Ich ermangelte nicht, Flavius Josephus, welcher nicht lange nach Christus lebte, so genau, als möglich zu vergleichen. Aufrichtiges Geständniß der Unzulänglichkeit im Verstehen fördert das Gedeihen der Wahrheit mehr, als unklare, anmaßende Vielwisserei. Wie man mich auch immer beurtheilen mag, ich gestehe frischweg, daß ich nicht im Stande war, das Dunkel völlig zu verdrängen, welches einige Stellen in der Lagebeschreibung des Jerusalemers Josephus umschwebt. Mich spornt keine Lust an, gesehen zu haben, was ich nicht gesehen hatte. Denjenigen, welche sich mit der Erklärung behelfen, daß durch gewaltige Naturereignisse der Boden Jerusalems eine andere Gestalt angenommen habe, erwiedere ich mit den Worten: Warum ragen noch so merkwürdige Ueberbleibsel des hohen Alterthums in unser Zeitalter herein, hier der Brunnen in der Tiefe zwischen Moriah und Zion, jenseits am Kidron die Grabmale, dort außer der Stadt gegen Mitternacht die Grabhöhlen? Ich will allerdings die außerordentliche Zerstörung und Umwandlung Jerusalems gerne zugeben, und in Kraft dessen selbst bemerken, daß ich keinen einzigen von jenen ganzen Steinen antraf, welche, nach der Geschichte, zwanzig Ellen lang und zehn breit waren. Man fragt mit Erstaunen: Wohin sind sie denn verschwunden? Wer hat sogar diese schweren Massen entführt oder zerstört? So wenig oder schwer ich Flavius Josephus verstehe, so treu und faßlich finde ich dagegen die Ortszeichnung des Pilgers Hans Jakob Ammann, welcher ihr mit den Schweizer-Wörtern „Halden“ und, dem „Tobel“ Josaphat gleichsam eine vaterländische Farbe auftrug.
Zur Zeit meines Aufenthaltes flossen in Jerusalem keine Bäche, weder der Kidron, noch der Gihon. Jener ist ein wildes Wasser bei stärkerem und anhaltenderem Regen.
Die Grundlage ist etwas röthlicher und so harter Kalkfelsen, daß er die Politur nicht versagt. An vielen Orten tritt er nackt hervor, und an andern überkleidet ihn eine dünne Schichte von Erde und vielen kleinen Geröllen. Der Boden ist demnach weder gut zur Weide, noch zum Anbaue. Mit Mühe sucht das Auge die Palmen, gleich wären sie aus Egypten hieher verbannt. Oel- und Feigenbäume, fast die einzigen Stammgewächse, verdichten sich nicht zu Wäldern wie bei Gaza und Ramle, sondern stehen ziemlich einzeln. Von unausdauernden, wildwachsenden Pflanzen verbreiten mehrere einen gar angenehmen Geruch. An wenigen Stellen wird das Grün der Wiesen von den Steinen nicht unterbrochen. Wo man es erblickt, wirkt seine Lebhaftigkeit wohlthuend, und wenn man die Kühe darauf grasen sieht, möchte man in patriarchalischem Entzücken die Steine und Gerölle der Wüste vergessen. Langsam gleitet der Pflug an den Abhängen des Kidrons und Gehinnons. Derselbe ist einfach genug, daß er die Steingeschiebe oder die Schuttsteine nicht scheuen darf. Ein Eisen, das in die Erde wühlt, ein dünner Baum, welcher dieses Eisen hält und den Zugstrick aufnimmt, noch eine Handhabe hinten für den Ackermann, — das ist der Pflug unter dem Moriah, auf welchem ehemals der reiche Tempel des israelitischen Volkes stolz emporstrebte. In den Thälern, worin einst so heilige Stimmen hinauf zum Throne Jehovas erhallten, zittert jetzt die Luft von dem rohen Geschrei des Pflügers. Nicht allein der Strich gegen Ramle, wohl aber die ganze Umgegend trägt überhaupt das Gepräge der Unebenheit, der Zerrissenheit, der Kahlheit, der Unergibigkeit. Was ist nachsichtiger, als die Vaterlandsliebem welche die Häßlichkeit einer Gegend läugnen kann?
Der Himmel ist weit minder heiß, als in Kairo. Der Ostwind wehte kalt. Während des Sommers regnet es äußerst selten, und die strengern Wintermonate sind die eigentliche Regenzeit. In der regenreichern Zeit herrscht nasse Kälte und fällt manchmal Schnee[1]. Mir dünkt, daß die Einwohner, vorzüglich die Weiber, zu wenig gegen die Kälte sich schützen. Auch sind die Fensterscheiben eine Seltenheit, während sie doch zu Kairo in Menge vorgefunden werden.
Gesundheitszustand und Bevölkerung.
Jerusalems Lage und Himmelsstrich hält man für ungesund. Wechselfieber, Durchfälle und Ruhren kommen häufig vor. Der in dieser Stadt stazionirte egyptische Militärarzt, ein Italiener, machte mir die Mittheilung, daß es gegenwärtig mehrere Ruhrfälle unter den Truppen gebe. Selbst die Pest verschont die Stadt Davids keinesweges und im laufenden Jahre sah man sie übel haushalten. Die Egypzier sollen in der Regel im ersten Monate ihres Aufenthaltes zu Jerusalem von einer Unpäßlichkeit befallen werden, nach und nach aber sich gut an die Gegend gewöhnen. Es gebrach mir an Zeit zur Einsicht in die Todtenbücher, um über die Sterblichkeit ein haltbareres Urtheil zu fällen. Ebenso wenig darf ich rühmen, etwas Zuverlässiges über die Bevölkerung vorführen zu können. Den bisherigen Angaben mangelt es an Gründlichkeit, und neue Vermuthungen, die meinige von 12,000 Seelen, würden sich gerade mit dem gleichen Vorwurfe strafen.
Bauart der Stadt.
Die Stadt ist von zickzackigen, hohen, hin und wieder zu Thürmen emporragenden, massiven, festen Mauern umringt. Außerhalb läuft neben diesen ein Fußweg im ganzen Umfange. Die Stadt, immerhin nicht groß, ist von Südwest nach Nordost am längsten. Wäre eine gerade und gute Straße angelegt, so würde man sie in einer starken halben Viertelstunde gehen.
Die Gassen sind krumm, dabei zwar gepflastert, aber ungemein schlecht. Ein oder mehrere Pflastersteine fehlen häufig. Die Gasse hat zur Seite einen unebenen, erhabenen Weg für die Fußgänger und eine tiefere, hier und da sehr schmale Mitte für eine andere Art Fußgänger, — für die Thiere. Oft stockt hier übelriechendes Wasser, zum mindesten in der Regenzeit, und der große Schmutz macht das Gehen zu einem überaus lästigen Geschäfte. Die erhabenen Fußwege sind so schmal, daß zwei Personen, die einander begegnen, sich, oft nicht ohne Mühe, umdrehen müssen, um vorüberzuschreiten. Wie treffend wären Ammanns Worte: Jerusalem hat viele wüste, unsaubere Gassen, für das heutige Soliman. Man kann sich nicht verhehlen, Jerusalem eignet sich nicht am schlechtesten zum Sitze einer gewissen weltweisen Schule.