Wie ich auf dem letzten Bergscheitel stand, entschwebte mir der Gedanke, daß ich von der Tochter Zions nicht mehr ferne sein könne. Ich durfte eine kurze, nicht sehr merklich abschüssige Strecke fortrücken, bis ich weißgraue Thürme und Streifen von Mauern erblickte. Ich hielt sie für Jerusalem. Ich wurde in dieser Meinung bestärkt, weil Weiber, nach Art der Marktleute, mit beladenen Köpfen uns begegneten. Als ich zudem das Schmettern der Trompeten vernahm, gerieth meine Seele in den Zustand der größten Spannung. Noch ein wenig weiter, und der Führer, ein arabischer Jüngling, schlug auf einmal meine Ungewißheit aus dem Felde, mit den fränkischen Worten: Si mira Gerusalemme (Man sieht Jerusalem). Da ist denn die Schaubühne so verschiedenartiger Auftritte, so schroffer Zerwürfnisse, so blutiger Kriege, so mächtiger Umwälzungen, so harter Drangsale, so freudiger Begeisterungen. Das ist die vielgenannte Stadt, wie keine auf dem ganzen Erdballe so reich an Erinnerungen für den gläubigen Christen und den Staub von Israel.

Glaubst du Jerusalem in einem Thale, wo es von oben her einen köstlichen Anblick darbiete? Du lebst in der Täuschung. Es liegt nur wenig tiefer, als der letzte Bergscheitel und von diesem in der Entfernung etwa einer kleinen Stunde. Glaubst du Jerusalem in der Mitte anmuthiger Fluren? Du wirst dir der lieblichen Trugbilder aufs schmerzlichste bewußt. Der Weg leitete bloß durch steinigen Boden, wie ihn Strabo schon nannte, selbst bis zu den Mauern; das seltene Grün zwischen den Felsen und Geschieben leistet wenig oder keine Entschädigung. Als die Stadt ganz nahe vor mir lag, so erschien sie ohne eigentliche Bedeutung und ohne Pracht. Eben übte sich das egyptische Militär in den Waffen vor den Mauern am Berge Gihon, und die Einsilbigkeit der Stadt ließ mir Muße übrig, das Kriegsvolk zu durchmustern.

Ich kam etwa um zwei Uhr Nachmittags im Zickzack durch das Jaffathor, und wenn auf dem ganzen Wege mein Auge in keinem einzigen murmelnden Bächlein sich badete, so fiel mir gleich eine Pfütze auf, mitten in der äußerst schlecht gepflasterten Gasse. Diese Pfütze, dieses Straßenpflaster und elende Häuser, — das ist, was in Jerusalem zuerst meinen Blick fesselte. In die zweite Gasse links bogen wir ab. Bald erreichten wir das Neuhaus (casa nuova), ein Gebäude, welches dem Kloster der Franziskaner oder des Erlösers (S. Salvatore) angehört, wiewohl ein Gäßchen jenes von letzterem trennt.

Mein Gepäcke wurde in den Hof des Neuhauses gelegt und, nachdem mir von dem freundlichen Klosterverwalter der Aufenthalt bewilliget worden, in ein Zimmer geschafft. Ich schnitt ein saures Gesicht, als ich vergebens Fenster suchte. Auf meiner Wanderung über das Judengebirge war es kühl, jetzt fing es mich an den Füßen ordentlich zu frieren an, und später fror es mich so stark, daß ich Mühe hatte, mich zu erwärmen.

Da das Mittagessen schon vorüber war, so mußte ich mit übrig gebliebenen Speisen mich begnügen. Der reichlich vorgesetzte Wein schmeckte mir vortrefflich, und je mehr ich nippte, desto herrlicher mundete mir der edle Saft der Rebe. Auch genoß ich seit meiner Abreise von Kairo kein schöneres und besseres Brot.

Ich verspürte einige Müdigkeit, zwar nicht vom Gehen, obschon ich den weitaus größten Theil des Gebirgsweges zu Fuß zurücklegte, sondern vom Reiten wegen des unförmlich breiten Sattels. Darum unternahm ich diesen Tag nur noch einen kleinen Spaziergang durch etliche Gassen der Stadt. In meiner frohmüthigen Stimmung zu Jerusalem zwischen dem Gehinnon und Josaphat, dem Zion und Oelberg und Golgatha sang ich mitten durch den Bassar unter der Menge von Menschen. Mein Gesang aber hörte plötzlich auf. Warum? Das will ich erzählen. Bei meinem Mangel der nähern Kenntnisse von der Stadt schritt ich arglos durch das Thor an der Vormauer der Omarsmoschee, welche auf der Stelle des Salomonstempels erbaut sein soll. Die Mohammetaner liefen gegen mich drohend heran, ich merkte, den Tempel im Angesichte, daß ich mich verging, und unverzüglich kehrte ich um. Mein unsaumseliges Benehmen hatte jedoch keine andere Folge, als die, daß der Gesang sich in Pausen auflöste.

