen. Es kann sich bisweilen ereignen, daß eine Leiche auf eine andere geschichtet wird; doch sucht man dieß bestmöglich zu vermeiden. Die Oeffnung wird nach jeder Beisetzung durch eine Steinplatte geschlossen und zugemauert, damit die kadaverösen Aushauchungen der Gesundheit keinen Schaden zufügen. Der Boden der Gruft ist siebartig durchlöchert, und deckt eine andere Höhle, welche mit dem Meere in Verbindung steht. Durch dieses Sieb finden nun diejenigen Theile des menschlichen Körpers, welche der Verwesung zufallen, einen Ausweg, und das bloße Gerippe bleibt am Ende zurück. Wehe einem Scheintodten, welcher in einer solchen Gruft wieder lebendig würde. Grauenvolleres könnte man sich kaum vorstellen, als das Leben unter faulen, stinkenden Leichen, wo die Aussicht, dasselbe zu retten, so gut, als ganz abgeschnitten wäre. Ich bedaure es, daß ich die Gruft selbst nicht sah. Wohl nahm ich in der Kirche einen ausgesetzten, nur mit einem dünnen Tuche verhüllten Leichnam wahr. Im Hause des Herrn Marco Sopranich zeigte man mir einen Sarg, worin Wachskerzen aufbewahrt werden, auf den Fall, daß im Hause Jemand sterbe.
Die Festtage scheinen die Lossiner nicht so strenge zu feiern, als die Katholiken der deutschen Lande. In Lossin piccolo war an Mariä Geburt die Fleischbude offen, und Einer blies so eben das Fell eines Ziegenbockes auf. Lumpige und unreinliche Leute trugen sich auch an diesem Tage nicht anders, als an Werktagen. Einen großen Theil des Volkes soll die Armuth in hohem Grade drücken. Es ist voreilig, wenn man von vielen Reichen gleich auf den Wohlstand der Bewohner eines Landes im Allgemeinen schließt. Wenn allerdings unter den Lossinern manche sich ansehnlicher Schätze erfreuen, so muß man indeß bedenken, daß das Eiland der See eine Menge Matrosen liefert, welche zu Hause ein Weib mit Kindern unterhalten müssen, und wie unterhalten? Kärglich.
Es war am 10. Abends, als ich dem Podestà, dem Vater des Kapitäns, meine Aufwartung machte, weil die Abfahrt des Schiffes auf den 11. bestimmt war. Ich wurde dießmal über das Befinden der Frau Podestà befragt, und Tages darauf sollte ich mehrern Frauen von Lossin meinen ärztlichen Rath ertheilen. Ich entsprach dem Ansuchen um so lieber, einerseits, als die Wiederaufnahme meiner Geschäfte, wenn auch nur auf kurze Zeit, am ehesten geeignet war, den entstehenden Ueberdruß zu verscheuchen, und um so lieber andererseits, als ich wußte, daß der Arzt mit Dingen in Berührung kommt, die andern Reisenden leichter entgehen. Darf ich mir ein Urtheil zutrauen, so läßt man sich auch in Lossin viel verschreiben, um wenig zu nehmen; man will die Aerzte aushorchen, um aus ihren Ansichten diejenigen zu wählen, die gleichsam am meisten schmeicheln, um nicht zu sagen — die Bequemlichkeit am wenigsten stören. Die alten Frauen zeigten ungemein viel Lebhaftigkeit in der Rede, wie im Benehmen; ich hörte nicht den leisesten Ton der Klage. Die Sprache legte dem Krankenexamen einige Hindernisse in den Weg. Da ich mich im Italienischen nur mit vieler Mühe ausgedrückt haben würde, so begleitete mich der Kapitän, und übersetzte meine in französischer Sprache gestellten Fragen ins Italienische, und bei einer Magd mußte dieses dann erst noch ins Kroatische übertragen werden, weil der Hauptmann von seiner Landessprache zu wenig verstand.