Es war Mittag, der Tisch gedeckt, das Mahl bereitet. Der Scrivano kam zu melden, daß ein wenig Windstille eingetreten sei, welche die Ausfahrt erlauben dürfte. Sogleich Lärmen und Laufen. Endlich gelang die Zangengeburt. Neun Tage mußten wir uns in dem Hafen von Lossin grande aufhalten. Bei der Ausfahrt pikirte mich eine alte Figur von neunzig Jahren. Es war ein etwas lumpig gekleideter, ehrwürdig aussehender Chorherr, der in einem Kahne herumfischte. So muß die Uebermenge Priester hier ihr Brot verdienen.
Bald erhielt unser Podestà einen Besuch am Borde von seinem Stellvertreter. Ich möchte wohl um keinen Preis dessen Kupfernase gekauft haben, aus lauter Besorgniß für einen Trinker, Notabene für keinen Wassertrinker, gehalten zu werden.
Abends verließ uns die Familie Budinich, welche sich auf ihr Landgut begab. Der Podestà drückte mir zwei Küsse auf den Mund, und der Anstand forderte von mir ein Gleiches. Nichts widersinniger, als daß die Männer sich küssen, und dabei die Bärte aneinander reiben. Mein Urtheil über diese Familie fällt mit Entschiedenheit günstig. Tugendhaftigkeit, Religiosität, die von Bigottismus weit abliegt, hinderten jedoch keinesweges, daß mehr Ordnungsliebe noch eine äußere Zierde wäre. Unsere Matrosen ruderten, vom Kapitän begleitet, die Gäste ans Land, und nach anderthalb Stunden setzten wir unsere Seereise fort. Diesen Tag ergötzten mich zwei Delphine, die drollig davon schwammen.
Den 17.
Links endete der Gebirgszug von Kroazien. Dort in der Nähe liegt Sarah. Südwestlich erblickten wir den Berg von Ankona, dem wir, vom Sirocco genöthiget, uns immer mehr näherten. Der Wind nahm Abends so zu, daß es stürmte.
Den 18.
Diese Nacht brauste der Meeressturm, welcher uns zur Rückkehr zwang. Die Wuth des Meeres vergönnte mir keinen Schlaf, und ich mußte mich selbst in der Cuccietta halten, um nicht von einer Seite auf die andere geworfen zu werden. In der Kajüte purzelte bald dieses, bald anderes Geräthe. Des Morgens wollte ich auch Zeuge des Schauspieles sein. Ich möchte es nicht beschreiben, weil es zu gewöhnlich ist, und beinahe in alle Schilderungen von Seereisen, manchmal selbst da, wohin es im Ernste nicht gehört, als Würze eingestreut wird. Auf dem Verdecke fragte mich der Hauptmann: Wie gefällt es Ihnen? Das ist sehr schön, antwortete ich, hingerissen vom Anblicke. Doch die angenehmen Momente dauerten nicht lange. Auf die Einladung des Hauptmanns ließ ich mich am Steuerborde nieder, im tröstlichen Glauben, daß ich von diesem, wie von einer Brustwehr, geschützt würde. Kaum war ich recht festgesessen, als eine Welle über Bord schlug, mich zudeckte und durch und durchnäßte. Ich legte mich zu Bette um darin das Ende der Szene zu erwarten.
Kurz nach Mittag warfen wir im Hafen San Pietro di Nembo Anker, wo wir schon gestern Abends vorbeigesegelt waren. Unangenehme Gefühle bemächtigten sich meiner, weil das Schicksal mir nicht besser zum Vorwärtskommen dienen wollte.
Den 19.
Wir begaben uns zur Kirche von San Pietro di Nembo. Ohne Thurm, ungemein ärmlich und klein ist sie. Unter einem Dache vereinigen sich brüderlich das Wirths- und Pfarrhaus. Dieses nämlich stellt eine Kammer im obern Stocke vor. Cesare und ich besuchten den Pfarrer. Ein fetter Herr mit einer Perrücke, wußte er über sein Elend viel zu klagen. Er beseufzete sein Schicksal das ihn der Carità unterwerfe. Es sei nicht zu unserer Ehre gesagt, daß die Börse dabei nicht das mindeste Mitleid empfand. Lateinisch verstand der Mann Gottes nicht; höchstens mag ihm das Latein bei der Messe verständlich sein. Auf meine Frage: Quomodo nominatur haec insula? erwiederte er: Ego sum parocho hic. Dieser Mann kann sich, wie der Anschein lehrt, in einer Gemeinde, die nur etwas mehr denn zweihundert Seelen zählt, fett essen.