Jerusalem.

Oertliche und klimatische Verhältnisse.

Jerusalem oder Soliman, bei den Arabern El-Kots (die Heilige), liegt an einem ziemlich steilen Bergabhange. Der Berg beginnt eben sich schroffer zu senken, und es erheben sich die Mauern der Stadt, auf drei Seiten von einem tiefen und schmalen Thale, wie von einem Festungsgraben, umgeben. Die Natur war so zuvorkommend, um die Stadt zu befestigen, daß die Kunst aus Dankbarkeit ihren Theil beitragen sollte. Beinahe in der Mitte der Abendseite der Stadtmauern steht das Jaffathor (Bab-el-Kalil). Hier beginnt das Thal Gihon, streicht, den Berg Gihon zur Rechten, eine kurze Strecke gegen Mittag, und läßt kaum einen zum Theil verschütteten, zur Zeit wasserleeren Teich, den Teich Berseba (nach Jonas Korte) oder Bethsabe (nach einem andern Schriftsteller), zurück, als es sich gegen Morgen wendet, unter dem Namen Gehinnon etwa eine halbe Viertelstunde weit, um links mit dem Thale Kidron oder Josaphat zusammenzustoßen. Das letztere Thal, von der Brücke an keine Viertelstunde lang, geht von Mitternacht gegen Mittag. In dem Thale Gihon fließt der Bach Gihon, und in dem Thale Kidron der Bach Kidron. Der Wasserüberfluß ergießt sich in den Lothssee (todte Meer). Also auf drei Seiten ist Jerusalem von einer Thalschlucht umfangen: auf der Bethlehem nähern Abendseite vom Gihon, auf der Mittagsseite vom Gehinnon und auf der Morgenseite vom Kidron. Indeß ist vom Jaffathor an gegen Mitternacht, wo die Stadtmauer gegen Sonnenaufgang umlenkt, gegen Emaus und vor dem Damaskusthore kein Thal, sondern ziemlich ebenes, aber rauhes Land.

Der Boden der Stadt ist uneben; im Allgemeinen neigt er sich nach der aufgehenden Sonne. Eine Felsanhöhe und zwei Hügel sind deutlich zu unterscheiden. Der Zion steigt von Mitternacht sehr sanft an. Desto schroffer stürzt er gegen die Bergthäler Gihon und Gehinnon. Zion nennen die heutigen Schriftsteller die Felsanhöhe im Winkel dieser Thäler. Das Thor, welches auf den Zion sich öffnet, heißt Zions- oder Davidsthor (Bab-el-Nabi-Daud), und man gelangt nicht geradenweges über die Schlucht Gehinnon zu der gegenüberstehenden Schluchtlehne Hinnon, über welche der Weg nach Bethlehem weiset, sondern man geht durch das Zionsthor und das Jaffathor, bis man auf langem Umwege dem Zion gegenüber sich befindet. — Das Franziskanerkloster liegt im Nordwest der Stadt. Beim Neuhause geht es steil hügelan. Wenn man durch die Thüre von Mitternacht her zu ebener Erde eingeht, so muß man mehrere Treppenstufen hinuntersteigen, bis man auf der Südseite zu ebener Erde herauskommt. Selbst die Gasse südlich am Kloster fällt gähe gegen Morgen. Ich will den Liebhabern alter Namen die Freude nicht mißgönnen, diesen Hügel im Nordwest der Stadt Akra zu benennen, ob er gleich, darf ich meinen Augen trauen, an Höhe den Zion übertrifft, welcher, wenn ich recht deute, einst die Oberstadt hieß. — Unter dem Akra, dem Josaphatsthale näher, im Nordwest der Stadt erhebt sich ein anderer Hügel. Der Bequemlichkeit willen in der Beschreibung und des geschichtlichen Anklanges wegen belege ich ihn mit dem Namen Bezetha. Der Anfang der sogenannten Schmerzensgasse (via dolorosa) richtet sich in ziemlicher Neigung von Morgen gegen Abend, und von dort zieht eine andere Gasse auf der entgegengesetzten Seite und in entgegengesetzter Neigung von Abend gegen Morgen, nämlich gegen das Josaphatsthal. Unter den Stadtmauern durchgängig hat dieses Thal besonders gähe Wände. — Die Moschee Omars soll auf der Felsnadel Moriah stehen, wo der weise König Salomo die Baustelle für den Tempel kaum groß genug fand, weil sie, „überall gähe, gegen das Thal hing (Flavius Josephus)“. Die Felsnadel war längst abgetragen. Moriah steht von Mittag dem Bezetha gegenüber, wie der Zion dem Akra. Und die vier Anhöhen oder Hügel in Jerusalem heißen, nach den alten Urkunden, Moriah und Bezetha, Zion und Akra. Ich aber unterschied mehr nicht, als zwei Hügel; denn Zion ist eine Felsanhöhe, und der Name Berg verwirrt in der Sprache der Deutschen den Sinn.