Ich rede mit meinen Lesern wohl ab. Es ist ebensosehr meinen Ansichten, als meinen Neigungen entgegen, konfessionistische Plänkeleien zu eröffnen. Ich ehre die katholische Religion, aber nicht alle ihre Bekenner, nicht alle ihre Priester. Ich habe es mit Personen zu thun, aber nicht mit der Dogmatik. So sehr ich dem Zartgefühl gegen Andersdenkende und Andersgläubige Rechnung trage, so wenig nehme ich Anstand, ein freies Wort über Personen, ohne Unterschied ihres Glaubensbekenntnisses, zu führen.
Nachmittags besuchte ich die Wohnungen auf der südlich gelegenen Insel San Pietro di Nembo. Dieses Eiland ist im Allgemeinen sehr gedeihlich, und dem größten Theile nach ein Weingarten köstlich schmeckender Trauben. Die Feigen wachsen üppig neben den Oliven. Würde der Bischof in Veglia, Giovanni Antonio, welchem das Eiland angehört, diesem mehr Aufmerksamkeit zulenken, es müßte beinahe zu einem Paradiese erblühen.
Die Wohnungen theilen mit dem Lande nicht das gleiche Lob. Wie die ungarischen, in die Länge gebaut, haben sie nur ein Erdgeschoß; den Kamin trifft man zur Seltenheit, und seine Stelle vertritt die Thüre oder eine Queröffnung im Dache. Nicht minder selten sind die Fenster; ich sah nicht ein einziges. Des Sommers tritt genug Licht durch die Thüre, und wenn, was selten, im Winter die Kälte es nicht erlaubt, die Thüre offen zu halten, so macht man auf dem Herde ein Feuer an, und umlagert dieses, sich zu wärmen. Ich erinnere mich, des Sommers auf Schweizerbergen mich aufgehalten zu haben, da es schneite, und da es nicht weniger kalt war, als es in San Pietro di Nembo mitten im Winter sein dürfte. Ich litt auf dem Berge von der Kälte sehr wenig. Ich setzte mich ans Feuer, oder legte mich ins Bett, wie auch die Hirten zu thun pflegen. Die Häuser von San Pietro di Nembo sind von Stein gebaut und mit Hohlziegeln gedeckt. Anstalten für Bedürfnisse, die ich nicht weiter bezeichne, nahm ich nicht wahr. Das Feld sei ja thätig genug, mögen die Leute denken, indem sie die Reinlichkeit zu niedrig anschlagen. Man suche in San Pietro keine eigentliche Backhäuser. Als ich einem Haufen Steine begegnete, schaute ich hinein, und siehe, es war ein Backofen mit kleinen Broten angefüllt; er mußte wohl zu dem etwas weiter unten stehenden Häuschen gehören. Besonders zog meine Aufmerksamkeit ein Haus auf sich, dessen Mauern bloß aus übereinandergelegten Steinen bestanden, ohne daß sie mit Mörtel verbunden gewesen waren. Ich ging mit buona sera hinein, und fand zwar, daß das Innere der Mauern übermörtelt war. Wer aber hätte hier einen Keller, eine Kammer, eine Küche, eine Stube, eine Mühle gesucht? — Um das Maß der Wirthschaft zu füllen, gleich außen an der Mauer fand sich ein Backofen. Die Gesetze sind gegen die Winzer nachsichtig. Jedes Häuschen verkauft sein eigen Gewächs, und so besteht das Dörfchen aus lauter Schenkhäusern.
