Ein alter Schiffseigenthümer, der an einem Lippenkrebse litt, kam zu mir an Bord, um ärztliche Hülfe zu suchen. Ich hielt deßwegen mit dem achtungswerthen Dr. Boselli, welcher in Lossin piccolo niedergelassen ist, eine Konsultation. Es wurde diese am Borde gepflogen, weil ich wegen der Ruhr nicht ausging, die mich seit zwei Tagen plagte.
Den 14. Herbstmonat.
Dem Eigenthümer des Schiffes, einem reichen Manne, machte es Vergnügen, den Giusto in dem Hafen zu sehen, und so konnten wir einmal wegen dieses fatalen Vergnügens nicht weg. Doch heute war es ihm selbst daran gelegen, daß die Abreise nicht länger verzögert werde. Indessen hatten unglücklicher Weise der Herr Marco und der Himmel ungleiche Launen. Man wollte die Brigg aus dem engen Hafen herausbugsiren; allein der Wind blies so widerlich, daß man den Versuch aufgeben mußte.
Mittlerweile umgab uns Gesellschaft. Der Vater des Kapitäns nebst seiner Gattin und einer hübschen Anzahl Kinder waren am Borde — im Abschiedsgeleite und auf dem Wege zum Landgute. Mich freute es, dießmal die Familie in alltäglichem Putze zu sehen. Der Podestà, ein ziemlich betagter Mann, mit kahlem Kopfe, von fettem Leibe, trug eine hinten breit abgeschnittene Jacke, an der hie und da die Naht von einander gähnte; die schwarze Weste war mit hellbraunem Tabake übersäet; die Schuhe roth, ordentlich schuppig, ein langes Register von Lobsprüchen auf den Schuhflicker. Der gute Mann war stets aufgeräumt; die alltäglichste Frage pflegte er zu deklamiren; er plünderte gerne Stellen aus französischen Schriften, besonders aus Rousseau, welcher so unbarmherzig die Geißel über die Aerzte schwang. Der französischen Sprache keineswegs fremde, überwarf er sich leicht in der Aussprache; z. B. but statt bü (but). Sogar mit lateinischen Brocken sättigte er zuweilen das Gespräche. Auf dem geschichtlichen Felde spielte er am liebsten und beßten. Auf echt italienisch erzählte er, daß Lossin, die Absorus der Alten, früher bevölkert worden sei, als Rom. Die Italiener führen den Adel auf ihre Urväter zurück, wie die wirklichen Adelichen auf den Wipfel ihres hohen Stammbaumes hinauf. So lange die heutigen Italiener nicht mehr leisten, erscheint ihr Adel possirlich genug. Madame, eine Frau von Geist und sehr eingezogenem, stillem Karakter, übernahm die Rolle als Kranke. Während des Mittagmahles setzten ihr die Bewegungen des Schiffes so zu, daß ich nicht eilig genug mein Felleisen öffnen, und ein Fläschchen herausziehen konnte. Die verheirathete Tochter, eine fette, große Gestalt, mit der Adlernase, mit Haaren, deren Farbe am wenigsten gefällt, von Ansehen überaus gutmüthig, in der Rede äußerst nachläßig, schien das größte Wohlgefallen am Lachen zu finden, auf daß sie ihre blendend weißen Zähne weisen könne. Es fiel mir auf, daß die Kinder ihren Vater Signore und ihre Mutter Signora titulirten. Uebrigens will der Titel mit größerem Recht einen Platz, wenn man Jemandem Herr sagt, der mehr oder weniger über Einen herrscht, als einem Andern, dessen Herrschaft man sich gelindestens verbitten würde.
Hatte der Herr Podestà sich satt gegessen, wozu, als zu einem Lieblingsthema, er sich recht Zeit nahm, so suchten wir Unterhaltung im Spiele. Ich konnte ihm die entzückenden Lorbeeren des Gewinnes leicht gönnen, weil ich das Damenspiel auf italienische Weise erst lernen mußte. Mit den Damen wechselten noch das Karten- und Dominospiel.
Ich vernahm, daß die ganze Familie, mit Ausnahme der verheiratheten Tochter, die Nacht am Borde zubringen werde. Das wird wunderlich hergehen, dachte ich bei mir selbst. Doch schickte sich die Sache ziemlich gut. Matratzen wurden auf den Boden ausgebreitet, und nach langem Aufbleiben legte sich Alles bunt darauf, der Dorfschulze, versteht sich, am breitesten, Cesare und ich steckten uns ohne Komplimente in unsere Bettkasten (cuccietta).
Den 16. Herbstmonat.
Gestern wurden vergebens Versuche gemacht, um die offene See zu erreichen. Die Familie blieb am Borde, essend, trinkend, gähnend, schlafend, strickend, spielend, plaudernd, ganz wie den Tag vorher.
In aller Frühe hörte man Lärm auf dem Verdecke. Man bereitete sich vor, das Schiff flott zu machen. Am Eingange des Hafens scheiterten wieder alle Versuche, den Giusto weiter zu bugsiren. Unter einem azurblauen Himmel, der von keiner Wolke getrübt war, durften wir wieder liegen bleiben. — Alles in majorem gloriam einer Laune.