Ende der Reise nach Jerusalem.
Uebereinkunft unter den Augen der reverendissimi patres; Abreise um vier Uhr Morgens; Trümmerchroniken; St. Jeremias und sein Brunnen; Terebinthenthal; Einförmigkeit des Judagebirges; si mira Gerusalemme; im Neuhause abgestiegen; vortrefflicher Wein; vor Freude fast Leid am Moriah.
Sonntags den 29. Wintermonat.
Ich habe mich einen Abend vorher mit dem asiatischen Eseltreiber des Hospiziums unter den Augen der Mönche abgefunden. Heute griff man der gestrigen Vergeßlichkeit damit unter die Arme, daß man mein Gepäcke ohne größere Bezahlung nicht mitnehmen wollte. Mit dem Hospizium war kein Streit anzufangen. Froh, von nicht sehr würdigen Vätern mich einmal entfernen zu können, gab ich nach, obgleich ich über das Vorgefallene ein wenig schmollte. Weit mehr ärgerte mich, daß der roth- und triefäugige Knecht des Hospiz mir die Flasche voll Rhum zerschlug oder zerbrechen ließ.
Etwa um vier Uhr in der Frühe reiste ich einzig in Begleit eines jungen Menschen ab. Ich durchritt eine Ebene, welche die Nacht mir verbarg. Beim Grauen des Tages erreichte ich den Anfang des Gebirges von Juda. Auf einem Hügel hart am Wege stand ein Dörfchen. Nun schlängelte sich der Weg gegen Morgen durch ein Thal, dessen Hügel allmälig zu Bergen sich aufthürmten. Der Paß ist nur eine kurze Strecke enge. Hie und da unterbrechen den Boden Bäume und der Pflug. Ueberdies wird die Gegend durch die lärmenden Hirten belebt. Bevor man den Scheitel des nächsten Berges gewinnt, wo eine schöne Fernsicht bis auf das Mittelmeer sich aufschließt, erblickt man rechter Hand, auf einem Hügel, vom Wege unfern ein Dorf inmitten von Oelbäumen. Dort mag die Hälfte des Weges von Ramle bis Jerusalem sein. Von dem Scheitel jenes Berges läuft der Weg zuerst ziemlich eben, dann hinunter und hinauf. Jetzt hinuntersteigend, kommt man an dem Dorfe St. Jeremias vorüber, welches an die nördliche Abdachung eines Berges gebaut ist. Den heitern Blick desselben erwiedern mit einem ernsten und finstern einige Ruinen daneben, welche wohl aus den Zeiten der Kreuzzüge stammen. Diese, wie andere Trümmer an verschiedenen Stellen im Gesichtskreise auf der Bergreise sprechen wie Chroniken. In Jeremias ist das jüdische Gebirge milde; der Feigenbaum trug noch die Blätter, während die Kälte sie in höhern Gegenden gepflückt hat.
Gelangt man von St. Jeremias ins Thal, so zieht rechterseits ein Brunnen die Aufmerksamkeit auf sich. Es liegen jetzt noch Stücke einer Marmorsäule herum. Sie war vielleicht ein Bestandtheil der Verzierung eines Brunnentempels. Weiter beginnt das Weinland. Die Rebe steht da stämmig wie ein Baum, ohne Stütze, ohne Band. Der Blätter gelbe Farbe feierte den Herbst. Auch anderwärts am Wege nach Jerusalem trifft man Weinfeld.
Ich bestieg dann eine Bergspitze mit malerischer Aussicht — auf den wenigstens anderthalb Stunden offen liegenden Weg. Darauf kam ich in eine tiefe Thalschlucht, ins Terebinthenthal, ehe ich aber sie erreichte, an einem Brunnen vorüber, auf dem eine arabische Inschrift steht. Die Sitte der alten Morgenländer befolgend, errichten die Mohammetaner über den Quellen kleine Tempel. In der Thalschlucht selbst, welche von dem Laub der Feigen- und Zitronenbäume beschattet wird, weilt das Auge des Wanderers auf einem ziemlich freundlichen kleinen Dorfe. Von dem Bollwerk einer Ruine herunter redete mich ein Mann an, der vielleicht mich gastlich einladen wollte.
Jetzt ging es auf die letzte Bergkuppe, fast oben neben einer langen Reihe von Kameelen langsamen Schrittes gegen Sonnenuntergang.
Der Weg auf dem Juda ist zwar ein wenig schmal, doch schwierig nirgends, vielmehr überall deutlich, fest ausgetreten, in Summa fürtrefflich für den, welcher die schweizerischen Berge bereiset hat. Neben diesem Wege erhebt sich das Land hier und da stufenförmig, gleich Weingärten, was unzweifelhaft läßt, daß der Anbau des Bodens einst weit mehr geblühet hatte. Gleich am Eingange ins Gebirge erkennt man ohne Mühe die Vierecke der Felder, nunmehr voll kleineren Steingerölles. Auf Geschiebe stößt man im Gebirge ungemein häufig, und der Hauptzug desselben ist Kahlheit. Zwischen den Steinen und Felsen gedeihen wohl gewürzhafte Kräuter, grüne Gebüsche, lachende Bäume; allein diese sind unvermögend, die Gegend im Ganzen lieblich und freundlich zu kleiden. Im Uebrigen verdient der Juda wirklich den Namen eines Gebirges, selbst nach dem Wörterbuche des Hochländers; nur mangeln höhere Berge, die einen majestätischen Eindruck machen. Meist sind die jüdischen abgerundet, und böschen sich gleichmäßig. Kein Bach wälzte sich rauschend bergab durch die Schluchten und Thäler; nirgends tosete der Berggeist in wildem Schaum über einen Felsabsturz; ich konnte im Terebinthenthale höchstens über eine Brücke setzen, welche über einen trockenen Bach sich wölbte.
Auf dem Wege über das Gebirge begegneten mir nicht selten Leute, darunter unverschleierte, aber eben nicht schöne Frauen und Mädchen, auch ein Weib auf einem Kameele. Mein Hut vor Allem schien sie zu befremden. Einigen las man auf ihren Gesichtern: Ach wäre nur die Polizei nicht so strenge, wie gerne wollte ich diesen Menschen ausplündern. Möchten die leidenschaftlichsten Gegner einen Mehemet-Ali und Ibrahim-Pascha nur als Urheber zahlloser Ungerechtigkeiten und Verbrechen auslästern, so viel Unparteilichkeit werden auch sie besitzen, um diesen Männern nachzurühmen, daß unter ihrem mächtigen Arme die Abendländer eines unschätzbaren Gutes, nämlich öffentlicher Sicherheit, sich erfreuen.