Die Bewohner, nicht ausgezeichnet groß, nicht schön, sind meist von heller Farbe. Uebrigens sehen sie lebhaft und fröhlich aus. Zwei Weibspersonen fanden gar großes Vergnügen, mit den Füßen im Meere, den Saum ihrer Röcke, die sie trugen, zu waschen, und ihr schallendes Gelächter bei diesem Geschäfte konnte sogar mich ergötzen. Was die Leute indeß auszeichnet, ist die Unreinlichkeit und Lumpigkeit. Es ging ein Weib vor mir her, an dem ich nichts unbegreiflicher fand, als daß es einen Rock trug; denn dieser war so in aller Aufrichtigkeit voller Löcher, daß — —. Ich sah größere Kinder, die halb entblößt umher gingen. Wegen des Schmutzes konnte man an vielen Kleidern, und unter den Kindern an vielen Gesichtern die Farbe nicht gehörig erkennen. Nur das Auge sah man rein, schön, unschuldig; wäre es aber möglich gewesen, auch dieses zu verunreinigen, man würde es sonder Zweifel gethan haben.
Von diesen unzierlichen Leuten kommt ein guter Wein in den Handel. Es war eben die Weinlese vorüber, als ich das Eiland besuchte, und mich belustigte die einfache Bereitung des Nektars. Ein Böttcher hämmert in dem dunkeln Häuschen die Fässer zurecht, und ein Mann steht im Fasse, um Trauben herauszuschöpfen. Man wird da nichts weiter sehen; man gehe nur gleich auf die Seite des Häuschens. Da zertritt und zerdrückt ein Mann, im Freien tanzend, die Trauben. Sie stehen über einem Brete, in einem hölzernen walzenförmigen Käfiche. Wenn der Treter darin keinen Saft mehr auszupressen vermag, so wird derselbe weggehoben; der Treber mit einem dicken Seile schneckenartig umwunden, und dann, einen Deckel darüber, gekeltert. Wo man hinblickte, überall Weinfässer. Hier, wo die Einfachheit ihren Sitz aufschlug, hat doch der Bauer seine Fässer voll Wein, und würzt damit täglich seine Gerichte; hier, wo Unzierlichkeiten allen Anstand auslachen, findet man wohl noch einen Mörser oder eine Bank von Marmor. Doch allenthalben wenigstens einiger Kontrast!
Ich wollte die Schafmilch kosten; allein die Schafe werden bloß im Frühjahre gemolken.
Es gibt Leute, welche die Schulen mit schelen Augen ansehen. Sie werden sich freuen, daß die San-Pietrianer einer Schule entbehren. Der Bischof gehört nicht zu manchen edeln Bischöfen der katholischen Kirche, die es sich zur Gewissenssache machen, für die Geistesbildung und Herzensveredlung alle Sorge zu tragen.
Sonntags, den 20. Herbstmonat.
Der Nordwind stellte endlich sich ein. Wir lichteten die Anker. Allein um den Kapitän abzuholen, mußten wir rückwärts steuern, in kräftigem Kampfe gegen denjenigen, der uns für die Fahrt nach Alexandrien nicht mehr Gunst hätte erweisen können. Der Kapitän ließ uns zudem beinahe ans Ufer segeln, und damit Alles ja recht langsam und zeremoniös hergehe, sich von seiner ganzen Familie bis an Bord begleiten. Durch die Schuld des Hauptmanns verloren wir fünf der günstigsten Stunden. Dießmal wich von mir die Geduld, und auf meiner ganzen bisherigen Reise hatte ich keine trübern Augenblicke. Ich lasse mir die Geduld gerne gefallen, wenn ein ungünstiger Wind, dem kein Mensch den Lauf befiehlt, die Fahrt hemmt; wo aber diese rein vom menschlichen Willen abhängt, erscheint die Sache in einem andern Lichte. Es wäre Pflicht des Kapitäns gewesen, an Bord zu bleiben, und er hätte beherzigen sollen, daß, nachdem bereits fünfzehn Tage auf der kleinen Reise von Triest nach Lossin verstrichen waren, jeder günstige Augenblick für den Reisenden ein goldener sein mußte. Ich kann diejenigen, welche von Triest aus das adriatische Meer in seiner Länge befahren, nicht genug warnen, daß sie sich einem Kapitän von Lossin grande anvertrauen, darum schon, weil es sehr schwer hält, bisweilen gar unmöglich ist, aus dem Hafen zu dringen, selbst beim günstigsten Winde.
Links sah ich die Isola grossa, welche Dalmatien angehört.